Junge Wahlmuffel : „Gefühl, von der Politik nicht gehört zu werden“

80 Prozent der jungen Deutschen sehen Europa positiv. Trotzdem bleiben ungewöhnlich viele von ihnen EU-Wahlen fern. Warum ist das so?

Gabriel Rinaldi
Junge Demonstrantin bei "Pulse of Europe" auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.
Junge Demonstrantin bei "Pulse of Europe" auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Sie ist die Generation Europa, die mit grenzenlosem Reisen und den Vorzügen einer gemeinsamen Währung aufgewachsen ist. Ein Schüleraustausch in Frankreich ist für sie genauso selbstverständlich wie ein Praktikum in Italien. Die U25-Generation ist in einem Europa des Friedens und der offenen Grenzen groß geworden. Das Eurobarometer, eine im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte Meinungsumfrage, zeigt: 80 Prozent der 15- bis 24-Jährigen befürworten die EU-Mitgliedschaft Deutschlands. Und trotzdem gehen sie nicht wählen. Nur knapp ein Drittel der Wahlberechtigten unter 24 Jahren gingen 2014 zur Europawahl; das ist der niedrigste Wert aller Altersklassen.

Genau das will Anne Rolvering ändern. Sie ist Geschäftsführerin der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. Ihr Ziel: mehr Interesse für Politik in der Jugend und die Stärkung des europäischen Gedankens. Auch sie verweist auf das Eurobarometer. Laut der Studie seien Jugendliche die Gruppe mit dem stärksten Gefühl europäischer Bürgerschaft; die Europäische Union sei für sie selbstverständlich.

Trotzdem blieben zwei von drei Jugendlichen bei den letzten Wahlen zuhause. „Sie haben das Gefühl, von der Politik nicht verstanden und gehört zu werden“, sagt Anne Rolvering. Dies gehe aus der Shell-Jugendstudie hervor, die untersuchte, unter welchen politischen und sozialen Bedingungen Jugendliche heute aufwachsen. Auch an der Fridays-for-Future-Bewegung sei es erkennbar.

Einen ähnlichen Trend sieht Franz-Josef Möller bei der Debatte um Artikel 13 zur EU-Urheberrechtsreform. Der 20-jährige Münchner engagiert sich gemeinsam mit dem Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in der Bürgerkampagne „diesmalwähleich“, um Erstwähler und andere Stimmberechtigte für die Parlamentswahlen Ende Mai zu begeistern.

Er kritisiert den Umgang mit der Partizipation der Demonstrierenden: „Bei manchen jungen Menschen, die hier erstmalig demonstrieren gingen, erweckte das den Eindruck, dass die Politik sie schlicht und einfach ignoriert“, sagt Möller. Demokratie sei aber der Wettbewerb der Ideen: „Mehr Dialog und weniger Ignorieren würden da helfen.“

Jungen Menschen müssen die Vorteile des Bündnisses nähergebracht werden

Die Institutionen in Brüssel und Straßburg scheinen weit weg; es fehlt eine europäische Öffentlichkeit. „Die EU findet oft in relativ geschlossenen Zirkeln statt und wird nur von Menschen bearbeitet, die sich professionell mit ihr beschäftigen“, erklärt Katharina Zimmermann. Sie forscht am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin unter anderem auf dem Gebiet der Europäisierung. Durch diese Distanz entstünden Paralleluniversen, auch auf lokaler Ebene und bei Jugendlichen. „EU-Projekte werden in diesen Paralleluniversen entwickelt und umgesetzt; eine aktive Aneignung durch die jungen Menschen findet nicht statt“, sagt Zimmermann.

Gerade deshalb müssen jungen Menschen die Vorteile des Bündnisses nähergebracht werden – denn sie kennen Europa nicht anders. „Um die komplexe EU-Politik für Jugendliche greifbarer zu machen, muss sie deren Themen und Interessen adressieren“, sagt Anne Rolvering. Dazu gehören Mobilität, Gerechtigkeit, Diskriminierung und Umwelt. Im Rahmen politischer und schulischer Bildung müsse an den Alltag der Jugend angeknüpft werden.

„Das Projekt Europa wird vor allem dann stattfinden, wenn junge Menschen es sich selbst aneignen und es zu ihrem Projekt machen“, sagt Katharina Zimmermann. Bemühungen von oben herab würden dagegen nur geringe Früchte tragen, da sie das Gefühl verstärken dürften, passive Empfänger einer Politik zu sein, die anderswo entwickelt wurde.

Die Generation Europa ist keinesfalls politikverdrossen; das zeigen die neuesten Entwicklungen auf der Straße. Die Jugendlichen zweifeln nicht an Europa, sondern verlangen mehr Anerkennung von Politik und Öffentlichkeit. Sie begegnen nicht dem Friedensprojekt mit Skepsis, sondern den europäischen Institutionen, die ihrem eigenen Alltag so fern scheinen.

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