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Rettung für Griechenland: Pleitegeier im Wartestand

In letzter Minute hat die große Mehrheit der privaten Gläubiger Griechenlands offenbar doch noch einem Schuldenschnitt zugestimmt. Warum ist das so wichtig?

Für Griechenland schlug am Donnerstag gegen 21 Uhr eine Schicksalsstunde: Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die privaten Gläubiger entscheiden, ob sie einem Schuldenschnitt, also einem teilweisen Verzicht auf ihre Forderungen an das Land, zustimmen.

Warum macht der Schuldenschnitt für Griechenland nur bei einer bestimmten Zustimmungsquote Sinn?

Gemäß der Verständigung mit den Banken soll der Schuldenschnitt in Form eines Umtauschs alter in neue Anleihen dann erfolgen, wenn mindestens 90 Prozent der Gläubiger zustimmen. Bei der Beteiligung des Privatsektors geht es um griechische Schulden in Höhe von 206 Milliarden Euro. Nur wenn sie um mindestens 107 Milliarden Euro sinken, hat Griechenland eine Chance, bis 2020 die Staatsverschuldung auf 120 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt zu senken. Dieser Schnitt ist auch eine Grundlage für die abschließende Zustimmung der EU für das zweite Griechenland-Hilfspaket über 130 Milliarden Euro.

Wird die Zustimmungsquote von mindestens 90 Prozent der Gläubiger nicht erreicht – und das war am gestrigen Abend noch unklar –, will Athen die Konditionen der Alt-Anleihen durch rückwirkende Klauseln so ändern, dass alle Besitzer beim Umtausch mitmachen müssen. Solche Zwangsmaßnahmen, die Collective Action Clauses (CAC), können sich jedoch nur auf Anleihen beziehen, die nach griechischem Recht vergeben wurden. Das sind 86 Prozent der Papiere (14 Prozent wurden nach britischem Recht ausgereicht). Der gesetzlich abgesicherte Zwangsschnitt kann schon dann angewandt werden, wenn die Zustimmung dieser Gläubiger zum Schuldentausch bei 66 Prozent liegt. Und diese Marke wurde gestern offenbar deutlich überschritten. Mit der Klausel könnte die Regierung vor allem die Hedgefonds, die griechische Bonds halten, zur Teilnahme zwingen. Bisher zeigen die meisten dieser Fonds keine Bereitschaft, den Tausch mitzumachen. Sie setzen darauf, für ihre Papiere bei Fälligkeit den vollen Nennwert zu bekommen oder durch Kreditausfallversicherungen entschädigt zu werden. Nach Einschätzung von Analysten wird die Regierung jedoch versuchen, den freiwilligen Charakter des Umtauschs zu wahren und die CACs nur im Notfall aktivieren. Ein Zwangsumtausch könnte nicht nur einen Rattenschwanz rechtlicher Auseinandersetzungen nach sich ziehen. Er würde vermutlich auch als Kreditereignis gewertet und die Kreditausfallversicherungen auslösen. Das könnte den Bankensektor weltweit in neue Turbulenzen stürzen. Eine Anwendung der Zwangsklauseln wäre zudem ein schlechter Präzedenzfall für die Eurozone. Das könnte die Kreditwürdigkeit anderer Euro-Schuldenstaaten belasten.

Selbst wenn der Schuldenschnitt glatt und ohne Zwangsmaßnahmen über die Bühne geht, bleiben Zweifel an seinem nachhaltigen Erfolg. Auch nach dem Schnitt bleibe Griechenlands Schuldenlast „enorm“, sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im Bloomberg TV. Athen werde deshalb auf Sicht der nächsten zwölf Monate einen weiteren Schnitt, einen „echten Schuldenerlass“ brauchen.

Wer hält wie viel der privaten Schulden Griechenlands?

Von den 206 Milliarden Euro sollen etwa 50 Prozent bei privaten Banken liegen. Der Welt-Bankenverband IIF hat signalisiert, dass 30 seiner Mitglieder, darunter auch griechische Banken, beim Schuldenschnitt mitmachen. Sie halten griechische Staatsanleihen im Wert von 81 Milliarden Euro. Dazu zählen auch Deutsche Bank und Commerzbank. Auch die deutschen Landesbanken, die auf griechischen Staatspapieren im Wert von 1,6 Milliarden Euro sitzen, machen beim Schuldenschnitt mit. Ebenso will sich die Allianz beteiligen, nicht aber die Talanx-Versicherung. Angeblich sind auch griechische Renten- und Krankenkassen beim Schuldenschnitt dabei.

Was passiert, wenn der Schuldenschnitt scheitert?

Mehr zu den möglichen Szenarien.

Dann droht eine unkontrollierte Pleite Griechenlands. Das zweite Hilfspaket käme nicht zur Auszahlung, das Land könnte am 20. März fällige Anleihen im Volumen von 14,5 Milliarden Euro nicht bedienen. Welche Wirkungen dies auf die Anleihen der anderen Euro-Krisenländer wie Portugal, Italien oder Spanien hätte, ist schwer abzuschätzen. Der Welt-Bankenverband IIF bezifferte mögliche Belastungen Mitte Februar auf eine Billion Euro. So müssten möglicherweise die anderen Krisenländer massiv gestützt werden. Außerdem gebe es Belastungen bei der Europäischen Zentralbank (EZB), die mittlerweile Anleihen der Krisenländer im Volumen von 219 Milliarden Euro gekauft hat.

Welche Gefahren gibt es für den Markt der Kreditausfallversicherungen (CDS) für Staatsanleihen der Krisenländer?

Sie werden häufig als reine Spekulationspapiere geschrieben, ohne dass der Zeichner selbst die abzusichernden Staatsanleihen hält. CDS werden fällig, wenn die Ratingagenturen einen Zahlungsausfall feststellen. Genau das soll im Fall Griechenland durch den „freiwilligen“ Schuldenschnitt verhindert werden. Der CDS-Markt ist total intransparent, weil es sich um bilaterale Geschäfte zwischen Banken oder zwischen Banken und Hedgefonds handelt. Angeblich geht es um ein Netto-Volumen von 3,2 Milliarden Euro. Die Zahl gilt aber als wenig aussagekräftig, weil nicht klar ist, welche Bank oder welcher Hedgefonds auf welchem Brutto-Volumen sitzt. Allerdings würden mögliche Risiken aus dem CDS-Markt überschätzt, sagen Banker in Frankfurt am Main.

Wie sind deutsche Banken von einem Schuldenschnitt betroffen?

Den Schuldenschnitt haben die deutschen Institute – Banken und Sparkassen – faktisch in ihren Bilanzen schon vorweggenommen. Sie haben den Wert der griechischen Anleihen schon im vergangenen Jahr massiv nach unten korrigiert und Abschreibungen in Milliardenhöhe gebildet. Das hat die Gewinne 2011 entsprechend gedrückt. Die Anleihen stehen aktuell nur noch mit einer Quote von 20 bis 30 Prozent des Nominalwertes in den Büchern.

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