• Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg: Wer die AfD wählt, macht sich mit Hass und Hetze gemein

Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg : Wer die AfD wählt, macht sich mit Hass und Hetze gemein

Rassistische und antisemitische Angriffe treffen nicht nur Minderheiten - sondern die ganze Gesellschaft. Eine Kolumne.

"Vogelschiss der Geschichte" - so relativierte der AfD-Chef Alexander Gauland die NS-Zeit.
"Vogelschiss der Geschichte" - so relativierte der AfD-Chef Alexander Gauland die NS-Zeit.Foto: Alexander Prautzsch/dpa

Ich weiß nicht, wie oft ich schon gewählt habe, aber eines weiß ich ganz sicher: Keine Wahl, zu der ich als Bürgerin dieses Landes aufgerufen war, habe ich verpasst. Kommunalwahl, Landtagswahl, Bundestagswahl – sogar die Europawahlen habe ich nicht ausgelassen. Dass ich das als meine bürgerliche Pflicht empfinde, liegt sicher auch daran, dass mir das Wahlrecht in Deutschland nicht in die Wiege gelegt wurde. Erst mit der deutschen Staatsbürgerschaft habe ich es bekommen.

Nach jeder Wahl habe ich zuerst die Hochrechnungen verfolgt und mir anschließend die Interviews mit den Vertretern der Parteien angeschaut. Am letzten Wochenende war das zum ersten Mal anders. Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg musste ich den Fernseher schon nach kurzer Zeit ausschalten. Obwohl ich nicht gewählt hatte, war ich irgendwie doch beteiligt. Denn mit allem, was die AfD sagt, meint sie mich – die Migrantin. Sehen Sie mir also bitte nach, dass mir die Befindlichkeiten der AfD-Wähler, ob sie aus Protest, aus Überzeugung, weil sie sich abgehängt oder vom Westen im Stich gelassen fühlen oder schlecht geschlafen haben, ziemlich egal sind.

Damit Sie verstehen, was ich meine, möchte ich Ihnen kurz meine Augen und Ohren leihen: „Wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ „Es muss Schluss damit sein, dass Fremde unsere Frauen, unsere jungen Mädchen als billig verfügbare Schlampen missbrauchen.“ „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ „Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein.“ „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Das sind Sätze von führenden AfD-Politikern, sie wurden in der Öffentlichkeit gesagt. Wenn nicht persönlich, wie sonst sollte man als Migrant in diesem Land diese rassistischen Entgleisungen nehmen? Und ja, jeder, der die AfD mit diesem Wissen gewählt hat, nimmt ihren Rassismus und Antisemitismus in Kauf und macht sich mit seinem Kreuz mit diesem Gedankengut gemein.

Viele Freunde haben Fluchtgedanken

Viele Freunde haben seit dem letzten Wochenende Fluchtgedanken. Eine jüdische Freundin schrieb: „Und ich denk nur Koffer. Ich denk die ganze Zeit nur Koffer.“ Es ist ein beklemmendes Gefühl, dass man sich in seiner Heimat nicht mehr wohlfühlt. Und während ich das schreibe, denke ich an die anonymen E-Mails, die ich wie immer bekommen werde: „Geh doch zurück in dein Ziegendorf.“ „Verpiss dich endlich.“ In welcher Schieflage der Diskurs mit den AfD-Wählern ist, zeigt, wie normal wir es mittlerweile empfinden, überhaupt solche Zuschriften zu bekommen. Jedem sollte klar sein, dass rassistische und antisemitische Angriffe durch die AfD Angriffe auf die ganze Gesellschaft sind.

Schon nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde schmerzhaft klar, dass man als Minderheit in einem Blumenladen, in einer Änderungsschneiderei, in einem Lebensmittelladen, in einem Dönerimbiss, in einem Internetcafé einfach so ermordet werden kann. „Sie stehen nicht mehr allein“, sagte Angela Merkel auf der Trauerfeier und meinte uns. Und wie sehr würde man sich jetzt wünschen, dass Politiker demokratischer Parteien nach Sachsen und Brandenburg zu den Migranten sagen: „Wir lassen Sie nicht im Stich. Wir werden alles tun, damit Sie sicher in diesem Land leben können.“ Auch wenn man selbst nicht betroffen ist, muss das Signal an die AfD und ihre Wähler sein: Ihr habt nicht nur Migranten, Juden, Flüchtlinge, Schwule oder andere Minderheiten gegen euch, sondern uns alle.

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