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Cassidy Hutchinson wird im Untersuchungsausschuss zum 6. Januar als Zeugin vereidigt.
© Imago/UPI Photo

Zeugin belastet Trump schwer: „Ich bin der verfluchte Präsident, bringt mich zum Kapitol“

Eine Ex-Mitarbeiterin des Weißen Hauses sagt zum Sturm auf das Kapitol aus. Trump war die Gefährlichkeit seiner Anhänger bewusst – er hetzte sie dennoch auf.

Als Cassidy Hutchinson, den Aktenordner unter den rechten Arm geklemmt, in die Pause verschwindet, erklingt kurz Applaus aus den hinteren Reihen. Eine eher ungewöhnliche Reaktion hier im Cannon House Office Building in Washington. Aber eine nachvollziehbare angesichts dessen, was die 25-Jährige in den 60 Minuten zuvor berichtet hat.

Dass die ehemalige Assistentin von Donald Trumps Stabschef Mark Meadows vor dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses zum Sturm auf das US-Kapitol aussagt, unterscheidet sie nicht nur von vielen einstigen Mitarbeitern der Regierung Trump, die sich lieber auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen.

Sie trifft den Kern der Untersuchungen

Auch ihre Detailgenauigkeit und vor allem ihre Treffsicherheit machen Eindruck. Sie stößt zielsicher in das Zentrum dessen vor, was die Abgeordneten im Cannon House Office ergründen und belegen wollen: Donald Trumps Verantwortung für den 6. Januar 2021, jenen Tag, an dem seine Anhänger das US-Kapitol stürmten, um zu verhindern, dass seine Niederlage Realität würde. Jener Tag, an dem fünf Menschen ihr Leben verloren.

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Diese sechste Sitzung des Ausschusses, der die Hintergründe der Gewalt aufklären soll, ist überraschend erst 24 Stunden zuvor angesetzt worden. Eigentlich hat es zuletzt geheißen, die nächsten Sitzungen würden erst wieder Mitte Juli stattfinden, da erst zusätzliche Zeugenaussagen und Beweise ausgewertet werden müssten.

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Wichtig ist: Der Aufbau der Anhörungen ist kein Zufall, sondern Ergebnis sorgfältiger Planung. Ziel der live übertragenen Sitzungen muss es unter anderem sein, die öffentliche Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.

Angekündigt als „mystery witness“

Bei der Ankündigung am Montag war noch unklar, um was es genau gehen würde. Erst am späteren Abend sickerte durch, dass Hutchinson als „mystery witness“ auftreten würde.

In der vergangenen Woche wurden bereits Teile ihrer aufgezeichneten Aussage ausgestrahlt, in denen sie offenlegte, welche republikanischen Abgeordneten Trump noch vorsorglich um ein vorauseilendes Gnadengesuch gebeten hatten. Schon das löste ein mittleres politisches Beben aus.

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Etwas ältere Beobachter erinnern sich: Bei dem bisher wohl bedeutsamsten Untersuchungsausschuss Amerikas, dem zum Watergate-Skandal, veränderte ein solcher mysteriöser Überraschungszeuge den Verlauf der Anhörungen – und damit die Geschichte des Landes.

Selbst Fox News nennt die Aussage „sehr kraftvoll“

Die Erwartungen sind also hoch, und sie werden nicht enttäuscht. Selbst der Trump-nahestehende Sender Fox News spricht anschließend von einer „sehr, sehr kraftvollen Aussage“.

[Lesen Sie auch: „Der Höhepunkt eines versuchten Staatsstreichs“: Die Schuld des Präsidenten – und die tickende Uhr der Aufarbeitung (T+)]

Die dunkelhaarige Frau, weißer Blazer, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, berichtet ruhig, aber keineswegs emotionslos von dem, was sie im Weißen Haus rund um den 6. Januar erlebte. Wie der Ausschussvorsitzende Bennie Thompson auf der Leinwand am Kopf des Raumes zeigt, lag Hutchinsons Büro nicht weit entfernt vom Oval Office, und als Meadows Assistentin war sie ohnehin im Zentrum des Geschehens.

Trump wusste, dass manche seiner Anhänger bewaffnet waren

Ihre wohl wichtigste Aussage macht klar, dass Trump vor seiner Rede an seine Anhänger am 6. Januar von Waffen im Publikum gewusst hat – und dass es ihm egal war. Er sei frustriert über die strengen Einlasskontrollen gewesen, berichtet Hutchinson. „Nehmt diese verdammten Metalldetektoren weg“, sagte er ihr zufolge. „Sie sind nicht hier, um mich zu verletzen. Lasst sie rein. Lasst meine Leute rein, sie können nach der Kundgebung zum Kapitol marschieren.“

Die stellvertretende Ausschussvorsitzende Liz Cheney bestätigt, dass viele Waffen konfisziert worden seien. Der Untersuchungsausschuss habe aus Berichten der Strafverfolgungsbehörden erfahren, dass die Teilnehmer der Trump-Kundgebung Pfefferspray, Messer, Schlagringe, Taser und stumpfe Gegenstände bei sich gehabt hätten, sagt Cheney, neben Adam Kinzinger die einzige republikanische Abgeordnete in dem Gremium.

Der Präsident wollte selbst zum Kapitol fahren

Hutchinson erzählt weiter, dass Trump trotz massiver Sicherheitsbedenken unbedingt selbst zum Kapitol habe fahren wollen, wo der Kongress die Wahl seines Nachfolgers Joe Biden beglaubigen sollte. Dabei beruft sie sich auf ein Gespräch mit einem Kollegen und dem zuständigen Secret-Service-Beamten unmittelbar nach dem Vorfall.

Als sie beschreibt, wie der Präsident dabei sogar dem Fahrer seines „Beast“ genannten gepanzerten Fahrzeuges wütend ins Lenkrad gegriffen und ausgestoßen habe: „Ich bin der verfluchte Präsident, bringt mich zum Kapitol“, ist ungläubiges Lachen im Saal zu hören.

Handgemenge in der Präsidenten-Limousine

Der Personenschützer habe den Präsidenten am Arm gepackt, um ihn davon abzubringen, schildert Hutchinson die Szene. Der habe sich gewehrt. Ein Handgemenge in der Präsidenten-Limousine – Trump schafft es tatsächlich immer noch, Beobachter zu verblüffen.

[Lesen Sie auch: Tote, Verletzte, Erschütterte: Die USA und das Trauma der Kapitol-Erstürmung (T+)]

Ähnlich schwer fassbar ist eine weitere Szene, die Hutchinson beschreibt: Trump habe sich schrecklich über Justizminister William Barrs Interview mit der Nachrichtenagentur AP aufgeregt, in der dieser der Behauptung des Präsidenten widersprach, bei der Wahl im November 2020 sei flächendeckend betrogen geworden.

Er warf sein Essen an die Wand

Aus Wut habe Trump einen Porzellanteller mit seinem Mittagessen an die Wand des Speisezimmers im West Wing geschmissen. Sie habe dann mit einem Handtuch Ketchup von der Wand gewischt.

Aber all die grotesken Anekdoten können an diesem Tag nicht davon ablenken, was als Quintessenz von Hutchinsons Zeugenaussage bleibt: Trump war sich bewusst, dass seine Anhänger gewaltbereit waren. Und er hat sie mit seinem Gerede von der gestohlenen Wahl aufgehetzt – dennoch, oder vielleicht gerade deswegen?

Was macht Justizminister Garland?

Diese Frage ist auch für den derzeitigen Justizminister Merick Garland relevant. Denn der muss bald darüber entscheiden, ob er auf Grundlage der Erkenntnisses des Untersuchungsausschusses ein Strafverfahren gegen Donald Trump erhebt.

Was Zeugen wie Ex-Stabschef Meadows dazu beitragen könnten, wird mit jedem Tag, an dem der Untersuchungsausschuss tagt, klarer. So berichtet Hutchinson, ihr Chef habe ihr erzählt, Trump sei der Ansicht gewesen, sein Vizepräsident Mike Pence habe die Attacken gegen ihn „verdient“, weil er sich nicht davon abhalten ließ, Biden zum Sieger zu erklären.

Improvisierter Galgen für Mike Pence

Manche Angreifer hatten sich am 6. Januar mit „Hängt Pence“-Rufen auf die Suche nach dem Vizepräsidenten gemacht. Vor dem Kapitol war zudem ein hölzerner Galgen errichtet worden.

Trump fuhr an diesem Tag nicht mehr zum Kapitol. Davor warnte ihn auch der Rechtsberater des Weißen Hauses, Pat Cipollone, wie Hutchinson berichtet. „Wir werden jedes vorstellbaren Verbrechens angeklagt“, wenn der Präsident am Kongress auftauchen würde, hat Cipollone demnach gesagt.

Stundenlang ließ er den Mob gewähren

Trump gab nach, aber er brauchte Stunden, um seine Anhänger mit den Worten nach Hause zu schicken: „Wir lieben euch. Ihr seid etwas ganz Besonderes. Geht heim in Frieden.“

Ob dieser dokumentierte Widerwille, die von ihm selbst geschürte Gewalt in den Griff zu bekommen, zusammen mit Aussagen wie denen der 25-jährigen Hutchinson den Boden für eine Anklage bereitet? Wird also Justizminister Garland nun tätig und versucht so zumindest zu verhindern, dass Trump 2024 wieder antritt? Die Antwort steht noch aus.

Cassidy Hutchinson steht unter Polizeischutz

Für Cassidy Hutchinson hat ihre Aussage schon jetzt Konsequenzen. Sie steht unter Polizeischutz, seit bekannt wurde, dass die mit dem Untersuchungsausschuss kooperiert.

Hinten im Sitzungssaal sitzt am Dienstag noch eine andere ehemalige Mitarbeitern der Regierung Trump, die weiß, wie es ist, wenn man sich lossagt. Olivia Troye war Sicherheitsberaterin von Mike Pence und arbeitete für ihn in der Corona-Taskforce des Weißen Hauses, bevor sie wegen des Umgangs mit der Pandemie frustriert aus der Regierung ausschied. Sie gehört nun zu jenen wenigen Konservativen, die Trump öffentlich kritisieren, und setzt sich für Abgeordnete wie Liz Cheney und Adam Kinzinger ein.

„Wenn dies nicht reicht, was dann?“

Troye sagt: „Cassidy muss nun für den Rest ihres Lebens mit den Konsequenzen leben, mit dem, was dieser Schritt für ihre Karriere bedeutet.“ Sie habe so viel mehr Mut gezeigt, als all die anderen, die die Wahrheit leugneten.

Für sie selbst sei die Situation immer noch schwierig, berichtet Troye. Aber sie hoffe dennoch, dass auch andere jetzt offen aussprechen würden, was wirklich geschah.

Trumps Verhalten rund um den 6. Januar sei katastrophal gewesen. Ob die Erkenntnisse des Repräsentantenhauses für eine Anklageerhebung ausreichen? Troye antwortet mit der Gegenfrage: „Wenn dies nicht reicht, was dann?“

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