Integration in Europa : Kontinent der Fremdenfeinde

Europa tut sich schwer damit, seine Migranten zu akzeptieren. Warum das so ist, hat die EU-Denkfabrik für Wirtschaftsfragen untersucht.

Darf sie Europäerin werden? Die EU-Bürger tun sich schwerer mit Einwanderung als Menschen jedes andern Kontinents.
Darf sie Europäerin werden? Die EU-Bürger tun sich schwerer mit Einwanderung als Menschen jedes andern Kontinents.Foto: Max Rossi/Reuters

Die einen nehmen viele auf, die andern wenige. In Schweden und Großbritannien haben Flüchtlinge praktisch so oft Jobs wie Einheimische, in Belgien und Deutschland dagegen ist der Unterschied zwischen beiden Gruppen erheblich. Warum gibt es diese großen Unterschiede zwischen den europäischen Staaten in der Flüchtlingspolitik? fragten am Montag das Wirtschaftsinstitut DIW und Bruegel, Europas Think Tank für Wirtschaftsfragen. Bruegels neueste Studie meint den Grund ausgemacht zu haben: Die gemeinsamen europäischen Asylregeln würden schlicht zu unterschiedlich umgesetzt, heißt es in "People on the move. Migration and mobility in the European Union".

Könnte ein Asiate Bundeskanzler werden?

Wie gut diese Regeln sind, wurde am Montag freilich nicht zum Thema. Schließlich kamen sie, kaum drei Jahre nach der feierlichen Verabschiedung des "Gemeinsamen Europäischen Asylsystems" 2013, für dessen Erarbeitung man 14 Jahre brauchte, schon wieder in die Reparatur. Selbst in der zuständigen Migrationsdirektion in Brüssel war von einem "Potemkinschen Dorf" die Rede, das schon beim ersten Sturm, sprich dem Fluchtjahr 2015, zusammengebrochen sei. Jetzt soll bis Sommer etwas Solideres geschafft sein. Den Eckstein einer wirklich gemeinsamen EU-Asylpolitik aber hat Deutschland gerade eben - vorerst - von der Baustelle geräumt: Innenminister Thomas de Maizière verkündete vergangene Woche, man werde über die hochumstrittenen Länderquoten zur Flüchtlingsverteilung erst ganz zum Schluss reden, um Fortschritte auf andern Feldern nicht zu blockieren.

Der Grund nicht nur für die großen Unterschiede, sondern auch für die durchweg dürftigen Integrationserfolge der Europäer mit Migranten insgesamt - nur einige wenige hätten hier etwas vorzuweisen, heißt es in der Studie - nennt der Text eher nebenbei. "Migrantenfeindlichen Haltungen begegnen" heißt die allererste der politischen Forderungen der Brüsseler Denkerinnen und Denker. Europa tut sich besonders schwer mit Einwanderung, was historische Gründe haben könnte. Als Zielgebiet von Migration nämlich hat der alte Kontinent eine noch sehr junge Geschichte. "Vierhundert Jahre lang haben wir die Welt bevölkert", sagt Guntram Wolff, der deutsche Direktor des 2003 von Frankreich und Deutschland gegründeten Think Tanks. "Dass ein bulgarischer Einwanderer Präsident von Brasilien werden kann, finden wir selbstverständlich. Aber dass ein Asiate Bundeskanzler werden könnte?"

Integrationserfolge der Briten

Dabei ist Einwanderung schon seit den 1990er Jahren wichtiger für den demographischen Wandel als der auf null gefallene Geburtenüberschuss, wie sich aus den Daten der europäischen Datenzentrale Eurostat lesen lässt. Was die Versäumnisse Europas im Umgang mit dem Phänomen dramatisch werden lassen könnte. Überall - außer bei den EU-unwilligen Briten - ist die Schulabbrecherrate junger Migranten höher als die der Alteingesessenen, fast überall die Arbeitsmarktintegration geringer - mit den besagten Schlusslichtern Deutschland und Belgien - und ihre Einkommen im Schnitt deutlich niedriger. Und nirgendwo auf der Welt ist die Haltung zu Einwanderern so negativ wie im alten Europa. Selbst Afrikaner, die eine riesige Zahl auch von Kriegsflüchtlingen verkraften müssen, sind weniger feindlich eingestellt, aufgeschlossener noch sind Nordamerika, Südamerika und der Karibik, am meisten Asien und Ozeanien. Nur die Zustimmung zur innereuropäischen Wanderung wächst inzwischen: Mehr als zwei Drittel der europäischen Bürgerinnen und Bürger finden es gut, dass ihresgleichen innerhalb der EU wandert.

Was tun also gegen die gesamteuropäische Abwehr des Fremden? Bruegels Fachleute schlagen nüchterne Fakten vor: Es sei entscheidend, schreiben sie, dass der öffentliche Debatte über Migration "sich auf korrekte und objektive Information stützt". Viele Annahmen über Einwanderung in Europa seien "fern der Realität". In der anschließenden Diskussionsrunde des DIW wurde dieser Wunsch gründlich auseinandergenommen. "Fakten verändern nichts", bemerkte trocken Manjula M. Luthria, Ökonomin in der Beschäftigungs- und Sozialabteilung der Weltbank. "Je mehr man Menschen damit bewirft, desto weniger ändert sich ihre Haltung." Die Politologin Naika Foroutan, Vize-Direktorin des Berliner Migrationsforschungsinstituts BIM, bestätigte: Es gehe nicht um empirische Daten, sondern um Identitätsfragen: "Wer sind wir und wer wollen wir sein?"

"Die Golfstaaten reden nicht über Integration"

Eher gelte ein Paradox: "Je stärker Migranten sich integrieren, desto größer werden die wahrgenommenen Probleme." In den Golfstaaten, die ihre Einwanderer ins soziale Ghetto steckten, rede niemand über Integrationsdefizite. Gleichzeitig verhandelten Gesellschaften über das "Fremde" auch ihr übriges Unbehagen an wachsender Pluralisierung - von Lebensstilen, Geschlechterfragen oder sozialen Klassen. Leider gebe es aktuell keine einzige Partei, die sich Lobbying für Verschiedenheit auf die Fahne schreibe. "Wer damit öffentlich auftritt, macht sich zum Narren."

Dass es vielleicht um anderes als wirkliche praktische Probleme geht, darauf enthält auch die Brüsseler Studie Hinweise: Es gebe keinen natürlichen Zusammenhang zwischen vielen Einwanderern und der Wut auf sie, schreibt die Autorengruppe unter Hinweis auf das britische Brexit-Ergebnis, das wesentlich vom Nein zur Einwanderung befeuert war: Da wählten Gegenden mit wenig Migranten deutlich "leave", während bunte Wahlkreise für den Verbleib in der EU waren. Man habe die These nicht stützen können, dass viele Ausländer oder deren plötzlicher Zustrom Migrationsfeindschaft schüre. "Tatsächlich haben wir ein paar Hinweise auf das Gegenteil gefunden." Die Wahrnehmung von Einwanderung sei offenbar ein größeres Problem als die Einwanderer selbst.

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