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Corona-Impfungen führen zu Streit zwischen Jüngeren und Älteren.

© Sebastian Gollnow/dpa

Tagesspiegel Plus

Nur noch Astrazeneca für die Jüngeren?: „Ich habe das Gefühl, dass wir als Generation komplett vergessen werden“

Astrazeneca wird von manchen über 60-Jährigen abgelehnt, obwohl er für Jüngere gefährlicher ist. Die sind wütend.

Seit März 2020 verzichte ich – und meine ganze Generation – auf so viel. Und jetzt verhalten sich die Älteren unsolidarisch. Das ist unfair!“ Alexander Klein ist wütend. Der 34-Jährige erzählt, er habe sich seit Pandemiebeginn nur mit zwei Personen außerhalb seiner Familie getroffen.

Er reduziere die Kontakte auf ein Minimum, vor allem, um die Älteren zu schützen. In seiner Freizeit spielt er normalerweise Theater, trifft dort immer auf viele Leute, die Pandemie veränderte alles. „Wenn eine Impfung mit Astrazeneca für die Älteren sicher ist, dann finde ich es einfach nur unsolidarisch, den jüngeren Leuten, die keine andere Wahl haben, die Impfstoffe wegzunehmen“, sagt er.  

Die Debatte hat ein neues Ausmaß angenommen. Zuerst ging es lediglich darum, dass junge Menschen fürchteten, nach gut einem Jahr des Zuhausesitzens den Älteren beim Restaurantbesuch zusehen zu müssen. Doch nun wird verstärkt ein weiterer Vorwurf laut: Über-60-Jährige wollen sich angeblich nicht mit Astrazeneca impfen lassen und würden Jüngeren die Impfung mit Biontech wegnehmen.   

 Es ist nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herum liegen.

Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach

In Berlin wurden bisher 78 Prozent der vorhandenen Impfdosen des Impfstoffs Astrazeneca verimpft, in ganz Deutschland sind es 80 Prozent. Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) hatte jüngst angekündigt, einen Teil der übrig gebliebenen Astrazeneca-Dosen an die rund 3000 Obdachlosen in den Notunterkünften zu verimpfen. 

„Es ist in der aktuellen Situation nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herum liegen“, sagte Breitenbach den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) rief dazu auf, sich impfen zu lassen und dafür jeden Impfstoff zu nutzen, der angeboten werde. Der 46-jährige Politiker hatte sich jüngst selbst mit Astrazeneca impfen lassen. 

Doch die Sorge, insbesondere der jüngeren Generation, sich mit dem Vektorimpfstoff impfen zu lassen, ist groß. Viele junge Menschen haben Angst, dass sie den Stoff nicht vertragen. Das liegt auch daran, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt, den Impfstoff in Deutschland erst für Menschen ab 60 Jahren einzusetzen. Nach ärztlicher Aufklärung und bei „individueller Risikoakzeptanz“ könne der Impfstoff, laut Stiko, weiter auch Jüngeren Menschen verabreicht werden. Aussagen, die wenig Vertrauen stiften. 

Sollten Unter-30-Jährige bei mRNA-Impfstoffen bevorzugt werden?

Am Montag war die Entscheidung bekannt geworden, dass die Stiko auch den Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson in der Regel für Menschen ab 60 empfiehlt. Außerdem wurde für den unbeliebten Impfstoff aus den USA kurzerhand die Priorisierung aufgehoben – obwohl das Vakazin hierzulande erst seit kurzem im Einsatz ist.

Im 2. Quartal stehen 10,1 Millionen Johnson& Johnson Dosen in Deutschland zur Verfügung. Bis Ende 2021 sollen es 36,7 Millionen werden. Bislang wurden jedoch erst 6 Prozent des gelieferten Johnson& Johnson-Impfstoffs aufgebraucht. Diese Ausgangslage könnte zu einer ähnlichen Diskussion wie beim Impfstoff Astrazeneca führen. 

Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, glaubt zwar, dass das Risiko der speziellen Thrombosen als Nebenwirkung bei der Verwendung von Vektorimpfstoffen sehr gering sei und das Risiko einer schweren Komplikation durch Covid-19 für viele Personen sehr viel höher. Gleichzeitig riet er bei den unter 30-Jährigen zur Verwendung eines mRNA-Impfstoffes. 

 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl.
 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl.

© Pressestelle Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Alexander Klein würde sich gerne impfen lassen, ist aber gesund und in keiner priorisierten Gruppe. Er wird einer der Letzten sein, die drankommen, und sagt, er möchte bis dahin nicht zuschauen, wie Ältere im Restaurant Kuchen essen. Eine Impfung mit Astrazeneca macht ihm Angst.

Vor allem aber findet er es ungerecht, dass für ihn nur „der schlechte Impfstoff“ übrigbleibt. „Die Politik sollte Biontech und Moderna für uns Jüngere reservieren“, sagt er. Personen über 60, die nicht durch Vorerkrankungen gefährdet seien, sollten, wenn es nach ihm ginge, nur Astrazeneca oder Johnson & Johnson angeboten bekommen.  

Alexander Klein findet, Biontech und Moderna sollten für Jüngere reserviert werden.
Alexander Klein findet, Biontech und Moderna sollten für Jüngere reserviert werden.

© Foto: Privat

Die Politik sollte Biontech und Moderna für uns Jüngere reservieren

Alexander Klein

„Ich habe das Gefühl, dass wir als Generation komplett vergessen werden“, sagt Klein, der in Wuppertal in einem IT-Unternehmen arbeitet. „Die Regierung interessiert sich nur für die Älteren, weil sie zu ihrem Wählerklientel gehören. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn all die Energie verwendet wird, nur um es dieser Gruppe recht zu machen. Auch für uns sollte die Politik Verständnis zeigen und Angebote machen.“ 

Es sei okay, dass die Jüngeren nicht bei der Impfreihenfolge priorisiert werden. „Aber irgendwann ist das Maß voll. Da muss man auch mal die Belange der anderen Generation sehen.“  

Risikogruppe für Astrazeneca und Johnson & Johnson ungeklärt

Doch aller individueller Bedenken zum Trotz: Für die seltenen schweren Impfnebenwirkungen im Zusammenhang mit Astrazeneca und Johnson & Johnson kann Experten zufolge bisher keine genaue Risikogruppe und kein bestimmter Risikofaktor definiert werden. Das sagte der Direktor des Mikrobiologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen, Christian Bogdan, am Dienstag in einer Videoschalte des Science Media Center. Er ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Irgendwann ist das Maß voll!

Alexander Klein

Doch Hans-Michael Mühlenfeld, Hausarzt in Bremen, nimmt die Bedenken der jungen Generation ernst. „In meiner Praxis gilt: Über 60 gibt’s Astrazeneca”, sagt er. „Wenn diese Patienten lieber Biontech haben wollen, setze ich sie gerne auf die Liste. Allerdings stehen sie dort dann ganz hinten – nämlich bis auch der letzte 20-Jährige mit Biontech versorgt wurde.” 

Die jungen Patienten hätten schließlich keine Wahl. Es sei also eine medizinische Entscheidung und keine ethische. „Es ist ein logisches Vorgehen und ich glaube, so gehen auch viele meiner Kollegen vor“, sagt er.  

In meiner Praxis gilt: Über 60 gibt’s Astrazeneca.

Hausarzt Hans-Michael Mühlenfeld

Trotzdem wollen sich in seiner Praxis die meisten über 60-Jährigen vorzugsweise mit Biontech impfen lassen. „Es liegt daran, dass der Biontech-Impfstoff ein besseres Image hat. AstraZeneca ist in den Augen vieler Menschen also quasi ein SUV, Biontech hingegen ein Sportwagen. Patienten und ihre Hausärzte müssen gemeinsam entscheiden, wohin die Reise gehen soll – ins Gelände oder auf den Highway.“ 

AstraZeneca ist in den Augen vieler Menschen also quasi ein SUV, Biontech hingegen ein Sportwagen.

Hausarzt Hans-Michael Mühlenfeld

Die Ärzte koste die Unterstützung der Patient:innen bei ihrer Abwägungsentscheidung unheimlich viel Zeit. „Das führt in meiner Praxis teilweise sogar dazu, dass mein Flur so überfüllt ist, dass Patienten mit akuteren gesundheitlichen Beschwerden nicht mehr so schnell durchkommen“, sagt Mühlenfeld. 

„Es wäre der Wunsch der Hausärzte, dass es klarere Ansagen der Politik gibt und nicht dieses Rumgeeiere, erst zu sagen AstraZeneca solle es nur für die Jüngeren, dann nur für die Älteren und jetzt nach ausführlichem Gespräch für alle. Wer soll das verstehen?“ 

„Ich finde, dass jeder Mensch ein Recht auf Gesundheit hat. Bei AstraZeneca bin ich mir mit der Gesundheitsgefährdung nicht sicher. Es ist nachvollziehbar, das ältere Menschen Angst haben“, sagt Jürgen Becker, selbstständiger IT-Berater aus Bielefeld. Der 64-Jährige ist inzwischen mit Biontech geimpft. „Erst hieß es nur unter 65 dürfen mit Astra Zeneca geimpft werden, dann wurden die Impfungen ausgesetzt. Jetzt die Rolle Rückwärts, nur über 60 jährige werden mit Astra Zeneca geimpft. Was soll man davon halten. Das verunsichert enorm.“

Ist Impfneid ein Luxusproblem?

Die Kinder- und Jugendpsychologin Michaela Willhauck-Fojkar glaubt unterdessen nicht an einen Generationenkonflikt. Jugendliche seien eine heterogene Gruppe, aus der sie unterschiedliche Positionen zum Thema Impfen wahrnimmt. „Diejenigen, die die finanziellen Möglichkeiten haben, ins Café und ins Kino zu gehen oder in den Urlaub zu fahren, die fühlen sich nun benachteiligt.” Jugendlichen, die auch vor der Pandemie Entbehrung erlebt haben, würde es vor allem darum gehen, sich – ohne Sanktionen fürchten zu müssen – mit Gleichaltrigen treffen zu können.  

Aber sie erlebe auch die andere Seite: Jugendliche über 16 Jahren mit psychischer Erkrankung, die auch zur Priorisierungsgruppe 3 gehören. Viele, die bei Willhauck-Fojkar in die Sprechstunde kommen, seien sehr differenziert und verantwortungsbewusst und hätten Angst, Vorerkrankten den Impfstoff wegzunehmen. „Man kann nie verallgemeinern. Manche sind sehr laut und vehement, andere aber sehr leise und differenziert.” 

Gleichzeitig sei Neid eine ganz normale Reaktion. „Knappe Güter sind immer interessant. Hätten wir von Anfang an genügend Impfstoff gehabt, wäre die Diskussion jetzt eine andere.” Die Pandemie habe zudem bestehende Ungerechtigkeiten ans Licht gebracht. „Da fängt man noch mal mehr an sich zu fragen: Habe ich genug?”  

Auch Jüngere haben Angst zu erkranken

Bei Michelle Stamm geht es aber weniger um Freiheiten oder ein Stück des Kuchens. Die 22-Jährige aus Siegen sorgt sich um ihre Gesundheit. Sie arbeitet in einem Testzentrum, wäre damit eigentlich Prioritätsgruppe 1, aber sagt selbst, dass sie noch keine Impfeinladung erhalten hätte. Woran das genau liege, wisse sie nicht. Dass sie und ihre Kolleg:innen im Testzentrum nicht geimpft sind, ärgert sie, zumal sie täglich riskieren, sich mit dem Virus zu infizieren. 

Ich finde das undankbar und unsolidarisch der jungen Generation gegenüber

Michelle Stamm, Mitarbeiterin in einem Testzentrum

Noch viel mehr ärgert sich die junge Frau zudem über ältere Menschen – gerade Männer – die den Impfstoff von Astrazeneca nicht haben wollen. Sie hatte zwischendurch selbst überlegt, Astrazeneca zu nehmen, doch als die Berichte über Nebenwirkungen öffentlich wurden und sich herausstellte, dass besonders junge Frauen betroffen sind, hat sie sich anders entschieden. „Ich finde das undankbar und unsolidarisch der jungen Generation gegenüber”, sagt Stamm.  

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