Lagebericht Integration : Integrationsbeauftragte: Vielfalt ist normal und real

Der 12. Lagebericht der Integrationsbeauftragten spiegelt Fortschritte. Annette Widmann-Mauz plädiert zudem für einen anderen Blick aufs Einwanderungsland.

Jobbörse für Geflüchtete 2016 in Berlin. Seitdem hat sich viel getan, sagt die Statistik.
Jobbörse für Geflüchtete 2016 in Berlin. Seitdem hat sich viel getan, sagt die Statistik.Foto: Jens Jeske/imago

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung zieht in ihrem Bericht eine vor allem positive Bilanz. Vor allem die Arbeitsmarkt- und Bildungsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund habe sich seit dem Sommer 2016 gut entwickelt, heißt es im 12. Bericht, den Annette Widmann-Mauz (CDU) am Dienstag vorstellte. Die historisch niedrige Arbeitslosenquote in Deutschland gelte auch für sie, sie seien sogar für den Beschäftigungsrekord maßgeblich verantwortlich. Jede zweite neue Arbeitsstelle besetzten inzwischen Personen mit Migrationshintergrund, auch Geflüchtete fänden rascher als früher Arbeit. Von den 431000 Beschäftigten aus den Hauptfluchtländern sind mehr als drei Viertel auch sozialversichert.

Hass ist "eine reale Gefahr"

Gleichzeitig liegt die – sinkende – Arbeitslosenquote von Ausländern immer noch fast dreimal so hoch (12,2 Prozent) wie die von deutschen Staatsangehörigen (4,7). Besondere Förderung – eigene Beratungsangebote und Kinderbetreuung – sei nach wie vor für Frauen nötig, heißt es im Bericht. Sie hätten es nicht nur auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Männer, auch Integrationsangebote erreichten sie seltener. Aktuell etwa sind 90,3 Prozent der Fachhochschulabsolventinnen ohne Migrationshintergrund erwerbstätig, aber nur 64,9 Prozent der Migrantinnen mit gleichem Abschluss. Ihre Bildungsbeteiligung zeigt ein uneinheitliches Bild: So haben mehr Frauen aus Einwandererfamilien Abitur als solche ohne diesen Hintergrund (29,7 gegen 23,3 Prozent). Aber auch 14,6 Prozent haben gar keinen Schulabschluss, während dies nur auf 1,6 Prozent der Frauen ohne Migrationshintergrund zutrifft.
Ein Schwerpunkt des Berichts sind auch die teils tödlichen Angriffe auf Einwanderer, ihre Familien und alle, die von den Tätern als nicht zugehörig betrachtet und verfolgt werden. Nach Halle im Oktober und dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke müsse „auch dem letzten klar geworden sein“, dass es sich um eine „reale Gefahr handle“, sagte Widmann-Mauz.
Widmann-Mauz warb bei der Vorstellung des Berichts mehrmals um eine „neue Erzählung“ Deutschlands von sich selbst. „Zuschreibungen von ’wir’ und ’ihr’ bilden die Realität in dieser Einwanderungsgesellschaft nicht mehr ausreichend ab“, sagte die Staatsministerin. Der aktuelle Bericht enthält auch dazu Zahlen. Inzwischen hat ein gutes Viertel der Wohnbevölkerung (25,5 Prozent) einen sogenannten Migrationshintergrund. Von den Kindern im Grundschulalter ist es aber bereits ein Drittel (33,6).

Einst ging es nur um "Ausländerinnen und Ausländer"

Der Migrationshintergrund, den es seit 2005 in den deutschen Statistiken gibt, bilde „Realität und Normalität“ der Einwanderungsgesellschaft nicht mehr ab, sagte Widmann-Mauz, zumal auch die Unterschiedlichkeit dieses Teils der Bevölkerung zunehme – es gebe Alt- und Neueingewanderte, Menschen mit eigener Migrationserfahrung und deren hier geborene Kinder und Enkel. Die Menschen mit Migrationshintergrund der Statistik seien „eine völlig heterogene Gruppe, die ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben“.
Der Lagebericht der Beauftragten erscheint in der Regel alle zwei Jahre. Den letzten veröffentlichte im Dezember 2016 noch Widmann-Mauz’ Vorgängerin, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz. Ihr 11. Bericht trug seinerzeit erstmals nicht mehr den traditionellen Namen „zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer“. Integration sei kein Sonderformat für 17 Millionen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte, erklärte Özoguz damals, sondern habe Auswirkungen auf alle 82 Millionen. Ihre Nachfolgerin bekannte sich jetzt nachdrücklich zum Einwanderungsland. Das sei Deutschland seit langem, die Erkenntnis müsse aber noch „viel offensiver“ ins Land getragen werden.

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