• Helmholtz-Gutachten zum Coronavirus: Aus diesen Gründen stellen sich vier Forscher gegen den schnellen Exit

Helmholtz-Gutachten zum Coronavirus : Aus diesen Gründen stellen sich vier Forscher gegen den schnellen Exit

Angela Merkel schenkt den Leopoldina-Forschern besonders Gehör, die das Land schnell wieder öffnen wollen. Doch es gibt auch eine prominente Gegenmeinung.

Eine Polizeistreife fährt Ende März durch den Treptower Park in Berlin und fordert die Menschen auf, die Wiese zu verlassen.
Eine Polizeistreife fährt Ende März durch den Treptower Park in Berlin und fordert die Menschen auf, die Wiese zu verlassen.Foto: Foto: Paul Zinken / dpa

Für die Forscher der nationalen Wissenschafts-Akademie Leopoldina ist der Fall klar: „Sobald wie möglich“ sollen die Schulen in Deutschland wieder geöffnet werden. Es ist einer der Kernpunkte ihres „realistischen“ Zeitplans auf dem Weg zu einer Normalität trotz des Coronavirus, obwohl sie kein konkretes Datum dafür nennen.

Vor allem aber: Die Gruppe dieser 26 Wissenschaftler findet besonders Gehör bei Angela Merkel. Das hat die Bundeskanzlerin bereits deutlich gemacht. Am Mittwoch will sie gemeinsam mit den Länderchefs über das weitere Vorgehen in der Coronakrise und die Lockerung oder Weiterführung der harten Beschränkungen entscheiden.

Doch es gibt auch Epidemiologen, die ganz klar vor einer schnellen Lockerung der Kontaktsperre-Maßnahmen warnen – das Risiko, die Beschränkungen im Fall einer neuerlichen Ansteckungswelle wieder hochfahren zu müssen, sei zu groß. Vier Professoren der Helmholtz-Gemeinschaft mahnen in einem Gutachten, das dem Tagesspiegel vorliegt, eindringlich, die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen aufrecht zu erhalten. Und zwar für circa weitere drei Wochen.

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Die Maßnahmen hätten „eine hohe Aufmerksamkeit für das Problem und ein hohes Maß an Solidarität erzeugt.“ Sie empfehlen, die Infektionsrate soweit abzusenken, dass „die Epidemie dauerhaft kontrollierbar wird.“

Eine Unterbrechung der Maßnahmen berge ein großes Risiko. „Eine spätere Wiederaufnahme der Maßnahmen wäre der Bevölkerung wahrscheinlich schwerer zu vermitteln als eine Fortführung heute“, mahnen die vier Hauptautoren im Verbund mit 15 weiteren Forschenden.

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Otmar Wiestler, Wolfgang Marquardt, Dirk Heinz und Michael Meyer-Hermann warnen, dass – sofern die Kontaktbeschränkungen jetzt gelockert würden – die Menschen und auch die deutsche Wirtschaft noch viel länger leiden müssten, weil sich „die starke Auslastung des Gesundheitssystems über Jahre hinziehen dürfte“. Dieser Weg würde demnach auch „zu einer hohen Zahl an Todesopfern führen“.

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Die Forscher schreiben von „erheblichen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kollateralschäden“. Dies gelte nach heutigem Wissensstand selbst dann, wenn die Dunkelziffer von harmlosen Corona-Erkrankungen hoch wäre und die bisher nicht bewiesene Annahme stimmen würde, dass Genesene anschließend immun seien.

Diese drei Szenarien untersuchen die Helmholtz-Forscher:

  • Szenario eins: Die Kontaktbeschränkungen werden so gelockert, dass die Reproduktionszahl wieder auf Werte über 1 ansteigt. Dann werde das Gesundheitssystem "massiv überlastet". Die Reproduktionszahl beschreibt, wie viele Menschen durch eine erkrankte Person durchschnittlich infiziert werden. In diesem Szenario steckt also ein Mensch mehr als einen weiteren an. Aktuell liegt die Rate laut dem Robert Koch-Institut bei 1,2 Ansteckungen pro Infiziertem.
  • Szenario zwei: Kontaktbeschränkungen und andere flankierende Maßnahmen werden so gewählt, dass die Reproduktionszahl im Bereich von 1 bleibt. Dann würden sich die Kontaktbeschränkungen wohl "über Jahre" hinziehen.
  • Szenario drei: Die Kontaktbeschränkungen werden zunächst weitergeführt und durch flankierende Maßnahmen begleitet, so dass die Reproduktionszahl dauerhaft und deutlich unter 1 sinkt. Diese Verschärfung würde demnach einige Wochen dauern und durch eine deutlich ausgeweitete Test-Strategie ergänzt. Dieses dritte Szenario empfehlen auch die Wissenschaftler als Ziel.

Damit wird die Unsicherheit darüber, mit welchem detaillierten Fahrplan eine Rückkehr zur Normalisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland möglich ist, weiter vergrößert. Auch die Leopoldina ist bislang – bis auf den Fahrplan bei den Schulöffnungen – eher unkonkret geblieben.

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Das Robert Koch-Institut (RKI) rät dazu, die Abstands- und Hygieneregeln auch im Fall einer ersten Lockerung von Maßnahmen streng beizubehalten. Im Moment stecke ein infizierter Mensch in Deutschland durchschnittlich 1,2 weitere Menschen an, so RKI-Präsident Lothar Wieler.

Um die Epidemie abflauen zu lassen, müsste diese sogenannte Reproduktionszahl unter 1 liegen. Insgesamt hätten sich die Ansteckungszahlen - regional unterschiedlich - auf einem hohen Niveau eingependelt. „Wir haben noch keinen eindeutigen Hinweis, dass sie zurückgehen.“

Auch die nationale Wissenschafts-Akademie nannte zahlreiche Voraussetzungen, damit das öffentliche Leben wieder normaler ablaufen und beispielsweise Einzelhandel und Gastgewerbe wieder öffnen, und Menschen wieder reisen können.

Diese Hürden nennen die Leopoldina-Forscher für eine Öffnung des Landes:

  • Die Zahl der Neuinfektionen muss sich auf niedrigem Niveau stabilisieren.
  • Kliniken brauchen genug Reserve.
  • Schutzmaßnahmen wie Hygiene, Abstandsregeln und auch das Tragen von Schutzmasken müssten eingehalten werden.
  • Für den öffentlichen Personenverkehr empfehlen die Wissenschaftler eine Mundschutz-Pflicht.

Aus Sicht der Helmholtz-Epidemiologie wären hingegen „zeitlich begrenzte, aber intensive Kontaktbeschränkungen“ der bessere und sicherere Weg, um die Ansteckungszahl deutlich unter 1 zu senken. Bevor die Maßnahmen schrittweise gelockert werden, müssten zudem umfassende Test- und Überwachungsmaßnahmen vorbereitet werden, um ein neues Aufflackern der Pandemie zu verhindern. In dem Gutachten heißt es: „Je strikter die Maßnahmen, desto schneller wird der Zielwert erreicht.“

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