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Die Inflation in Deutschland liegt seit drei Monaten über der Sieben-Prozent-Marke
© Christoph Soeder/dpa

„Preiserhöhungen in fast allen Bereichen“: Inflation in Deutschland kratzt an Acht-Prozent-Marke

Das Leben in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten spürbar verteuert. Kurzfristig sollten Verbraucher nicht mit Entspannung rechnen.

Kräftige Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel haben die Teuerungsrate in Deutschland auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren getrieben. Volkswirte machen Verbraucherinnen und Verbrauchern wenig Hoffnung, dass die Preise rasch wieder sinken werden. Im Mai lagen die Verbraucherpreise um 7,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat.

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Damit verharrte die Inflationsrate in Europas größter Volkswirtschaft im dritten Monat in Folge über der Marke von sieben Prozent. Im März war die Teuerungsrate auf 7,3 Prozent gesprungen, im April lag sie bei 7,4 Prozent. Von April auf Mai zogen die Preise um 0,9 Prozent an. Die Statistiker bestätigten am Dienstag ihre vorläufigen Angaben.

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man bis in den Winter 1973/1974 zurückblicken, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Energiepreise infolge der ersten Ölkrise gestiegen.

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Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft. Verbraucher können sich für einen Euro dann weniger leisten. Infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine hatten die Energiepreise in den vergangenen Monaten auf hohem Niveau deutlich angezogen. Russland ist ein wichtiger Lieferant von Erdöl und Erdgas.

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Energie treibt Inflation in die Höhe

Doch nicht nur die angespannte Lage auf dem Weltmarkt treibt die Energiepreise, sondern auch die deutsche CO2-Abgabe: Seit Jahresbeginn sind 30 Euro je Tonne Kohlendioxid fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht.

Im Mai mussten die Menschen in Deutschland für Energie 38,3 Prozent mehr zahlen als vor Jahresfrist. Heizöl war fast doppelt so teuer wie im Mai 2021. Erdgas verteuerte sich um mehr als die Hälfte. Auch die Preise für Kraftstoffe (41 Prozent) und Strom (21,5 Prozent) zogen deutlich an.

Lieferengpässe sorgen zudem dafür, dass Preise für viele Waren anziehen. Lebensmittel verteuerten sich um 11,1 Prozent. Damit verstärkte sich der Preisauftrieb nach 8,6 Prozent im April noch einmal kräftig. Die Preise für Waren insgesamt erhöhten sich im Mai zum Vorjahresmonat um 13,6 Prozent. Es gebe „Preiserhöhungen in fast allen Bereichen“, stellten die Statistiker fest.

Die angespannte Lage auf dem Weltmarkt treibt auch die Energiepreise.
Die angespannte Lage auf dem Weltmarkt treibt auch die Energiepreise.
© Daniel Reinhardt/dpa

Anstieg bei Verkaufs- und Großhandelspreise

Die Bundesregierung versucht, die Menschen unter anderem durch einen befristeten Tankrabatt zu entlasten. Entspannung ist kurzfristig nicht in Sicht. Die Verkaufspreise im Großhandel, die auf die Verbraucherpreise wirken, waren nach Berechnungen des Bundesamtes im Mai um 22,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Damit war der Anstieg zwar etwas schwächer als im April 2022. Von April auf Mai dieses Jahres allerdings stiegen die Großhandelspreise um 1,0 Prozent. Die Bundesbank erwartet für das Gesamtjahr in Deutschland eine Teuerungsrate von 7,1 Prozent gemessen am sogenannten harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Diesen zieht die Europäische Zentralbank für ihre Geldpolitik heran.

Im Mai lag der HVPI in Deutschland um 8,7 Prozent über Vorjahresniveau. Die EZB peilt für den Währungsraum der 19 Länder mittelfristig stabile Preise bei 2 Prozent Inflation an. Angesichts der rekordhohen Teuerung hat die Notenbank nach langem Zögern den Ausstieg aus ihrer seit Jahren ultralockeren Geldpolitik beschlossen: Die milliardenschweren Anleihenzukäufe werden zum 1. Juli beendet.

Am 21. Juli will der EZB-Rat die Leitzinsen erstmals seit elf Jahren wieder erhöhen, zunächst um jeweils 0,25 Prozentpunkte. „Die Geldpolitik ist aufgerufen, die Teuerung durch konsequentes Handeln zurückzuführen“, mahnte jüngst Bundesbankpräsident Joachim Nagel.

[Lesen Sie auch: Erste Leitzinserhöhung seit elf Jahren: Welche Folgen hat der neue Kurs der EZB? (T+)]

Özdemir stellt auf weitere steigende Lebensmittelpreise ein

Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir (Grünen)
Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir (Grünen)
© Fabian Sommer/dpa

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) rechnet mit weiter steigenden Lebensmittelpreisen in Deutschland. „Vieles kommt leider erst noch“, sagte der Minister der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Dienstag) Die Lebensmittelindustrie habe etwa lange Einkaufsfristen für Energie. „Wir müssen im Herbst und Winter mit Steigerungen rechnen, weil sich der Handel jetzt mit teurer Energie versorgen muss und die Preissteigerungen an die Kunden weitergereicht werden.“

Im „Morgenmagazin“ des ZDF räumte Özdemir mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine ein: „Ich kann die Folgen des Krieges als bundesdeutscher Agrarminister nicht ungeschehen machen.“ Es gehöre zur russischen Strategie, Getreideexporte aus der Ukraine zu blockieren, um die weltweite Nahrungsmittelkrise weiter zu verschärfen.

Mehr zum Ukraine-Krieg bei Tagesspiegel Plus:

„Der Krieg Russlands, der muss enden“, sagte der Grünen-Politiker. Darum sei ein „Teil der Strategie, die Ukraine zu ertüchtigen, damit sie in diesem Krieg erfolgreich ist“.

Özdemir rief in der „Rheinischen Post“ die Kritiker seines Vorstoßes, die Mehrwehrtsteuer auf bestimmte Lebensmittelprodukte zu senken, dazu auf, Alternativen vorzulegen. „Dass das aktuelle Mehrwertsteuersystem einmal grundsätzlich auf den Prüfstand gehört, darüber kann es nicht ernsthaft Streit geben.“

Der Minister regte an, eine Reform "parteiübergreifend" anzugehen und das System vom Kopf auf die Füße zu stellen. „Logik, Einfachheit und Nachhaltigkeit sind dabei die Stichworte. Da landet man dann schnell bei meinem Vorschlag“ , sagte Özdemir. (dpa, epd, AFP)

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