Krieg in der Ostukraine : "Die Menschen stehen vor einer schrecklichen Wahl"

Es sei die größte humanitäre Katastrophe in Europa seit dem zweiten Weltkrieg, sagt Caritas-Länderchef Andrij Waskovic. Ein Interview.

Frank Herold
Auf der Suche nach Lebensmitteln. An den Übergängen zu den nicht von den Separatisten kontrollierten Gebieten bilden sich Schlangen.
Auf der Suche nach Lebensmitteln. An den Übergängen zu den nicht von den Separatisten kontrollierten Gebieten bilden sich...Foto: Valentyn Ogirenko, Reutuers

Die Hilfsorganisationen fordern, dass sie in der gesamten Ukraine tätig werden können. Dafür wäre der Einsatz von Blauhelmen in den Separatistengebieten hilfreich, sagt Andrij Waskovic, Länderbeauftragter der Caritas in der Ukraine.

Seit vier Jahren wird im Osten der Ukraine gekämpft. Wie leben die Menschen dort jetzt?

In den Regionen Donezk und und Luhansk, die nicht unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung stehen, sehen die Städte auf den ersten Blick recht normal aus. Aber es hat sich sehr viel verändert. Die Menschen leben in großer Unsicherheit, viele soziale Dienstleistungen funktionieren nicht mehr richtig. Es fehlt an medizinischem Personal, an Pflegern, an der Grundversorgung. Lebensmittel sind knapp und die Preise überhöht. Ein großer Teil der Menschen, die dort leben, braucht humanitäre Hilfe. Die Arbeit von Organisationen wie der Caritas wird von den Behörden dort aber nur sehr, sehr beschränkt oder gar nicht zugelassen. Eine Begründung dafür haben wir nie erhalten.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Rund eine Million. Aber es geht auch um andere. Helfen können wir in der sogenannten Pufferzone, einem 15 Kilometer breiten Gebiet entlang der 470 Kilometer langen Frontlinie. Dort leben auf beiden Seiten etwa 600.000 Menschen. Darunter sehr viele Alte, denn wer fliehen konnte, ist geflohen. Auch dort ist die Situation prekär, weil wir die Menschen nur unter großen Gefahren oder jetzt im Winter gar nicht erreichen. Täglich liegt das Gebiet unter Beschuss, es gibt Gefechte. Todesgefahr besteht auch durch Minen. An dieser Frontlinie in der Ostukraine gibt es einen Bereich, der zu den am stärksten verminten Gebieten in der Welt gehört. Das heißt, die Menschen können sich nicht bewegen. Viele unserer Mitarbeiter, die in diesen gefährlichen Gebieten arbeiten, sind Flüchtlinge. Sie kennen die Situation sehr gut und wissen, wie sie sich zwischen den Fronten verhalten müssen. Dennoch ist es sehr gefährlich.

Wie viele Menschen haben aus der Region fliehen müssen?

Die neueste ukrainische Statistik geht von 1,5 Millionen Binnenflüchtlingen aus. Diese Menschen haben keine Einkünfte und stehen vor einer schrecklichen Wahl. Sie müssen sich entscheiden, wofür sie ihre schwindenden Mittel einsetzen: für Lebensmittel, für Medikamente oder für die Ausbildung ihrer Kinder.

Für Bildung?

Es gibt inzwischen Flüchtlingsfamilien, die ihre Kinder aus der Schule nehmen, weil sie es sich materiell nicht mehr leisten können, weil die Kinder helfen müssen, irgendwie Geld zu verdienen. Wir haben es mit der größten humanitären Katastrophe in Europa seit dem zweiten Weltkrieg zu tun. In der Ukraine ist Hilfe dringend nötig. Etwa 3,4 Millionen Menschen können ihren Grundbedarf - ohne eigenes Verschulden - nicht decken.

Würde die Stationierung von Blauhelmen mehr Sicherheit schaffen?

Die Frage ist doch, wo sie eingesetzt werden. Entlang der Pufferzone, wie Russland das vorgeschlagen hat, nützen sie gar nichts. Die ukrainische Regierung möchte, das Friedenstruppen in der ganzen Ostukraine eingesetzt werden. Aus unserer Sicht wäre das hilfreich, weil wir dann in diesem Bereich tätig werden könnten. Das ist jedoch ein großes Politikum. Das ist nicht unser Feld. Nicht nur die Caritas, alle Hilfsorganisationen fordern, dass sie in dem gesamten Gebiet Hilfe leisten können.

Außenminister Gabriel hat kürzlich in München ein Gespräch über eine Lösung für das Problem platzen lassen. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Politiker der prekären Situation bewusst sind?

Nein, das sind sie offensichtlich nicht. Und wir sehen auch, dass die Öffentlichkeit im Westen diesen Krieg gar nicht mehr wahrnimmt. Es ist aber ein Krieg. In Europa. Es finden immer wieder Gefechte statt.

Haben Sie denn aus der Perspektive einer Hilfsorganisation eine Idee, was ein erster Schritt sein könnte?

Unsere Aufgabe ist es, den Menschen auf allen Seiten zu helfen. Unsere Perspektive ist die Frage: Wie wirkt sich der Krieg auf das Leben der Menschen aus, wie können wir ihnen in ihrem schrecklichen Alltag helfen. Die anderen Fragen müssen wir der Politik überlassen.

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