Nach Video mit Nestlé-Manager : Bitte Abstand halten, Frau Klöckner!

Die Landwirtschaftsministerin wirbt im Netz mit einem Vertreter von Nestlé für ihre Politik. Auf solche Auftritte sollte sie verzichten. Ein Kommentar.

Julia Klöckner (CDU), Bundeslandwirtschaftsministerin.
Julia Klöckner (CDU), Bundeslandwirtschaftsministerin.Foto: Christoph Soeder/dpa

Nun weiß wirklich jeder, wie gut es Nestlé mit uns meint. In der Wagner-Pizza, dem Kitkat-Riegel oder den Maggi-Suppen steckt heute nämlich viel weniger Salz, Fett und Zucker als früher, sagt der neue Deutschland-Chef Marc-Aurel Boersch. Um diese Botschaft unter das Volk zu bringen, muss der weltgrößte Lebensmittelkonzern weder Fernseh-Spots buchen noch Plakatwände bekleben. Ein Besuch im Bundesernährungsministerium reicht vollkommen.

Am Montag hatte Ministerin Julia Klöckner das Video ihres Treffens mit dem Lebensmittelmanager auf dem Twitter-Kanal ihres Hauses hochgeladen. Darin darf Boersch ausführlich die Leistungen seines Hauses loben – zum Wohlgefallen der Ministerin. Schließlich wirbt Klöckner für eine freiwillige Verringerung von Salz, Fett und Zucker in Fertiglebensmitteln. Das Beispiel Nestlé zeige, dass dies gehe, erklärt sie stolz im Video.

Nun ist ein Shitstorm über die CDU-Politikerin hereingebrochen. Schleichwerbung wird ihr vorgeworfen, Kungelei mit der Lebensmittelindustrie, Lobbyismus. Klöckner kann das nicht verstehen: Warum soll sie sich nicht mit einem Unternehmen treffen, das auf dem richtigen Weg ist und zudem auch noch Steuern in Deutschland zahlt?, fragt sie und teilt aus gegen die „Hatespeaker“ im Netz.

Das Ministerium ist keine PR-Abteilung

Richtig ist: Minister müssen sich mit allen relevanten Akteuren treffen. Im Agrarministerium zählen Lebensmittelunternehmen genauso dazu wie Bauernverbände oder NGOs. Aber: Das Ministerium ist nicht die PR-Abteilung der Lebensmittelwirtschaft und sollte noch nicht einmal in die Nähe eines solchen Verdachts kommen.

Gerade Julia Klöckner, sonst ein Profi in Öffentlichkeitsarbeit, muss aufpassen. Denn fast alle großen Projekte, die sie bisher angestoßen hat, basieren auf Freiwilligkeit und dem guten Willen der Tierhalter oder der Lebensmittelhersteller. Klöckner nennt das Pragmatismus, andere werfen ihr einen Kuschelkurs vor. Das jüngste Video spielt ihren Kritikern in die Hände.

Es zeigt aber auch, wie blauäugig Politiker, vor allem jene aus der Union, noch immer im Umgang mit den sozialen Medien sind. Jüngst zu sehen, als die CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Fundamentalkritik des Youtube-Star Rezo höchst unbeholfen agierte.

Auch wenn der Auftritt der Ministerin eher als Eigen- denn als Nestlé-Werbung gedacht war, passt er nicht in eine Zeit, in der sich Influencer immer häufiger vor Gericht wiederfinden, weil sie Werbung für Unternehmen gemacht haben, ohne diese als solche zu kennzeichnen. Wäre es ein Kompromiss, wenn Klöckner solche Videos als Reklame kennzeichnen würde? Nein. Sie sollte auf solche Auftritte schlicht verzichten.

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