Kurden in Kobane : Erdogans nächste Militäroffensive in Syrien

Die Türkei will die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien attackieren. Werden die Pläne umgesetzt, könnten auch US-Soldaten ins Visier türkischer Panzer geraten.

Zivilisten versuchen, sich vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen.
Zivilisten versuchen, sich vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen.Foto: AFP/ BULENT KILIC

Mit Artilleriefeuer auf Stellungen der Kurdenmiliz YPG bei der nordsyrischen Stadt Kobane bereitet die Türkei eine neue Militärintervention im Nachbarland vor. Kobane ist ein Ort mit hoher Symbolkraft, denn dort begann vor fast genau vier Jahren das Bündnis zwischen Kurden und Amerikanern in Syrien, das vom Nato-Partner Türkei heftig kritisiert wird. Sollten die Türken ihre Einmarschpläne umsetzen, könnten neben den Kurden auch US-Soldaten in Nordsyrien ins Visier türkischer Panzer geraten.

Im September 2014 hatte der "Islamische Staat" (IS) mit der Belagerung von Kobane begonnen, das unmittelbar an der Grenze zur Türkei liegt. Ankara wollte den kurdischen Verteidigern der Stadt nicht gegen die Dschihadisten helfen, weil die syrische YPG ein Ableger der kurdischen Terrororganisation PKK ist. Amerikanische Kampfjets retteten die bedrängten Kurden in Kobane damals mit Angriffen auf IS Stellungen vor der Stadt und begründeten damit eine Allianz, die bis heute besteht: Der von den Kurden beherrschte Milizenverband SDF kämpft mit amerikanischen Waffen und Luftunterstützung gegen die Dschihadisten. Rund 2000 US Soldaten in Syrien helfen den Kurden am Boden.

Gemeinsam haben Amerikaner und Kurden seitdem weite Teile Ostsyriens unter ihre Kontrolle gebracht, darunter wichtige Ölfelder und reiches Ackerland. Die YPG baute unter Washingtons Schutz in den kurdischen Siedlungsgebieten entlang der türkischen Grenze eine Autonomiezone auf, die von der Türkei als Bedrohung gesehen wird. Mit zwei Militärinterventionen vor zwei Jahren und in diesem Frühjahr vertrieb die türkische Armee die YPG aus den Gebieten um die Städte Dscharabulus und Afrin, die westlich des Euphrat liegen.

Bisher konnten Türkei und USA eine direkte Konfrontation vermeiden. In der ebenfalls westlich vom Euphrat gelegenen Stadt Manbidsch setzte Ankara in Verhandlungen mit Washington den Rückzug der YPG durch. In dieser Woche begannen türkische und amerikanische Soldaten in Manbidsch mit gemeinsamen Patrouillen. Doch jetzt will Präsident Recep Tayyip Erdogan auch zwischen dem Ostufer des Euphrat und der irakischen Grenze gegen die YPG vorgehen. Bald werde die Türkei mit einer "umfassenderen" Militäroperation zuschlagen, sagte Erdogan. Medienberichten zufolge will Ankara die YPG von der Grenze aus rund 30 Kilometer tief auf syrisches Gebiet zurückdrängen. Das kurdische Autonomiegebiet, von der Türkei als "Terror-Korridor" bezeichnet, stünde dann unter türkischer Kontrolle.

Die US-Regierung erklärte, sie sei "besorgt". Washington sieht die türkischen Pläne als Störfaktor im Kampf gegen den IS, der nach wie vor Amerikas Syrien-Politik bestimmt. Einen ersten Rückschlag in diesem Kampf gab es bereits. Aus Protest gegen das türkische Bombardement in Kobane brachen die Kurden diese Woche eine Schlacht gegen den "Islamischen Staat" im Osten Syriens ab. Die US-geführte Allianz gegen den IS will nun zwischen Kurden und Türken vermitteln. Spätestens seit dem Istanbuler Gipfel am vergangenen Wochenende ist aber klar, dass die Türkei in ihrer Syrien-Politik nicht mehr viel Rücksicht auf die Amerikaner nehmen will. Zu Erdogans Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatschef Emmanuel Macron war die US-Regierung nicht eingeladen.

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Erst vor wenigen Wochen hatten Ankara und Washington eine schwere Krise wegen der Inhaftierung eines amerikanischen Geistlichen in der Türkei beigelegt. Am Freitag hoben beide Staaten gegenseitige Sanktionen auf, die sie während des Streits um den Pastor gegeneinander verhängt hatten. Doch die Interessensgegensätze in Syrien zeigen, wie tief der Graben zwischen den Verbündeten ist. Selbst ein Austritt der Türkei aus dem westlichen Bündnis wird in Washington inzwischen für möglich gehalten.

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