Pisa-Studie 2019 : Vergesst Pisa, denkt lieber an die Bildung!

Seit 18 Jahren starren Deutschlands Bildungsverantwortliche auf die Pisa-Studie. Und seit 18 Jahren erteilen sie die gleichen guten Ratschläge. Ein Kommentar.

Schüler an einer Berliner Schule.
Schüler an einer Berliner Schule.Foto: Doris Spiekermann-Klaas / Tsp

Was machen Sie? Ihr Sohn Paul, 17 Jahre alt, steht mitten im Abitur. Morgen schreibt er seine Arbeit im Prüfungsfach Physik. Er könnte dafür noch lernen, seine Karteikarten durchgehen. Doch dann ruft Pauls Freund Ahmed an. Der ist 18 Jahre alt und kam vor drei Jahren mit seiner Familie als Flüchtling aus Syrien nach Berlin. Auch Ahmed hat es bis zum Abitur geschafft. Aber er braucht Unterstützung.

Morgen schreibt er seine Deutsch-Klausur, es steht Spitz auf Knopf. Ahmed bittet Paul um Hilfe, für ein paar Stunden nur. Was raten Sie Paul? Soll er Ahmed helfen - oder lieber an sich selbst denken, Ahmed absagen und seine Physik-Karteikarten lernen?

Freundschaften sind meist wichtiger als der eigene Erfolg. Hilfsbereitschaft, Loyalität und Solidarität sind Tugenden, deren Befolgung es rechtfertigen kann, auf etwas zu verzichten. Das ist schwer, und es erfordert einen starken Charakter. Aber eine Welt, in der das Gegenteil gilt, das uneingeschränkte Ellenbogen-Prinzip, wäre nicht lebenswert.

Seit 18 Jahren starren Deutschlands Bildungsverantwortliche kaninchengleich auf die Pisa-Schlange. Wo stehen wir diesmal in der weltweit größten Schulstudie? Wo sind wir abgerutscht, wo haben wir einen halben Prozentpunkt zugelegt? Und seit 18 Jahren erteilen Experten die immer gleichen guten Ratschläge: mehr Geld, mehr Förderung, größere Praxisnähe, Kontextualisierungen, gezielte Schulungen von Lehrkräften. Man liest die Empfehlungen und denkt: Kenn ich, weiß ich, war ich schon.

Bei Pisa werden weltweit 15-Jährige getestet

Damit kein Zweifel entsteht: Lesen, Schreiben, Mathe und Naturwissenschaften sind wichtig, sehr wichtig. Aber im Gesamtkomplex Schule, Bildung, Erziehung nehmen sie in ihrer Relevanz nur einen Bruchteil ein. Bei Pisa werden 15-Jährige getestet. Sie Fragen nach dem Sinn des Lebens, greifen nach der Welt, erobern sie sich, kämpfen mit starken Gefühlen, denken über ihre Zukunft nach. Je fundierter die Allgemeinbildung – die umfasst durchaus auch Klassiker wie Platon, Kant und Kafka –, desto stabiler das Rüstzeug, um aus Vergangenem Gegenwärtiges ableiten und es verstehen zu können.

Dazu bedarf es einer gelassenen Souveränität von Pädagogen, die sowohl Fachkompetenzen vermitteln als auch die Lust am Lernen entfachen wollen. Das sagt sich sehr leicht – und gelingt sehr selten. Aber wenn es gelingt, wurde jenes Wechselspiel aus Neugier, befriedigter Neugier und erneuter Neugier in die Wege geleitet, das so unendlich wie unendlich kostbar ist.

Die Fixierung auf Pisa, auf standardisierte kognitive Leistungen, verführt zu standardisierten pädagogischen Konzepten. Die aber werden der Vielfalt, die Deutschlands Schulen prägen, nicht gerecht. Auch Lehrer brauchen Freiheiten, um ihre eigenen Fähigkeiten angemessen zur Geltung bringen zu können. Einige zum Beispiel beherrschen die Kunst des Frontalunterrichts. Andere vertrauen auf erkenntnisfördernde Funken, die aus angeleiteter Gruppendynamik entstehen. Paul hat Ahmed geholfen. Seine Physikklausur am nächsten Tag lief nicht ganz so gut. Aber aufs Leben ist er trotzdem bestens vorbereitet.

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