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Siedlungsbau im Westjordanland: "Mehr Baustellen, mehr Wohnraum, mehr Frieden"

Die Siedlung Ariel wächst und wächst. Ungeachtet aller Appelle gibt Israel den umstrittenen Wohnungsbau nicht auf. Der Bürgermeister schwärmt von Männern mit großen Ideen. Seine lautet: Baut mehr Häuser!

Für Ron Nachman ist Baulärm Musik in den Ohren. Baulärm, das bedeutet neue Wohnungen, neue Häuser in einem Gebiet, in dem es sie nach Meinung vieler nicht geben dürfte, aber für den Bürgermeister von Ariel, der sich um die Meinung der anderen nicht kümmert, bedeutet der Krach, dass er recht hat. Immer schon recht gehabt hat.

Ariel ist eine Siedlung im Westjordanland. Aber es ist auch viel mehr als das. Eine jüdische Stadt auf palästinensischem Territorium, ein Ausrufezeichen. Um zu verstehen, warum der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern seit Jahren feststeckt, muss man sich in die Hügel des Westjordanlandes und nach Ariel begeben, wo Ron Nachman in seinem Büro, einer Art Container, auf einen wartet und findet, dass es in Ariel derzeit viel zu leise zugeht. Nur 227 Einheiten hat die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bewilligt. Viel zu wenig, sagt Nachman. „Ein Baustopp wird keinen Frieden bringen, niemals“, sagt er und haut auf den Tisch.

Das sieht die Welt anders. Die Siedlungsprojekte Israels gelten als Hauptstreitpunkt bei den Friedensgesprächen, gerade jetzt wieder bei den Verhandlungen zwischen israelischen und palästinensischen Unterhändlern im jordanischen Amman.

Ron Nachman zupft in seinem Büro an seinen Hosenträgern und sinniert über die Köpfe der internationalen Gemeinschaft: Merkel, Cameron, Obama. Alle wollen sie einen Baustopp in den Siedlungen, „aber keiner kommt und redet mit mir“. Wenn sie kämen, dann würden sie es selbst erkennen, dass Siedlungen wie Ariel den Frieden bringen. So sieht er es.

Nachman würde gerne durch seine Stadt führen, zeigen, was er erreicht hat. Wie er Ariel von einer Felswüste zum „Zentrum Samarias“ mit 18.000 Einwohnern gemacht hat. Aber gerade erst ist der 69-Jährige aus den USA zurück, wo er sich einer Krebsbehandlung unterzogen hat, das müsse man bitte verstehen. Es ist nicht so, dass es ihm an Stolz mangelt. Ariel ist sein Kind, und seit 1978 hat er es großgezogen.

Nach Modi’in Illit, Beitar Illit und Ma’le Adumim, bildet Ariel die viertgrößte israelische Siedlung im Westjordanland. Im Sonnenlicht gebadet liegt der Ort jetzt da, Tausende kleiner weißer Einfamilienhäuser und Wohnblöcke mit roten Dächern. Sie sehen aus wie die Zacken auf einem Aligatorrücken. Von hier sind es 40 Kilometer nach Tel Aviv, 49 nach Jerusalem und 29 zur jordanischen Grenze. Laut internationalem Recht ist Ariel eine illegale Siedlung, laut israelischer Regierung ist Ariel eine Stadt. Doch unter den großen Siedlungsblöcken nimmt Ariel eine besondere Stellung ein: Keiner reicht so tief ins Westjordanland hinein. Wie ein langer Finger stößt Ariel in das Gebiet vor, das einmal ein palästinensischer Staat werden soll.

„Ariel ist Konsens“, sagt Ron Nachman. „Weil wir Normalität ausstrahlen.“ Mit Normalität meint er die Universität und das neue Kulturzentrum, das im November 2010 eröffnet wurde. Ganz normal ist es freilich nicht, es wird von prominenten Schauspielern, Schriftstellern und Regisseuren boykottiert, die sich weigern, in einer Siedlung aufzutreten, um die eben nicht zu normalisieren. Der bekannte israelische Journalist Gideon Levy prägte die Formel, dass aus den Siedlungen nichts Gutes komme.

Ron Nachman lacht schallend darüber und kramt aus einer Schublade einen Zeitungsartikel heraus. „Hier“, sagt er und wedelt mit einer Seite aus der Tageszeitung „Yedioth Ahronoth“. Darin wird er als einer der Menschen des Jahres 2010 gefeiert, weil er den Boykott durchgehalten hatte. „Und aus Ariel kommt doch Kultur“, sagt Nachman.

Lange hat er darauf gewartet, jetzt wird wieder gebaut. Und nicht nur hier, auch in anderen Siedlungen. Der Lärm der Baumaschinen ist Israels Druckmittel. Seit die Palästinenser vor der UN um eine Vollmitgliedschaft werben, ist es überall in dem zersplitterten Land lauter geworden. Als die Palästinenser von der Unesco aufgenommen wurden, bewilligte Premier Benjamin Netanjahu umgehend weitere 2000 Wohneinheiten.

Ron Nachman schaut sich dieses Spiel nun schon 34 Jahre lang an. Offiziell läuft gerade seine sechste Amtszeit. Inoffiziell seine achte, sagt Nachman. „Ich habe eine Vision gehabt und sie ist wahr geworden.“

Seine Hände liegen jetzt auf seinem Schreibtisch, die Flächen fest nach unten. „Genau hier“, sagt er, „haben wir angefangen. Hier war nichts, überhaupt nichts. Nur Felsen.“

Die Felsen waren Teil des Gebiets, das Israel im Sechs-Tage-Krieg erobert hatte. Dem Sieg folgte der sogenannte Allon-Plan, ein Konzept zur Besiedlung dieser Gebiete, für die Juden biblisches Land und darüber hinaus von strategischer Bedeutung. Im damaligen Landwirtschaftsminister Ariel Sharon, der später Premier wurde, fand sich ein starker Verfechter dieser Idee. Kurz nachdem Scharon 1977 als Minister berufen war, präsentierte er der damaligen Regierung unter Menachem Begin seine eigene Version der Besiedlung des Westjordanlandes. Für die brauchte er Männer wie Ron Nachman, den Kaugummi kauenden Bürgermeister von Ariel.

"Die Stimmung war unglaublich. Jeden Tag ist etwas Neues passiert".

Nachman holt aus der Vitrine ein Fotoalbum. Darin sind Dokumente aus der Zeit des Anfangs, wie er mit Schlaghose und steifem Kragen auf einem Hügel zwischen Felsen steht und Richtung Horizont zeigt. Der Bürgermeister blättert in den Seiten, die alten Fotos biegen sich unter der Klarsichtfolie auf. Im August 1978 war Nachman ausgestattet mit einer Erlaubnis der Regierung in diese Hügel gekommen. An die Jugend des Landes war der Ruf ergangen, zwei Fahnen hochzuhalten, die des Zionismus und die der Verteidigung. Diesen Auftrag wollte er erfüllen. Erhabene Ehrfurcht vor der eigenen Unerschrockenheit schleicht sich in seine dröhnende Stimme, als er von diesem Tag berichtet. „Ein Hubschrauber landete hier, genau hier“, sagt Nachman, „und heraus kam ein General mit ein paar Soldaten. Ich schüttelte ihm die Hand, und dann bewegten wir gemeinsam den ersten Felsen.“

Zunächst hausen auf dem Hügel gerade mal vier Familien, untergebracht in Armeezelten. Die Fotos in Schwarz-Weiß ähneln denen eines Campingtrips. Dann reiste Ron Nachman durch Israel und versuchte, Menschen davon zu überzeugen, ein neues Leben in einer Siedlung zu beginnen, die weder Wasser noch Strom hat. Ein Foto zeigt ihn vor einer Karte der Gegend, ein paar Leute sehen ihn aufmerksam an. Nachman redet wieder von seiner Vision. „Ich habe die Leute damals gefragt: Was wollt ihr mit dem Rest eures Lebens anfangen? Ihr seid jung genug, um etwas Befriedigendes zu tun.“ Nachman redet sich warm, die Erinnerungen an damals sind immer noch stark. Die Regierung, sagt er heute in dem Ton von damals, habe sie auf eine nationale Mission geschickt. Nachman blättert durch das Album, zeigt die ersten Wassertanks, die ersten Orangenbäume, die erste Schule. Der erste Zaun um die Siedlung wurde noch mit Kamelen gezogen, weil Autos auf dem Hügel nur schlecht vorwärtskamen. Der Bürgermeister seufzt. „Die Stimmung war einfach unglaublich“, sagt er. „Jeden Tag ist etwas Neues passiert. Damals hatten wir ja noch nicht mal eine Straße hierher und mussten durch die arabischen Dörfer.“

Dieses Problem gibt es für die Bewohner von Ariel heute nicht mehr. Eine Autobahn verbindet die Küstengegend mit diesem äußersten Hinterland, das schon wieder Vorposten ist. Ariel ist wie die meisten Siedlungen, von denen es heute mehr als 100 mit insgesamt über 300 000 Einwohnern gibt, als zivile Festung konzipiert, eine Burg mit gestaffelten Verteidigungsringen. In den 90er Jahren erlebte es einen großen Wachstumsschub. Über 6000 russische Juden aus der zusammengebrochenen Sowjetunion holte Nachman nach Ariel. Heute werben viele Läden und Restaurants für ihre Waren in zwei Sprachen: Russisch und Hebräisch.

Die meisten Siedler zieht nicht etwa die Ideologie, also die Mission, das biblische Land zu besiedeln, hinter die grüne Linie, die Israel offiziell von Palästina trennt, sondern es sind wirtschaftliche Gründe. Das Leben in Jerusalem oder Tel Aviv ist teuer, in den Siedlungen dagegen ist Wohnraum vor allem für junge Familien bezahlbar. Der Wohnungsbau dort wird zu 80 Prozent vom Staat finanziert.

Die angrenzenden palästinensischen Orte Salfit, Marda und Iskaka sehen zu, wie Ariel weiter wächst. Ron Nachman weigert sich, die Bewohner Palästinenser zu nennen. „Für mich sind das Araber“, sagt er. Nachman rühmt sich damit, dass er geholfen habe, die Bewohner an das israelische Strom- und Wassernetz anzuschließen. Von der Zwei-Staaten-Lösung hält er ohnehin nichts. „Die Araber denken doch, dass auf einmal der Himmel auf die Erde kommt, wenn sie ihren Staat haben. Aber wo werden sie dann arbeiten?“ Momentan tun sie das noch im Industriepark Barkan, in dem 130 Unternehmen angesiedelt sind. Für Nachman ein weiteres Indiz der Normalität.

„Zynisch“, nennt Lior Amihai das. Amihai arbeitet für die internationale Nichtregierungsorganisation Peace Now, die sich unter anderem die Beobachtung und Dokumentation der israelischen Siedlungen im Westjordanland auf die Fahne geschrieben hat. „Nachman hat recht“, gibt er zwar zu, „wenn er sagt, dass das damals öffentliches Land war.“ Allerdings sei genau diese Bezeichnung ein Problem. „Das Land ist eben öffentlich, also müsste man es für die gesamte Bevölkerung entwickeln. Aber genau das ist nicht passiert. Das ist das Gleiche wie mit der Straße 443, für die Land in Beschlag genommen wurde, nur dass danach keine Palästinenser auf dieser Straße fahren durften.“

Aber rückgängig machen lässt sich dieser Aneignungsprozess nicht mehr. Ariel, sagt Amihai, sei so tief im politischen Diskurs verankert, dass es schwer werde, die Siedlung bei einem künftigen Landtausch abzugeben. Für die israelische Öffentlichkeit sei Ariel eine ganz normale Stadt, die an das israelische Verkehrsnetz angeschlossen ist.

Ganz normal ist Ariel auch für Yaakov Vladiswaski. Während des Holocausts schafft es der 86-Jährige, aus Polen zu fliehen, dann kämpfte er im israelischen Unabhängigskeitskrieg. Zunächst lebte er in der Nähe von Tel Aviv, später zog er mit seiner Frau nach Ariel. Die Luft sei hier besser, sagt er, das Leben ruhiger.

Gemeinsam mit seiner Frau richtet er in ihrem Wohnhaus ein kleines Holocaustmuseum ein. Auf drei Stockwerken sammeln sie Postkarten aus dem Warschauer Ghetto, KZ-Uniformen und Judensterne. Die Touren für die israelische Jugend und Soldatengruppen geben sie kostenlos. Es sei erschreckend, sagt Yaakov Vladiswaski, wie wenig die jungen Israelis über den Holocaust wüssten.

Vladislawski geht langsam und etwas gebückt, doch wenn die Sprache darauf kommt, dass die Regierung irgendwann auf die Idee kommen könnte, Ariel in einem Handel gegen ein Stück anderes Land einzutauschen, richtet er sich auf und sagt: „Der Holocaust ist der Grund dafür, dass wir hier sind. Und das gilt für alle Israelis. Niemand darf und wird uns von hier vertreiben.“

Langsam versinkt die Sonne hinter den Hügeln, und ein kühler Wind bläst durch die Straßen. Die Baggerfahrer beenden ihre Schicht auf den Baustellen, Ron Nachmans Musik verstummt, zumindest für den Moment.

Nachman packt das Fotoalbum weg. Eine schöne Zeit war das, doch jetzt schaut er in die Zukunft. Lauter müsste es sein, mehr Baustellen, mehr Wohnraum, mehr Frieden. 200 bis 300 Familien will er jedes Jahr nach Ariel holen, in zehn Jahren will er 30 000 Einwohner in seiner Stadt haben. Ganz egal, was die Politiker in Jerusalem erzählen, und vor allem die im Westen.

Fredy Gareis

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