zum Hauptinhalt
Unter Nachbarn und Freunden: Markus Söder und Sebastian Kurz im Garten der Münchner Staatskanzlei
© imago images/Bayerische Staatskanzlei

Eine Enttäuschung namens Sebastian Kurz: Mit ihren Idolen haben Deutschlands Konservative kein Glück

Vom Wunderwuzzi zum Kriminalfall: Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz war in der Union lange ein Rollenideal. Über das Ende der Bewunderung.

Von Robert Birnbaum

Bloß gut, sagt ein Unionspolitiker, der Sebastian Kurz lange bewundert hat – bloß gut, dass der jetzt erst mal weg ist.

Der Mann meint das im Sinne der Schadensbegrenzung. Der Österreicher war für Konservative in CDU und CSU jahrelang ein Rollenideal. Doch seit der Wunderwuzzi vom Wiener Ballhausplatz als ruchloser Intrigant dasteht, der seine Wahlerfolge mit gefälschten Umfragen vorbereitete, ist die Bewunderung betretenem Schweigen gewichen.

Das wäre nicht weiter bemerkenswert, zeigte der Fall nicht ein kleines Muster auf: Mit ihren Idolen haben Deutschlands Konservative so recht kein Glück. Dabei schien Kurz alle Träume zu erfüllen, die sich mit einer konservativen Kehrtwende verbanden. Jung, alert, redegewandt und vor allem: erfolgreich.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Sein Bund mit der rechtspopulistischen FPÖ störte nicht weiter – einige sahen darin sogar ein Vorbild für die Union nach dem Rezept „Neutralisieren durch Einbinden“. Ein anderer konservativer Österreicher, Wolfgang Schüssel, hatte damit schließlich Erfolg gehabt. Schüssels Bündnisse der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) mit dem FPÖ-Gründer Jörg Haider endeten für die Rechtstruppe mit Niederlagen und Zerfall.

Als Kurz nach der Ibiza-Affäre seiner FPÖ-Partner und dem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen ihn selbst nicht nur die Wahl, sondern danach auch die Grünen zum Partner gewann, schauten jedenfalls selbst Christdemokraten auf den anscheinend Unkaputtbaren, denen der Wunderknabe eigentlich schon damals instinktiv suspekt war.

Eine deutsche "Liste Kurz"

Sogar im Kanzlerkandidaten-Duell der Union stand der Wiener, ohne dass es offen ausgesprochen wurde, beiden Seiten vor Augen. Die einen sahen in Markus Söder die deutsche Version des Erfolgsmenschen von Wien. Andere unterstellten dem Bayern, er wolle eine „Liste Markus“ etablieren so wie der Österreicher einst die „Liste Kurz“.

Die Sorge war, sofern nicht sowieso nur taktisch begründet, sicher übertrieben. CSU wie CDU sind zu vielfältig und die Separatinteressen zu stark, um sich einem Einzelnen bedingungslos unterzuordnen.

Söder und seine Partei gehören allerdings zu den Leidtragenden bei Kurz' Absturz. Bis dahin war der Österreicher Stammgast bei CSU-Tagungen und Parteitagen, oft als leibhaftiges Zeugnis gegen Merkel: Sieh mal, Angela, man kann auch anders siegen als mit der asymmetrischen Demobilisierung!

[Lesen Sie auch: Chats, Kanzler, Korruptionen: Die österreichische Tragödie (T+)]

Mit der Vorbildfunktion ist es vorbei, seit an der Donau die Abgötterdämmerung hereinbrach. Dabei ist Kurz der krasseste, aber nicht der erste Fall dieser Art. Der Ungar Viktor Orban etwa, auch er zeitweise gern gesehener CSU-Gast, taugt längst nicht mehr als Vorbild für klare Aussprache.

Die Sehnsucht nach dem starken Mann lebt trotzdem fort. Jungkonservative wie Junge-Union-Chef Tilman Kuban oder der Hamburger CDU-Landeschef Christoph Ploß zeigten nach der verlorenen Bundestagswahl wieder nach Wien, bevor sie ihre Worte eilends einkassieren mussten: So einen müsste man haben!

Kuban hatte dabei Jens Spahn als neue CDU-Hoffnung im Sinn, auch einen frühen Kurz-Bewunderer, der dann aber aus anderen Gründen nicht mehr in Frage kam.

In Europa fehlen konservative Vorbilder

Ploß' Hamburger Landsmann und Parteifreund Christoph de Vries pries Kurz aber sogar noch am Donnerstag als „eine der wenigen politischen Lichtgestalten Europas“ wegen seiner Haltung in Flüchtlings- und Euro-Schuldenfragen. Das „eine der wenigen“ erinnert indes unfreiwillig daran, wie sehr das Dahinschwinden bürgerlich-konservativer Parteien in Nachbarländern wie Italien oder Frankreich das Reservoir an Idolen dezimiert hat. Die Briten fallen aus, die USA nach Donald Trump ebenfalls

Im Inland ist nach Karl-Theodor zu Guttenberg ebenfalls kein Nachwuchsstar mehr gewachsen – wobei der CSU-Baron, der die Wehrpflicht abschaffte, nicht einmal durch besonders konservative Positionen hervorstach.

Ohnehin kann man die Frage stellen, ob nicht das konservative Schwärmen für Kurz von Anfang an ein Irrtum war. Für den vormaligen Staatssekretär für Integration war der Anti-Flüchtlingskurs eher Mittel zum populistischen Zweck.

Derzeit beliebt auf Tagesspiegel Plus:

Auch Söders bundesweite Popularität gründete sich nicht auf frühe Hauruck-Aktionen wie den Kreuzerlass, sondern auf sein Auftreten in der Pandemie. Und das war konservativ allenfalls im ursprünglichen Wortsinn: orientiert am Bewahren, ja Beschützen vor der Viren-Gefahr, wortmächtige Ergänzung zur besorgten Mutter Merkel der Nation.

Selbst Merz wird zum Sozial-Softie

Was zu der Frage führt, ob das Modell Konservativ überhaupt noch gefragt genug ist. Dass ausgerechnet Altstar Friedrich Merz im CDU-Vorsitzwahlkampf plötzlich zum Sozialanwalt mutiert, gibt ja zu denken. Selbst dem Sauerländer erscheint ein Profilmix aus Wirtschaftsnähe und Anti-Gender-Sprüchen zu eng.

Es wirkt, als habe er die Studie gelesen, die die Wahlforscher der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im Frühjahr erstellt hatten. Statt der üblichen „Wen würden Sie wählen“-Abfragen setzten die Demoskopen der Stiftung eine kleine Tiefenbohrung in die Wählerseele an. Gefragt wurde nach Sympathie und nach Begriffen, mit denen sich Parteianhänger selbst gerne beschreiben würden.

Das Ergebnis konnte der Union zu denken geben. Magere 13 Prozent der Wähler fanden CDU und CSU „sehr“ sympathisch, insgesamt lag ihr maximales Sympathie-Potenzial bei 44 Prozent. Das war nur knapp über der SPD und hinter den 50-Prozent-Grünen.

Noch interessanter fiel die Selbsteinordnung der Unionsanhänger in einer Wolke von Eigenschaften aus. Weit vorne rangierten Begriffe wie „verlässlich“, „bodenständig“, „realistisch“, auch „weltoffen“ und „ausgleichend“ sahen sich Unionsanhänger gern – alles weiche Worte, keine harten und scharfen. Nur ganz am Ende der langen Liste landete, man ahnt es schon: „konservativ“.

Zur Startseite