Matthies meint : Ist "Kulturschaffende" ein Nazi-Wort?

"Kulturschaffende" haben den Rücktritt von Horst Seehofer gefordert. Das ist zwar richtig und sicherlich wichtig, aber da ist ein kleines Problem. Eine Glosse.

Hat die Rücktrittsforderung der "Kulturschaffenden" einfach ignoriert: Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister.
Hat die Rücktrittsforderung der "Kulturschaffenden" einfach ignoriert: Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Viele Wörter haben ihre Zeit, verschwinden dann wieder und schaffen es mit Glück auf die Listen der Spracharchäologen. Mummenschanz! Pönale! Ratzefummel! Andere vergessene Wörter brauchen diese Hilfestellung nicht, sie tauchen einfach von allein auf, wieder und wieder: Kulturschaffende! „Kulturschaffende“ von Günter Wallraff bis Hugo Egon Balder haben jetzt den Rücktritt Horst Seehofers gefordert.

Das ist seltsam, nicht die Forderung, sondern das Wort. Denn schon 1934 erschien im „Völkischen Beobachter“ der „Aufruf der Kulturschaffenden“, in dem die Unterzeichner Treue zum Führer gelobten; einigen wie Emil Nolde half das wenig, und der Begriff landete zu Recht in Süskinds „Wörterbuch des Unmenschen“. 1976 kam er wieder hoch. Das „Neue Deutschland“ titelte nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns: „Überwältigende Zustimmung der Kulturschaffenden der DDR zu Politik von Partei und Regierung“.

Die banale Wahrheit

Der Begriff ist also kontaminiert. Menschen mit Sprachgefühl benutzen ihn allenfalls ironisch, denn er steht für die mehr oder weniger erzwungene Anbiederung an Unrechtsregime. Im Westen Deutschlands wurde das Wort bis zur Wende deshalb kaum benutzt. Davon abgesehen: Was genau sind eigentlich Kulturschaffende? Und was unterscheidet sie von Künstlern? Schaffen sie persönlich Kultur (an?) oder sind sie nur an ihrer Ermöglichung beteiligt? Reicht der eigene Blog zu irgendeinem kulturnahen Thema oder womöglich schon der Besitz eines Kulturbeutels? (Auch so ein aussterbendes Wort.)

Die banale Wahrheit ist vermutlich: Das Wort ist praktisch. Das Partizip, auf dem es beruht, umschifft den Gender- Stern in „Künstler*innen“ oder das sprachlich noch schwerer zu handhabende „Künstlerinnen und Künstler“ – es ist wie bei den Studierenden und den Radfahrenden, denen in allen denkbaren identitätspolitischen Schattierungen eben nur noch diese Form gerecht zu werden vermag. Mit anderen Worten: Die Umsetzung des Gender-Prinzips wird unter vielen Kulturbewussten höher eingestuft als die historische Belastung eines Wortes.

Nur eine Vermutung. Es kann natürlich auch sein, dass ein paar führende Unterzeichner das Wort einfach arglos von damals angeschleppt haben. Aber wie auch immer: Horst Seehofer hat sich von der scharf formulierten Forderung offenbar nicht beeindrucken lassen. Alles andere wäre allerdings auch eine große Überraschung gewesen.

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