Mathies meint : Wien, Wien nur du allein?

In Wien will ein Mieter mit Verweis auf den Datenschutz seinen Namen vom Klingelschild entfernen lassen. Nun werden auch andere auf diese Idee kommen.

In Zukunft könnten nur noch Nummern an den Wohnungsschildern prangen - wie hier bei einem Haus mit vielen Ferienwohnungen.
In Zukunft könnten nur noch Nummern an den Wohnungsschildern prangen - wie hier bei einem Haus mit vielen Ferienwohnungen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wien, na gut, das ist für uns hier oben in Berlin so ein bisserl der schlamperte Schwager, der ohne eigenes Zutun immer grad noch die Kurve schafft, es hinterher nie gewesen sein will und sich eins grinst, wenn die anderen auf die Fresse kriegen. Seit in Österreich die Rechten regieren, hat sich die gegenseitige Zuneigung in ihren Abneigungsaspekten noch verschärft. Sachertorte, ja gern, Burgtheater auch, und der Heurige? Lassen wir noch gelten. Aber die deutschlandweite Umbenennung des Wiener Schnitzels in „fettgebackenes Rechtspopulisten-Tierprodukt“ wäre doch ein erster Schritt in Richtung moralischer Aufklärung. Campact? Umwelthilfe? Wer übernimmt?

Oh, Tagträumereien, ich schweife ab. Wir bleiben in Wien, gehen aber über zur DSGVO, jenem Kürzel, in dem nur hoffnungslose Ignoranten nicht die Europäische Datenschutz-Grundverordnung erkennen. Ob sie eine dringend überfällige Schutzregel ist oder nur ein faktenneutral ausgedachter Schmarrn, darüber gehen die Auffassungen noch weit auseinander. In Wien hat jetzt ein Mieter aus einer der 220.000 Gemeindewohnungen mit Verweis auf die DSGVO verlangt, dass sein Name vom Klingelschild entfernt werde: Seine Privatsphäre sei sonst nicht ausreichend geschützt. Und ein Sprecher der kommunalen Hausverwaltung bestätigte, man habe mit den Datenschutzexperten des Magistrats gesprochen und werde die Namensschilder von rund 2000 Wohnungsanlagen gegen Wohnungsnummern austauschen. Wer wolle, könne dann ja seinen Namen selbst wieder draufschreiben.

In Berlin würde die Postzustellung in Hochhäusern zusammenbrechen

Das ist der Sachstand, der nun heftig diskutiert werden wird. Denn selbst in Wien dürfte es Juristen geben, die dies für eine Fehlinterpretation halten. Aber sind sie schneller als die Männer mit den Schraubenziehern?

Und selbstredend werden Mieter aus Hochhausanlagen in anderen Ländern ebenfalls auf diese eigentümliche Idee kommen. In Berlin würde es bedeuten, dass sofort die Postzustellung in Hochhäusern zusammenbricht, bis alle Briefe neben der Postleitzahl auch die Wohnungsnummer enthalten – was vermutlich noch etwas länger dauern würde als die Fertigstellung des Flughafens, dessen Namen wir hier aus Datenschutzgründen...

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Eine Idee noch. Die Reichen verzichten bekanntlich stets auf Namen an den Türschildern ihrer Villen, da steht draußen nie „G. Jauch Gartenhaus“ oder „Susanne Klatten 2.OG“ dran. Eine Gleichbehandlung ganz normaler Mieter wäre also schon ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Komisch, dass darauf noch keiner gekommen ist.

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