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Mit ausgestrecktem linken Arm. Rechte Hooligans am Sonntag bei der Demonstration gegen Salafisten.

© dpa

Update

"Hooligans gegen Salafisten" in Köln: Polizei warnt vor "neuer Dimension der Gewalt"

Nach den Hooligan-Krawallen am Sonntag in Köln will Nordrhein-Westfalen solche Demonstrationen künftig verbieten. Nach Einschätzung von Wolfgang Bosbach (CDU) ging es den Hooligans nicht um die Salafistengefahr, sondern darum, Gewalt auszuüben.

Von Johannes Nedo

Nach den Krawallen bei der Hooligan-Demonstration am Sonntag in Köln hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) harte Konsequenzen für die Gewalttäter angekündigt. "Es handelt sich um eine Gefahr, die weit über unsere Landesgrenzen hinausgeht", erklärte Jäger am Montag in Düsseldorf. Der Innenminister unterstrich, die Strafverfolgungsbehörden ermittelten intensiv, um alle Gewalttäter eindeutig zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen. "Wir werden diese Erkenntnisse dazu nutzen, solche Demonstrationen von gewaltbereiten Hooligans künftig zu verbieten. Die rechtlichen Hürden für ein solches Verbot sind hoch, aber die Krawalle in Köln sind schockierend und eine wichtige Grundlage für ein solches Vorgehen", erklärte der NRW-Innenminister.

Die gewalttätigen Teilnehmer der Hooligan-Demonstration hatten es nach Einschätzung des CDU-Innenpolitikers Wolfgang Bosbach von vorneherein auf Krawall abgesehen. Ihnen sei es im Kern nicht darum gegangen, auf die Gefahren durch den gewaltbereiten Salafismus hinzuweisen, sondern darum, „eine wüste Schlägerei“ anzuzetteln, sagte Bosbach dem Fernsehsender n-tv. Die Vorbereitung der Polizei auf die Kundgebung müsse aufgearbeitet werden, forderte Bosbach. Die Zahl der Demonstranten sei „möglicherweise etwas unterschätzt worden“. Es müsse geklärt werden, wer Veranstalter der Demo war und ob es mit diesem im Vorfeld Kooperationsgespräche gegeben habe. Diese seien nötig, „damit derartige Veranstaltungen nicht aus dem Ruder laufen“.

Der nordrhein-westfälische CDU-Chef Armin Laschet hat das Agieren der Landesregierung und der Behörden kritisiert. „Mein Eindruck ist, man hat die Lage nicht präzise eingeschätzt“, sagte der CDU-Bundesvize am Montag vor einer CDU-Präsidiumssitzung in Berlin. „Es war erkennbar, dass Rechtsradikale in großer Zahl nach Köln kommen würden.“ Daher hätte man die Kundgebung aus seiner Sicht über das Versammlungsrecht „schon im Ansatz untersagen müssen“. Auch gegen eine Versammlung an zentraler Stelle am Hauptbahnhof hätte es Möglichkeiten gegeben, so Laschet. Dies solle im Landtag zur Sprache gebracht werden. „Man muss wahrnehmen, das es das Zusammenwachsen von Hooligans und rechtsradikalen Gruppen gibt“, sagte Laschet. Bei der Demonstration sei es nicht um Salafisten gegangen, sondern um ausländerfeindliche Parolen. „Man muss gegen solche Umtriebe mit allen Mitteln des Ordnungsrechtes vorgehen.“

Verfassungsschutz: Ausschreitungen nicht von Rechten gesteuert

Treibende Kraft der Ausschreitungen in Köln am Sonntag waren nach Einschätzung von Verfassungsschützern gewaltbereite Fußball-Hooligans. Rechtsextremisten hätten sich der Bewegung angeschlossen, sie aber nicht gesteuert, sagte der Chef des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Burkhard Freier, am Montag im WDR. Die Behörden seien davon im übrigen auch nicht überrascht worden.

Polizei und Verfassungsschutz hätten vorab Erkenntnisse gehabt, „dass hier eine Gruppe demonstriert, die aus unterschiedlichen Strömungen besteht: nämlich gewaltbereite Hooligans, dann Hooligans mit Überschneidungen zur rechten Szene“, berichtete Freier. Hinzugekommen seien gewaltbereite Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet: „Parteien, NPD und die Partei Die Rechte, aber auch Skinheads und die Musikszene.“ Gemeinsam sei ihnen allen die Gewaltbereitschaft und eine „aggressive Grundhaltung gegen den extremistischen Salafismus“. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte nach den Kölner Krawallen vor einer "neuen Dimension der Gewalt auf unseren Straßen". "Innerhalb kürzester Zeit konnte ein gewalttätiger Mob von über 4500 Hooligans mobilisiert werden", erklärte der Vorsitzende der GdP in NRW, Arnold Plickert.

Es kamen deutlich mehr Hooligans und Neonazis zusammen als erwartet und sie kamen offenkundig nicht in friedlicher Absicht. 44 Polizisten wurden am Sonntag bei den Ausschreitungen verletzt, wie die Polizei am Montag mitteilte. Über die Zahl der Versammelten machte die Polizei noch keine Angaben. 20 Hooligans wurden festgenommen. Erste Schätzungen sprachen von 2500 Hooligans aus Fangruppen verschiedener Fußballvereine, vorgeblich, um gegen Salafisten zu demonstrieren.

Nur 500 Gegner haben demonstriert

Zugleich kamen rund 500 Teilnehmer zu einer Gegendemo, unter ihnen die Kölschband Brings. Immer wieder wurden aus den Reihen der Hooligans „Ausländer-raus“-Rufe angestimmt. Nahe des Hauptbahnhofs wurden nach Angaben der Polizei Böller gezündet. Aktivitäten der Gruppe „Hooligans gegen Salafisten“, bei der viele Rechtsextreme mitmischen, werden von den Sicherheitsbehörden aufmerksam beobachtet. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hatte sich vor der Demo besorgt gezeigt.

Viele der angereisten Demonstranten machten aus ihrer neonazistischen Gesinnung kein Geheimnis. Mit der Parole „Frei-Sozial und National“ marschierten sie aus dem Hauptbahnhof, auch weitere Neonazi-Parolen waren zu hören, und immer wieder wurde der Hitlergruß gezeigt.

Die Polizei, mit rund 1000 Einsatzkräften vor Ort, setzte nach massiven Ausschreitungen mehrere Wasserwerfer ein. Vorher wurden Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper auf die Beamten geschleudert. Ein Polizeisprecher sagte der Nachrichtenagentur dpa während der Ausschreitungen: „Wir haben jetzt im Moment Pfefferspray, Schlagstöcke und Wasserwerfer im Einsatz und versuchen, die Lage etwas unter Kontrolle zu kriegen.“ Der Kölner Hauptbahnhof wurde von einer Hundertschaft Polizisten abgeriegelt.

Die Polizei war zu Beginn nur schwach vertreten

Die Polizei geht in Köln gegen Störer bei der Demonstration von Hooligans gegen Salafisten vor.
Die Polizei geht in Köln gegen Störer bei der Demonstration von Hooligans gegen Salafisten vor.

© dpa

Die Polizei war am Breslauer Platz zunächst nur mit schwachen Kräften präsent, Journalisten und Passanten wurden immer wieder von den Hooligans angegangen. Bei der Auftaktkundgebung der Hooligans spielte die Rechtsrock Band Kategorie C und hetzte die Menge gegen Salafisten, Polizisten und Gegendemonstranten auf. Um 15 Uhr setzte sich die Demonstration in Bewegung, schon nach wenigen hundert Metern eskalierte die Lage. Immer wieder scherten Gruppen von Hooligans aus der Demonstration aus, und griffen am Rand stehende Einsatzkräfte an.  Böller, Steine und Flaschen flogen immer wieder. Die Polizei zog nach und nach immer mehr Einsatzkräfte zusammen, am Ebertplatz wurden erstmals Wasserwerfer gegen die Hooligans eingesetzt.

Eigentlich hätte der Aufmarsch der Hooligans an dieser Stelle aufgelöst werden müssen, die Polizei hielt allerdings die Wegstrecke frei, immer wieder scherten gewalttätige Demonstranten aus, attackierten die Polizei und verteilten sich in Kleingruppen rund um die Demonstration.

Am frühen Abend erreichte die offiziell aufgelöste Demonstration wieder den Hauptbahnhof. Die Polizei musste die Eingänge immer wieder sperren, um nicht zu viele Gewalttäter in das Gebäude zu lassen. Von Außen attackierten die Hooligans daraufhin die Einsatzkräfte, ein Mannschaftswagen der Polizei wurde umgeworfen. Nun griff die Polizei konsequent gegen die neonazistischen Hooligans ein. Drei Wasserwerfer wurden eingesetzt, und der Hooligan Mob eingekesselt. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte durften die Hooligans in kleinen Gruppen den Platz verlassen. 

Mittlerweile haben sie sogar ihre eigene Hymne. „Hooligans gegen Salafisten, sonst wird Deutschland ein Massengrab“, krakeelt die rechtsextreme Rockband Kategorie C. Die Drohkulisse ist eindeutig: So wie ihre musikalischen Unterstützer malt auch die Vereinigung „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) ein düsteres Bild von Deutschland. Bedroht sei ihre Heimat von islamistischen Extremisten und Terroristen. Nun, so glauben die Hooligans, müssen sie selbst vorangehen. Sie überwinden dafür sogar Grenzen, die für sie bisher einem Tabubruch gleichkamen.

Aufmarsch in Köln. Hooligans demonstrierten gegen Salafisten, immer wieder wurden "Ausländer-raus"-Rufe laut.
Aufmarsch in Köln. Hooligans demonstrierten gegen Salafisten, immer wieder wurden "Ausländer-raus"-Rufe laut.

© Reuters

Mit ihrem Prostest gegen die Islamisten brechen die Hooligans ein Tabu

Eigentlich definieren sich die gewaltbereiten Fußballfans über ihren Verein – alle anderen sind Feinde, mit denen man sich prügeln muss. Seit längerem zwar nicht mehr im Stadion, sondern auf abgelegenen Wiesen. Aber die Abgrenzung zu anderen Fangruppen gehörte für die Hooligans bislang stets essentiell dazu.

Damit ist für viele nun Schluss. Sie haben einen gemeinsamen Feind gefunden: den radikalen Islam. Um dagegen vorzugehen, hat sich die Gruppe dem Zusammenschluss aller Hooligans verschrieben. Ihr Leitspruch lautet: „Unsere Fahne, unser Land, maximaler Widerstand.“ Den HoGeSa-Aktivisten gelang es, gewaltbereite und bislang verfeindete Fans aus ganz Deutschland zusammenzubringen: unter anderem aus Köln, Dortmund, Frankfurt, Dresden, Mannheim und Stuttgart. Bei kleineren Demonstrationen und Treffen in den vergangenen Monaten zogen die Hooligans durch einige Städte – und fielen dabei mit kruden Forderungen auf. So skandierten etwa 350 Hooligans bei einer Kundgebung im September in Dortmund: „Wir woll’n keine Salafisten-Schweine.“

Für die Demonstration in Köln sind bei der Polizei bis 1500 Teilnehmer angemeldet

Der vorläufige Höhepunkt ihres Protests soll an diesem Sonntag stattfinden. Die Initiative hat zu einer Demonstration in Köln eingeladen. 1000 bis 1500 Teilnehmer wurden offiziell bei der Polizei angemeldet, doch weil sich über Facebook etwa 6000 Menschen angekündigt haben und auch zwei Gegendemos geplant sind, verlegte die Polizei die Kundgebung vom Domplatz bereits auf die andere Seite des Hauptbahnhofs.

HoGeSa erhält seit einigen Wochen großen Zulauf. Auf deren Facebook-Seite hatten mehr als 40 000 Menschen per Mausklick ihre Unterstützung signalisiert, bis sie von dem sozialen Netzwerk gelöscht wurde. Zudem prahlen Vertreter der Gruppe damit, dass am Sonntag nicht nur Hooligans aus Deutschland, sondern aus ganz Europa dabei sein werden.

Ständige Begleiter. Wenn sich am Sonntag am Kölner Bahnhof Hooligans aus Deutschland und Europa versammeln, wird auch das Polizeiaufgebot groß sein. Foto: Imago

© imago/Zink

Sehr wichtig ist es ihnen, immer wieder offiziell zu betonen, dass sie sich von rechtem Gedankengut distanzieren. Doch die Verbindungen zum Rechtsextremismus treten nicht nur durch die hetzende Band Kategorie C offen zu Tage. Angemeldet hat die Demonstration in Köln ein Vertreter der rechtspopulistischen Bewegung „Pro NRW“. Außerdem zeigten sich auf den bisherigen öffentlichen Treffen in Dortmund, Frankfurt, Mannheim und Essen Aktive der NPD und der Partei „Die Rechte“.

Die Sicherheitsbehörden können die Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" nur schwer einschätzen

Wie stark HoGeSa wirklich ist, können die Polizei und der Verfassungsschutz derzeit schwer einschätzen. Das Bundesinnenministerium teilte auf Anfrage mit, die Sicherheitsbehörden würden die Hooligans besonders aus zwei Gründen verstärkt beobachten: Weil sie ein großes Gewaltpotenzial haben und zudem schnell mobilisierbar seien. Auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen, wo HoGeSa am aktivsten ist, kann die Gruppe noch nicht hundertprozentig beurteilen. „Sie sind eine unberechenbare Größe“, sagt Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Deutlich wird: Die Hooligans verharmlosen die eigene Szene und lenken von ihrer rechten Gesinnung ab.“

Das Ziel dieser seltsamen Vereinigung ist offensichtlich. HoGeSa will von der Angst vor islamistischen Extremisten profitieren. Aktuelle Nachrichten spielen ihnen dabei in die Karten: So meldete der Bundesverfassungsschutz am Samstag, die Islamistenszene in Deutschland wachse rasant. Inzwischen zählten 6300 Menschen zu den radikalislamischen Salafisten. Bis zum Jahresende könnten es 7000 sein. HoGeSa will diese Entwicklung offenbar vor allem dazu ausnutzen, um neue Hooligan-Sympathisanten zu gewinnen, befürchten Fanvertreter.

Experten erwarten, dass die Gruppe weiter wächst

„Die Gruppe wird wachsen,“ sagt Volker Goll, stellvertretender Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte. Erstaunt ist er besonders über das offen politische Bekenntnis der Hooligans. „Sonst betonen sie andauernd, wie unpolitisch sie sind“, merkt Goll an. „Diese klare Instrumentalisierung ist neu und in der Fußballszene ungewöhnlich. Denn nicht alle Hooligans sind rechts.“

Doch unter den Fußballfans in Köln war HoGeSa schon erfolgreich. Eigentlich wollte der Dachverband Kölner Fanclubs eine Aktion gegen die Demo veranstalten. Die wurde aber wieder abgeblasen. Einige Fanclubs erklärten, sie könnten sich durchaus mit den HoGeSa-Zielen identifizieren. (mit AFP, Reuters)

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