Nord Stream 2 : Deutschland und die Energie-Dealer

Der Ausstieg aus Kernkraft und Kohle bedeutet, dass Deutschland auf Erdgas-Importe angewiesen ist. Die Alternative heißt: Putin oder Trump? Ein Kommentar.

Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2
Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2Foto: dpa/Jens Büttner

Deutschland hat sich abhängig gemacht. Es steigt aus der Kernenergie aus, es steigt aus der Kohle aus, und jeder weiß, dass der Bedarf sich nicht allein aus erhöhter Energieeffizienz und dem Ausbau Erneuerbarer Energien decken lässt. Nun steht der Energie-Junkie vor der Wahl, von welchem Dealer er seinen Stoff bezieht. Es ist die Wahl zwischen falsch und verkehrt.

Da ist auf der einen Seite die Pipeline Nord Stream 2. Sie soll Erdgas von Russland direkt nach Deutschland bringen. Aber Russland ist Wladimir Putin, der steht für Krim-Annexion, Ukraine-Drangsalierung, Assad-Unterstützung, Desinformationskampagnen, Journalistenmorde, Willkürjustiz, Autokratie. Von Putins Russland Erdgas zu beziehen, heißt, dessen Regime zu unterstützen, Jahr für Jahr, mit Milliardenbeträgen.

Da sind auf der anderen Seite die USA. Sie locken mit dem Export verflüssigten Erdgases. Aber die USA sind Donald Trump, der steht für die unilaterale Aufkündigung fast aller multilateraler Abkommen, vom Klima über Irans Atomprogramm bis zu den Mittelstreckenraketen, für Handelskonflikte und Strafzölle, Migrantenabwehr, Sexismus und Deutschland-Bashing. Außerdem ist das verflüssigte amerikanische Erdgas teurer als das russische. Bei dem Gedanken, von Trumps USA verflüssigtes Erdgas zu beziehen, Jahr für Jahr, mit Milliardenbeträgen, ist einem auch nicht ganz wohl.

So ist die Lage. Kein Wunder, dass die Dealer nun, um die Gunst des erpressbaren Junkies zu bekommen (und vor allem sein Geld!), ein Getöse veranstalten. Trump hat gleich drei seiner Botschafter in Stellung gebracht – die in Deutschland, Dänemark und bei der EU –, damit sie die Moralkeule schwingen.

Etwas überspitzt lautet die Botschaft der Botschafter: Wer Nord Stream 2 nicht stoppt, macht sich mitschuldig an Kindern, die in Syrien mit Chemiewaffen ermordet werden. Dass Washington selbst durch seine Ölimporte die Herrscherclique in Saudi-Arabien hochgerüstet hat, die durch die Ausbreitung der wahhabitischen Ideologie wesentlich zur Entstehung des internationalen Terrorismus beigetragen hat, wird verschämt verschwiegen.

Ebenso durchsichtig sind die Beschwichtigungsversuche der Russophilen und Antiamerikaner. Russland sei schon zu Zeiten des Kalten Krieges ein stets verlässlicher Energielieferant gewesen, sagen sie, erinnert sei außerdem an das gute, alte Egon-Bahr-Wort vom Wandel durch Handel, Sanktions- und Isolationsstrategien hätten Putin noch nie beeindruckt, die USA wiederum hätten kein Recht, sich in deutsche und europäische Angelegenheiten einzumischen.

Was soll die Bundesregierung tun? Der Druck der Gegner von Nord Stream 2 hat stark zugenommen. Die Europäische Union war von Anfang an gespalten, jetzt scheint sich auch Frankreich auf die Seite der Kritiker geschlagen zu haben. Gut möglich, dass Deutschland nachgeben muss, drastischer gesagt: den Streit verliert. Die Hurra-Transatlantiker ließe das triumphieren. Doch der Schaden, den ein solches Einknicken für das Image eines souverän entscheidenden Staates bedeuten würde, wäre beträchtlich.

Ein Junkie hat sich zum Spielball der Dealer gemacht. Woher er künftig seinen dringend benötigten Stoff bekommt, weiß er weniger denn je. Wahrscheinlich wird dieser Stoff vor allem teurer sein als bislang. Der Verzicht auf Kernkraft und Kohle hat eben seinen Preis.

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