Hohe Corona-Todesraten in Heimen : Pflegeheime dürfen nicht lebensgefährlich sein

Die Geringschätzung für Alte und Pflege wird in der Pandemie überdeutlich. Die systemischen Missstände müssen beendet werden. Eine Kolumne.

Barbara John
Ein Pfleger schiebt einen Rollstuhl
Ein Pfleger schiebt einen RollstuhlFoto: Peter Steffen/dpa

Wie die Sonne sprichwörtlich Dinge an den Tag bringt, die auf Dauer nicht zu verbergen sind, so ist es auch mit dem Coronavirus. Wer hätte vor der Pandemie nachweisen können, dass die Betreuung älterer und behinderter Menschen in Einrichtungen wie Pflege- und Wohnheimen in Covid 19-Zeiten weit lebensgefährlicher ist als in häuslicher Pflege?

So das Ergebnis einer weltweiten Studie in wohlhabenden Ländern mit Daten bis Ende Juni, die kürzlich in der britischen Wochenzeitschrift "The Economist" veröffentlicht wurde.

Das erste Land auf der Negativliste ist Kanada. Mehr als 80 Prozent aller an Covid-19 landesweit verstorbenen Personen lebten in Altenheimen; in absoluten Zahlen sind es 7.050 von insgesamt 8.700 Menschen.

Kommentatoren sprechen von nationaler Schande, Angehörige haben Klagen eingereicht und protestieren mit Hungerstreiks. Premierminister Trudeau reagierte, indem er Soldaten in die Einrichtungen schickte, um Bewohner „zu füttern“ und die verschmutze Bettwäsche zu wechseln, wie Medien berichteten.

Patientenschützer warnen vor Pflegeheimen

In Ländern mit vergleichbarem wirtschaftlichen Wohlstand, beispielsweise in Belgien, Frankreich, Deutschland, zeigen sich ähnliche Entwicklungen in abgeschwächter Form: In Belgien sind 62 Prozent der an oder mit Corona Verstorbenen Heimbewohner gewesen. In Deutschland waren es in dem Zeitraum demnach 40 Prozent aller Virusopfer.

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Schon im April erklärte Patientenschützer Eugen Brysch im "Deutschen Ärzteblatt", Pflegeheime seien ein „hochgefährlicher“ Ort. Wer es besser macht, sind Südkorea und in Hongkong, wo gerade in Heimen mit Langzeitpflege von Anfang an kompromisslos getestet wurde. Die frühe Erfahrung mit dem Sars-Virus half dabei. 

Trotz unterschiedlicher Versäumnisse in den untersuchten Ländern ist ein Grundmuster zu erkennen: Eine klammheimliche Geringschätzung in vielen Gesellschaften für pflegebedürftige Alte - die mehrheitlich Frauen sind. Die Folgen: Viel zu wenige, unterbezahlte Pflegkräfte, die mentale und körperliche Schwerstarbeit leisten - wiederum fast nur Frauen. Nach Corona soll ja einiges auf den Prüfstand. Die zu lange ignorierten systemischen Missstände in Pflegeeinrichtungen gehören dazu.

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