Hambacher Forst : Aktivisten trauern um verunglückten Journalisten

Nach dem tödlichen Unfall eines 27-Jährigen im Hambacher Forst hat die Landesregierung die Räumung ausgesetzt. Im Wald wird getrauert.

Carsten Rose
Zu einer Schweigeminute haben sich Aktivisten im Hambacher Forst am Donnerstag versammelt.
Zu einer Schweigeminute haben sich Aktivisten im Hambacher Forst am Donnerstag versammelt.Foto: Oliver Berg/Zu dpa

„Möge deine Seele für immer in einem wunderschönen Wald leben“ – diese Botschaft steht in bunter Schrift auf einem Laken, das am Donnerstag an der Unglücksstelle hängt. Es ist dem 27-jährigen freien Foto-Journalisten aus Leverkusen gewidmet, der am Mittwochnachmittag im Hambacher Forst nach einem Sturz aus 15 Metern Höhe von einer Hängebrücke gestorben ist. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, war es ein Unfall ohne Fremdeinwirkung. Die Sprecherin bezieht sich auf die Filmaufnahmen, die der junge Mann mit seiner Helmkamera gemacht hat. Der Mann wollte ersten Erkenntnissen nach eine Räumungsaktion der Polizei in einem entfernten Baumhaus besser filmen.

Der Unfall hatte sich am siebten Tag des Polizeieinsatzes ereignet, mit dem Baumhäuser von Umweltschützern im Hambacher Forst geräumt wurden. Dort will der Energiekonzern RWE Braunkohle abbauen.

Der Verunglückte Steffen M. teilte noch kurz vor seinem Tod ein Video über seinen Twitter-Account „vergissmeynnic“. Mit Helm und Warnweste ist er darin hoch in den Baumkronen zu sehen. Dort oben sei er, „um die Menschen zu informieren, was hier passiert", sagt er in die Kamera.

Er war gerade erst 27 Jahre alt geworden

In den vergangenen Wochen sammelte Steffen M. Filmmaterial für eine Dokumentation über den Widerstand im Hambacher Forst. Auf der Homepage der Aktivisten war noch am Mittwochabend zu lesen, der Verunglückte sei ein „Freund, der uns seit längerer Zeit im Wald journalistisch begleitet".

Der bis zu seinem Tod in Opladen wohnhafte Mann bezeichnete sich auf Twitter selbst als Regisseur, Künstler und Journalist. So engagierte er sich zuletzt im „Jungen Theater Leverkusen“ sowie im selbstverwalteten Zentrum „Kulturausbesserungswerk“ (KAW).Erst am 11. September hatte er seinen 27. Geburtstag gefeiert. In verschiedenen deutschen Städten fanden am Donnerstag Gedenkveranstaltungen für ihn statt.

Ein kleiner Schrein wurde im Wald angelegt

An der Unglücksstelle haben am Donnerstag Aktivisten und Menschen, die ihre Anteilnahme ausdrücken wollen, einen kleinen Schrein errichtet. Mit Kerzen, Blumen, Schildern. Die Polizei ist in der Nähe, hält Abstand. Es sind auch nicht mehr so vielen Polizisten wie in den Tagen zuvor vor Ort. Die Absperrbänder haben Aktivisten eigenhändig entfernt. Zwischenzeitlich kommen bis zu 70 Personen zu der Gedenkstelle: Junge Menschen, Mütter mit Kinder, Journalisten. Eine Aktivistin, die minutenlang an dem Schrein ausharrt und Duftkerzen entzündet, will sich nicht zu dem äußern, was am Vortag in „Beechtown“, wie die Aktivisten die Siedlung nennen, passiert ist. „Es ist noch zu frisch, es tut weh“, sagte die junge, in ein Tuch gehüllte Frau mit gebrochener Stimme.

Die Stimmung kippt, als sich mehrere Dutzend Polizisten in Richtung „Lorien“ aufmachen, eine weitere Siedlung am Waldrand. Sie wollen Barrikaden entfernen, die vor dem Eingang zur Siedlung den Weg versperren. Ihr Einsatzauftrag: Rettungs- und Fluchtwege räumen. Rund 30 Aktivisten und Demonstranten, die sich ihnen in den Weg setzten und lautstark Anti-Polizei-Parolen brüllen, interpretieren das anders: Die Polizei wolle den Tag des Gedenkens für weitere Räumungen nutzen.

Der Innenminister bleibt bei seinem Kurs

Dabei hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung entschieden, die Räumung der Baumhäuser auszusetzen. „Wir brauchen jetzt alle eine Pause“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul am Donnerstag. Reul machte aber auch klar, dass der tragische Vorfall nichts an seinem grundsätzlichen Kurs ändern werde. „Die Rechtslage ist klar. Die nordrhein-westfälische Polizei ist angefordert worden wegen der Räumung, um Schutz zu geben.“ Das werde auch weiterhin geschehen.

Die Weisung zur Räumung der Baumhäuser war am Donnerstag vergangener Woche vom NRW-Bauministerium erteilt worden mit dem Hinweis, dass von den Baumhäusern „Gefahr für Leib und Leben“ ausgehe. Die Räumung selbst wurde von den Baubehörden Düren und Kerpen durchgeführt. Das NRW-Innenministerium schickte Polizei zur Absicherung der Räumung in den Hambacher Forst. Zwischen 2000 und 3000 Polizisten sind am Einsatz im Rheinischen Revier beteiligt.

Von den Baumhäusern gehe Gefahr aus

Verantwortung dafür, dass sich die Situation im Hambacher Forst gerade in den letzten Tagen dramatisch zugespitzt hat, wies Reul von sich. Wenn die Aktivisten die Baumhäuser freiwillig geräumt hätten, wäre „ja gar kein Problem da“, sagte der Innenminister. Er selbst habe die Baumhäuser nicht gebaut, er habe auch nicht die richterliche Entscheidung getroffen. Die Richter hätten entschieden, dass von den Baumhäusern Gefahr ausgehe, das habe weiterhin Bestand. Wann es weitergehe mit der Räumung, könne er aber noch nicht sagen. Aus Kreisen der Landesregierung war am Donnerstag zu hören, dass es bereits nächste Woche weitergehen soll.

Der Energiekonzern RWE wollte nicht sagen, ob der Vorfall dazu führen könnte, die für Mitte Oktober geplante Rodung des Hambacher Forstes auszusetzen. Rolf Martin Schmitz, Vorstandsvorsitzender von RWE, teilte mit: „Wir sind erschüttert und bedauern diesen Unfall zutiefst. Unser Mitgefühl gilt der Familie, den Angehörigen und den Freunden.“

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