• Nicht nur Tönnies – Hotspots in Deutschland: Lokale Ausbrüche treiben die Zahlen drastisch nach oben

Nicht nur Tönnies – Hotspots in Deutschland : Lokale Ausbrüche treiben die Zahlen drastisch nach oben

Hochhäuser in Göttingen und Neukölln, ein Amazon-Lager in Hessen, ein Schlachthof in Oldenburg: Hotspots bestimmen das Infektionsgeschehen in Deutschland.

Die Polizei sichert die Quarantäne in einem Wohnkomplex in Göttingen.
Die Polizei sichert die Quarantäne in einem Wohnkomplex in Göttingen.Foto: Swen Pförtner/dpa

630 nachgewiesene Neuinfektionen binnen 24 Stunden – diese Zahl meldet das Robert-Koch-Institut am Donnerstagmorgen. In den vergangenen Wochen lagen die RKI-Tageswerte meist um die 300, nun aber ist es das zweite Mal, dass es einen sehr deutlichen Ausreißer nach oben gibt.

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Das Tagesspiegel Innovation Lab sammelt die Infektionszahlen live aus allen Landkreisen – die Werte sind aktueller als die vom RKI. Auch hier zeichnet sich ein Trend nach oben ab: In den ersten Juni-Wochen wurden noch durchschnittlich deutlich weniger als 400 Neuinfektionen täglich registriert. Vergangene Woche schon lag im Schnitt der Anstieg bei 420,4 Fällen täglich, diese Woche bei 558,3 Fällen.

Für diese Zunahme der Infektionsfälle ist wohl vor allem ein Ereignis verantwortlich: Der Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück. Dort wurden mehr als 1500 Beschäftigte positiv auf Sars-Cov-2 getestet.

Mit Folgen: Der Landkreis Gütersloh musste – zusammen mit dem Nachbarkreis Warendorf – zurückkehren zu Corona-Beschränkungen. Menschen von dort sind inzwischen in mehreren Bundesländern nicht mehr als Urlauber willkommen.

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Die Testergebnisse für Tönnies-Mitarbeiter sind erst nach und nach in die Statistiken eingeflossen, verteilt auf mehrere Landkreise. So erklärt es sich zum Teil, dass an vielen Tagen deutlich erhöhte Zahlen der Neuinfektionen gemessen wurden.

Tönnies ist aber nur ein Extrembeispiel für einen Trend, der sich in den vergangenen Wochen abzeichnete: Anders als zur Hochphase der Pandemie in Deutschland Ende März, Anfang April, ist das Infektionsgeschehen nicht mehr flächendeckend. Wenn die Zahlen an einem Ort deutlich nach oben gehen, dann liegt das in der Regel an einem lokal begrenzten Ausbruch – etwa in einem Betrieb oder einem Wohnhaus.

Überblick über größere Ausbrüche der vergangenen Tage

  • Göttingen: Nach Gütersloh und Warendorf ist der Kreis Göttingen der dritte, der aktuell über der Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern liegt, der Wert betrug am Donnerstagmittag 50,9. In der Stadt ist bereits das zweite Mal ein Gebäudekomplex wegen eines Corona-Ausbruchs in die Schlagzeilen geraten. Bei dem jüngsten Hotspot wurden 120 Infizierte in einer Plattenbau-Anlage mit 700 Bewohnern registriert.
  • Berlin: Die Hauptstadt hat in den vergangenen Tagen gleich mehrere Gebäude unter Quarantäne stellen müssen. Insgesamt wurden binnen einer Woche 546 Neuinfektionen registriert. Das ist ein ziemlich hoher Wert, der allerdings in relativen Zahlen nicht ganz so dramatisch aussieht: Mit 15 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist die Stadt noch entfernt vom Berliner Grenzwert von 30 Neuinfektionen. 
  • Oldenburg: Der Tönnies-Schlachthof ist nicht der erste Fleischbetrieb mit vielen Infizierten – und auch nicht der letzte. Bei dem Geflügelfleisch-Spezialisten Wiesenhof in Oldenburg wurden 35 Beschäftigte positiv getestet. Die Reihentestung dort ist noch nicht abgeschlossen.
  • Magdeburg: Die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt taucht schon seit längerem weit oben in der Liste der Neuinfektionen auf, aktuell gibt es dort 17,6 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner. Die Infektionsfälle konzentrieren sich auf mehrere Neubauten, seit Samstag stehen 19 Hausaufgänge unter Quarantäne.
  • Kreis Hersfeld-Rotenburg: Der Landkreis hat mit 20,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner den mit Abstand höchsten Wert in Hessen. Grund ist wohl vor allem ein Ausbruch in Amazon-Lagern. Der Gewerkschaft Verdi zufolge gibt es in einem Amazon-Betrieb in Bad Hersfeld 30 bis 40 Corona-Fälle. Dies berichten mehrere Medien.

Virus kursiert offenbar noch deutschlandweit

Dass zuletzt Ausbrüche lokal begrenzt blieben, erscheint zunächst beruhigend – zumindest für Menschen, die außerhalb der Hotspots leben. Doch das bedeutet keine Entwarnung, im Gegenteil: Es zeigt, dass das Virus offenbar weiterhin deutschlandweit kursiert. Es könnte theoretisch überall neue Ausbrüche geben.

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Zudem besteht auch bei jedem einzelnen Hotspot die Gefahr, dass er streut. Ischgl und Heinsberg sind dabei prominente Beispiele, wie lokale Ausbrüche zu flächendeckendem Infektionsgeschehen führten.

Ziel: Verhindern, dass man selbst zum Superspreader wird

So müssen bei jedem Ausbruch die Behörden schnell und entschieden eingreifen: Für jeden Infizierten müssen sofort seine Kontakte ermittelt werden – und alle müssen unter Quarantäne gestellt werden. Sollte nicht garantiert werden können, dass die Infektionsketten durchbrochen sind, braucht es wie in den Kreisen Gütersloh und Warendorf eine Rückkehr zu den Corona-Beschränkungen. 

Und natürlich: Jeder einzelne kann verhindern, dass ein neuer Hotspot entsteht. Denn jeder, der Abstand hält, die Hygieneregeln befolgt, Menschenansammlungen meidet und Maske trägt, minimiert die Gefahr, selbst zum Superspreader zu werden und damit einen Ausbruch auszulösen.

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