Islamfeindlichkeit : Ein ganz normales deutsches Wochenende

Exemplare des Korans werden geschändet, Drohungen gegen Muslime ausgestoßen. So etwas passiert in Deutschland fast täglich – von wegen Toleranz. Ein Kommentar.

Protestbanner zur Erinnerung an den NSU-Nagelbombenanschlag 2004 in der Keupstraße in Köln
Protestbanner zur Erinnerung an den NSU-Nagelbombenanschlag 2004 in der Keupstraße in KölnFoto: dpa/Roberto Pfeil

Ein Wochenende in Deutschland. Die Sonne scheint, es ist warm, die Christen feiern Pfingsten, in Berlin nehmen Hunderttausende am Karneval der Kulturen teil. Medien beschreiben die Stimmung als fröhlich und friedlich.

Doch es gibt auch eine andere Perspektive auf dieses ganz normale deutsche Wochenende: Bei einem islamfeindlichen Anschlag auf eine Moschee in Bremen zerreißen Unbekannte etwa fünfzig Koran-Exemplare. Teilweise seien die Seiten in Toiletten gestopft worden, teilt die Gemeinde mit.

In Köln, wo am Sonntag der Opfer des NSU-Anschlags vor 15 Jahren gedacht wurde, tauchen Flugblätter mit dem Absender-Hinweis „Atomwaffendivision Deutschland“ auf. Auf den Zetteln, die in Briefkästen gesteckt worden waren, steht: „Moslems in Deutschland! Eure Invasion in unser Land wird scheitern. Das deutsche Volk wacht auf, und wir erkennen immer klarer, dass ihr Feinde seid, und uns hasst. (…) Jeder Einzelne von euch ist ein legitimes Ziel.“

Die Flugblätter sind mit einem Hakenkreuz versehen. In Berlin werden zwei kopftuchtragende junge Frauen von einer Gruppe leicht alkoholisierter Senioren beleidigt. Es sollen Bemerkungen gefallen sein wie „Zieht die Scheiße aus! Das ist unser Land“.

Hier und da gab’s eine kleine Meldung

Ein ganz normales deutsches Wochenende. Die Behörden ermitteln pflichtgemäß, hier und da gab’s eine kleine Meldung. Am Freitag davor hatte die Bundesregierung ein Abschiebegesetz verabschiedet, demzufolge ausreisepflichtige Ausländer mit ihren Familien vorübergehend auch in Gefängnissen untergebracht werden dürfen.

Ebenfalls am Freitag einigten sich die Regierungschefs der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf eine Finanzierung der Flüchtlingskosten für die Jahre 2020 und 2021. Integration sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Herausforderungen sich insbesondere vor Ort zeigen, hieß es.

Sie umarmen die Eiche und treten den Nachbarn

Was kostet den deutschen Steuerzahler die Islamfeindschaft? Es ist ja wohl keine allzu verwegene Behauptung, dass ein tolerantes, humanes und liberales Land geringere Integrationskosten hat als ein intolerantes, inhumanes und illiberales Land. Glückliche Menschen, die keine Angst haben müssen, wegen ihrer Religion attackiert zu werden, fühlen sich leichter einer Gemeinschaft zugehörig als jene, die regelmäßig Opfer von Rassismus und ressentimentgeladener Aggression werden. Ist das so schwer zu verstehen?

Die Rassisten behaupten, Deutschland zu lieben. Sie verschweigen, dass sie die meisten Menschen, die in diesem Land leben, hassen. Sie umarmen die Eiche und treten den Nachbarn. Wer sich daran gewöhnt, trägt dazu bei, dass das kommende Wochenende wieder ein ganz normales deutsches Wochenende wird.

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