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Kleine Waffenscheine : Bundesbürger rüsten auf

Die Zahl der kleinen Waffenscheine ist stark gestiegen, auf 620.000. Gleichzeitig verschwinden laut Innenministerium immer mehr Schusswaffen.

Deutlich mehr kleine Waffenscheine wurden vergeben.
Deutlich mehr kleine Waffenscheine wurden vergeben.Foto: Carsten Rehder/dpa

Die Zahl verschwundener privater Schusswaffen in Deutschland hat einen neuen Rekord erreicht: Ende Januar 2019 waren laut Nationalem Waffenregister 28.901 Schusswaffen nicht mehr auffindbar. Damit stieg die Zahl der verschwundenen Waffen um knapp 18 Prozent innerhalb von zwölf Monaten. Drei Jahre zuvor waren sogar noch gut 11.000 weniger Waffen verschwunden gewesen.

Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach wurden die meisten der Waffen (22.978) als verloren gemeldet, etwa ein Viertel (5923) als gestohlen.

Polizei: Naiv zu glauben, Waffenbesitzer wären schusselig

Eigentlich hatte die Zahl illegal zirkulierender Waffen zuletzt verringert werden sollen: Der Bundesrat hatte 2017 einer von der Bundesregierung geplanten einjährigen Amnestie für illegalen Waffenbesitz zugestimmt. Wer verboten erworbene Waffen und Munition bei den Behörden abgibt, soll nicht bestraft werden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte, dass jede verschwundene Waffe ein Risiko berge, bei einer Straftat eingesetzt zu werden. „Es wäre sicherlich naiv zu glauben, die entsprechenden Waffenbesitzer wären schusselig und hätten vergessen, wo sie ihre Waffen gelassen hätten“, sagte GdP-Chef Oliver Malchow. Unter anderem aufgrund von Personalengpässen sei aber nicht zu ermitteln, wo die Schusswaffen geblieben seien.

„Wenn Schusswaffen einfach verschwinden, müssen bei der Bundesregierung alle Alarmglocken klingen: Es handelt sich um Gegenstände, die potenziell tödlich sind“, sagte die Innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic.

Doch die Bundesbürger rüsten auf – auch die Zahl der sogenannten kleinen Waffenscheine ist stark gewachsen. Ihre Zahl ist nach Angaben der Bundesregierung im Zeitraum von Ende Januar 2018 bis Ende Januar 2019 von 565.000 auf knapp 620.000 gestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von knapp zehn Prozent.

Insgesamt 5,4 Millionen Waffen

Der Verband Deutscher Büchsenmacher (VDB) sieht darin indes kein Krisenzeichen. „Wir brauchen keine Angst vor denjenigen mit einem kleinen Waffenschein haben, sondern eher vor denjenigen, die keinen besitzen und sich nicht, wie seit 2003 vorgeschrieben, der behördlichen Kontrolle unterziehen“, sagte VDB-Geschäftsführer Ingo Meinhard. Voraussetzung für die Erteilung des kleinen Waffenscheins ist, dass der Bewerber volljährig ist sowie persönlich geeignet und zuverlässig erscheint.

Auch die freiverkäuflichen Signal-, Reizstoff und Schreckschusswaffen, deren Zahl vor drei Jahren noch bei 485.000 gelegen hatte, können bereits schwere bis lebensbedrohliche Verletzungen hervorrufen. Die Gesamtzahl aller im Nationalen Waffenregister gespeicherten Waffen und Waffenteile liegt mit 5,4 Millionen etwa gleichbleibend hoch.

Laut Bundesinnenministerium verfügen auch mehr als 900 sogenannte „Reichsbürger“ über eine waffenrechtliche Erlaubnis. Frühere Angaben der Sicherheitsbehörden zeigen, dass diese Zahl vor einem Jahr noch bei etwa 700 lag. Die zumindest teilweise rechtsextreme Bewegung erkennt den Staat nicht an und meint, das 1945 untergegangene Deutsche Reich existiere weiter. Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz gelten Reichsbürger als „waffenrechtlich unzuverlässig“ und müssen Waffen samt Munition abgeben.

„Wir sollten uns davor hüten, den legalen Waffenbestand in Deutschland weiter zu romantisieren“, sagte die Grünen-Politikerin Mihalic. „Die Bundesregierung sollte für die Besitzer eine verpflichtende jährliche Meldung des aktuellen privaten Waffenbesitzes einführen.“

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