Jahrestag der Auschwitz-Befreiung : Erinnerung muss fortgeschrieben werden

Am 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung geht es um die Zukunft der Erinnerung. Die Gesellschaft muss verstehen, was nie wieder geschehen darf. Ein Kommentar.

Familiengeschichte in Schwarz-Weiß.
Noch heute werden Opfern ihre Namen zurückgegeben, die ihnen genommen worden waren.Foto: Thilo Rückeis

Was soll man sagen? Angesichts des Grauens sind Worte schwierig zu finden. Auschwitz! Der Name steht für das Menschheitsverbrechen, das Deutsche begangen haben. Ein Lager, viele Lager, in denen Juden – vor allem sie – umgebracht wurden. Millionen waren es am Ende, Opfer einer Tötungsmaschinerie ohnegleichen. Vor 75 Jahren, am 27. Januar, ist Auschwitz befreit worden.

Noch heute werden Opfern ihre Namen zurückgegeben, die ihnen genommen worden waren – Erfolg einer Suche, die bis in die Gegenwart reicht. Und in die Zukunft reichen muss. Um sich der Opfer für immer zu erinnern.

Die Zukunft der Erinnerung: Darum geht es an diesem Tag,von diesem Tag an, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, das im heutigen Polen liegt. Diese Zukunft beginnt mit einer Reise. Auch einer Reise in Gedanken. Ein Holocaust-Überlebender erinnert sich und teilt seine Erinnerung mit einem Jungen, einem jungen Deutschen. 13 Jahre ist Ben Polon, so alt, wie der Holocaust-Überlebende Peter Johann Gardosch bei seiner Deportation war. [Lesen Sie hier das Gespräch der beiden.]

Aber weil die, die Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Sobibor, die vielen Lager überlebt haben, nicht ewig leben werden, muss Erinnerung fortgeschrieben werden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dem in seiner Aufsehen erregenden Rede im Herzen von Yad Vashem, der Halle der Erinnerung der nationalen israelischen Gedenkstätte, einen Rahmen gegeben. Das Böse kann wiederkehren, warnt er, es sieht nur anders aus. Dem entgegenzuwirken, noch mehr: entgegenzutreten, bleibt also der Auftrag. Und darin liegt die besondere deutsche Verantwortung, die nicht endet.

Über das Wie des Erinnerns muss nachgedacht werden

Die Reise geht weiter. Frank-Walter Steinmeier besucht am 27., dem Gedenktag, gemeinsam mit dem israelischen Präsidenten Reuven Rivlin das Vernichtungslager, zusammen mit Holocaust-Überlebenden, um dann auch gemeinsam in einem Flugzeug der Bundesluftwaffe zurück nach Berlin zu fliegen. Symbolhaft auch das – und eine Verpflichtung, das Vertrauen, das daraus spricht, zu rechtfertigen.

Denn der Ungeist ist da, er umgibt uns. Es gibt sie, die Schuld und Verantwortung relativieren. Die Synagogen und Friedhöfe schänden. Die jüdische Menschen angreifen, verletzen, töten. Erschreckend ist die Zahl der Vorfälle, von Berlin bis München. Die bange Frage lautet: War der Antisemitismus je weg?

Darum muss der Gesellschaft, unserer, immer wieder erklärt werden, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf – ganz besonders den Kindern. Die Deutschen in ihrer Mehrheit verstehen und wollen das, sagen Umfragen. Dazu mahnen auch die Überlebenden. Über das Wie des Erinnerns muss nun aber neu nachgedacht werden. Damit die Erinnerung lebendig bleibt. Damit sie fortlebt, jetzt, morgen, alle Tage.

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