Katholische Kirche : Tut der Vatikan genug, um Missbrauch aufzuklären?

Missbrauchsskandale erschüttern nach wie vor die katholische Kirche. Nun hat Papst Franziskus Reue und Scham bekundet. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Papst Franziskus verlässt das Fenster, nachdem er das Angelus-Mittagsgebet auf dem Petersplatz gehalten hat.
Papst Franziskus verlässt das Fenster, nachdem er das Angelus-Mittagsgebet auf dem Petersplatz gehalten hat.Foto: Gregorio Borgia/dpa

Die Worte sind ein deutliches Bekenntnis. Papst Franziskus hat in einem Brief an die Gläubigen in aller Welt zugegeben, dass die katholische Kirche den Schmerz von Missbrauchsopfern lange ignoriert habe. Anlass ist der Missbrauchsskandal in Pennsylvania, bei dem sich mehr als 300 Priester in den vergangenen 70 Jahren an Tausenden Kindern vergangenen haben sollen. Der Papst schreibt: „Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte. Wir haben die Kleinen vernachlässigt und alleingelassen.“

Welche Rolle spielt der Papst beim Kampf gegen den Missbrauch?

Franziskus hatte schon kurz nach seiner Wahl zum Papst im Frühjahr 2013 angekündigt, die bereits von seinem Vorgänger Benedikt XVI. eingeleitete Politik der „Null-Toleranz“ gegenüber dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker in aller Entschlossenheit fortzusetzen. In der Praxis ist aber wenig passiert: Die vom Papst angeprangerte „anomale Verständnisweise von Autorität in der Kirche“ und die Vertuschungskultur in zahlreichen Diözesen konnte fortbestehen. Der Grund für die zögerliche Aufarbeitung und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs sind nicht allein konservative oder pädophile Seilschaften in der Kurie von Rom, die Aufklärung und Strafen verhindert haben. Das Problem ist der Papst selber.

Schützt Franziskus womöglich sogar die Täter?

Unter Franziskus haben diverse Bischöfe und Kardinäle Karriere gemacht, die verdächtigt werden, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben oder gar selber daran beteiligt gewesen zu sein. Das eklatanteste Beispiel dafür ist der australische Kardinal George Pell, den Franziskus zum mächtigen Finanzchef des Vatikans ernannt hatte und der sein Amt erst vor Kurzem „auf Eis legen“ musste, um sich in seiner Heimat einem Strafprozess zu stellen. Nach wie vor müssen hohe Kleriker auch bei begründetem Verdacht, Missbrauch begangen oder vertuscht zu haben, nicht zwangsläufig mit einer Suspendierung rechnen, bis ihre Schuld oder Unschuld gerichtlich geklärt ist. Dies zeigt unter anderem der Fall von Kardinal Ricardo Ezzati Andrello, Erzbischof von Santiago de Chile. Trotz staatlicher Ermittlungen ist er uneingeschränkt als Erzbischof und Kardinal im Amt.

Dass der Papst selber nicht gegen den Reflex gefeit ist, mutmaßliche Täter zu schützen, verriet er bei seiner Südamerika-Reise im Januar. Franziskus hatte gegenüber einer Journalistin Vorwürfe, wonach Bischof Juan Barros aus der südchilenischen Stadt Osorno einen verurteilten Kinderschänder geschützt habe, in schroffen Worten zurückgewiesen: „Das ist alles Verleumdung, ist das klar?“ Für eine Mitwisserschaft des Bischofs gebe es „nicht den geringsten Beweis“, hatte der Papst betont. Die Äußerung hatte scharfe Kritik ausgelöst – auch innerhalb des Vatikans. In der Folge entschuldigte sich Franziskus: „Wenn der Papst sagt, bringt mir Beweise, dann ist das eine Ohrfeige für die Opfer.“ Er sei sich bewusst, dass die meisten Missbrauchsopfer keine Beweise für das Erlittene beibringen könnten oder sich schämten, diese offenzulegen.

Wie weit ist der Vatikan mit der Aufarbeitung?

Zwar hat Franziskus unter anderem eine Kommission eingesetzt, die Vorschläge zum Schutz von Kindern ausarbeiten sollte; gleichzeitig hat er die Schaffung eines Sondertribunals versprochen, das Geistliche im Fall von Vertuschung zur Rechenschaft ziehen soll. Doch die Kommission hat in den ersten vier Jahren kaum je getagt; zwei ihrer Mitglieder, die in ihrer Jugend selber Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester geworden waren, sind ausgetreten: Sie werfen der Kommission „Untätigkeit“ vor. Auf ein Sondertribunal zur Verfolgung von fehlbaren Priestern und von Bischöfen und Kardinälen, die sich der Vertuschung schuldig gemacht haben, wartet man bis heute.

„Bei den meisten der angekündigten Maßnahmen handelt es sich um Lippenbekenntnisse“, erklärte der italienische Vatikanexperte Emiliano Fittipaldi, der ein Buch über Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht hat. Fittipaldi wies anhand von Gerichtsakten, Briefen und lokalen Zeitungsberichten nach, dass die im Vatikan für die Missbrauchsfälle zuständige Glaubenskongregation in vielen Fällen weiterhin ihre Zusammenarbeit mit den zivilen Ermittlungsbehörden verweigert und interne Dokumente unter Verschluss hält. Allzu oft würden Priester, die sich an Minderjährigen vergangen hätten, weiterhin bloß versetzt statt exkommuniziert und gerichtlich bestraft.

Welche Möglichkeiten gibt es für unabhängige Untersuchungen?

Obwohl der Abscheu des Papstes über den sexuellen Missbrauch glaubwürdig ist, sind unter ihm innerhalb der Kirche keine neuen Strukturen geschaffen worden, die in Missbrauchsfällen eine wirklich unabhängige Untersuchung garantieren würden. In den Diözesen ist weiter der Bischof zuständig, im Vatikan ist es die Glaubenskongregation als höchste Instanz. Der päpstliche Anti-Missbrauchs-Experte Hans Zollner erklärte vergangene Woche im Tagesspiegel, dass der Aufklärungswille in der Glaubenskongregation zwar durchaus vorhanden sei. Aber angesichts der Fülle und Komplexität der Fälle sei deren Personalausstattung „völlig ungenügend“. Außerdem brauche es eine Verfahrensbeschleunigung sowie – noch viel grundlegender – erst einmal eine kirchliche „Konkretisierung der Straftatbestände“.

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