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Provokation gegen russischen Journalisten : Beispiellose Solidarität mit Iwan Golunow

Die Moskauer Polizei nimmt einen Investigativ-Reporter fest. Selbst kremlhörige Medien setzen sich für ihn ein. Jetzt wurde das Verfahren eingestellt.

Der Investigativ-Journalist Iwan Golunow soll noch heute aus dem Hausarrest freikommen.
Der Investigativ-Journalist Iwan Golunow soll noch heute aus dem Hausarrest freikommen.Foto: Evgeny Feldman/meduza.io/dpa

Der Fall des russischen Journalisten Iwan Golunow kam für den Kreml ungelegen. Ausgerechnet während einer von Wladimir Putins Prestigeveranstaltungen, des Weltwirtschaftsforums in St. Petersburg, wurde der Moskauer Investigativreporter des Magazins „Meduza“ verhaftet. Und ausgerechnet an diesem Mittwoch, einem der höchsten Feiertage Russlands, war deshalb eine Massendemonstration gegen die russische Polizei angekündigt. Am Dienstag ist das Verfahren gegen Golunow überraschend eingestellt worden.

Er war am vergangen Donnerstag wegen eines Drogendelikts verhaftet und danach wohl unter Gewaltanwendung verhört worden. Dem Reporter drohten bis zu 20 Jahre Haft. Die Anschuldigungen und die Themen, mit denen er sich befasste, ließen bei Kollegen in Moskau sofort die Alarmglocken schrillen. Die Drogen könnten Golunow untergeschoben worden sein. Vergleichbare Provokationen der Sicherheitskräfte, um investigative Reporter mundtot zu machen, sind gut bekannt. Sie enden gewöhnlich ohne Aufsehen mit Strafen für die Betroffenen. Doch diesmal lief es anders. Die Welle der Solidarität mit Golunow war beispiellos.

Seit drei Jahren arbeitet der Journalist bei „Meduza“, einem russischen Medienunternehmen, das seine Zentrale aus Sicherheitsgründen nach Lettland verlegt hat. Er recherchierte über die korrupten Netzwerke von Moskauer Behörden und Unternehmern unter anderem in der Müllbranche. Diese Kreise könnten die Festnahme „bestellt“ haben, heißt es.

Seit Tagen wird in Moskau gemutmaßt, bei der „Aktion Golunow“ könne es sich um eine Art Selbstjustiz von Chargen aus der zweiten Reihe gehandelt haben – ohne Absprache mit dem Kreml. Indiz war schon die Tatsache, dass selbst Putin-hörige Medien wie der TV-Sender NTW sich solidarisierten. Noch mehr spricht jetzt die Einstellung des Verfahrens für einen von „oben“ nicht sanktionierten Willkürakt.

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