Psychische Gesundheit und Corona : Therapie für eine verunsicherte Republik

Verunsicherung und Überforderung gefährden die psychische Balance der Bevölkerung. Wir müssen über Grenzen und Stigmata hinweg denken. Ein Kommentar.

Überforderung und Verunsicherung durch die Corona-Pandemie müssen ernster genommen werden.
Überforderung und Verunsicherung durch die Corona-Pandemie müssen ernster genommen werden.Foto: dpa

Und immer noch ist die Welt im Coronafieber. Ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen, mancherorts kommt sie jetzt erst an. Da darf es niemanden verwundern, dass Verunsicherung um sich greift, wirtschaftlich, politisch, psychologisch.

Ja, psychologisch. Zumal das eine Dimension von Gesundheit ist, die die Lage der Nation wesentlich beeinflusst. Auch Ökonomie hat Seele. Und ist nicht Wirtschaft zur Hälfte Psychologie, wie Ludwig Erhard sagte?

Bei allen, die die Politik vor ihren Entscheidungen zu Rate zieht, Virologen, Epidemiologen, Ökonomen, Informatiker – Psychologen, Psychiater, Pflegepersonal und Sozialarbeiter werden nicht befragt. Dabei werfen Prognosen ihre Schatten voraus.

Angst essen Hoffnung auf. Die Rezession kommt daher als Depression, wenn das so weitergeht. Wann es einen Impfstoff geben wird, ist unklar. Wie Gesellschaft gegen die psychische Herausforderung durch das Virus zu immunisieren wäre, ist es auch. Verunsicherung verunsichert, Angst ängstigt.

Verunsicherung und Überforderung kommen zusammen

Sagt der Psychologe Louis Lewitan. Denn gemessen an der Definition der Weltgesundheitsorganisation von psychischer Gesundheit sind viele gegenwärtig nicht imstande, „ihre Fähigkeiten auszuschöpfen, die normalen Lebensbelastungen zu bewältigen, produktiv und fruchtbar zu arbeiten und etwas zu ihrer Gemeinschaft beizutragen“. Verunsicherung und Überforderung verschwistern sich.

Auch das ist eine Expertenprognose: Das Gesundheitssystem wird mit Abertausenden von psychisch Gefährdeten und Erkrankten zu tun bekommen. Die Folgekosten können in jeder Hinsicht enorm werden. Schon heute ist für viele, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben, jeder Tag eine Krise, jeder Morgen eine Belastung, jede Nacht eine Plage.

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Die Statistik vor Corona: Laut WHO leiden in Europa rund 25 Prozent der Bevölkerung im Laufe eines Jahres an Ängsten oder Depressionen, in Deutschland sind es jährlich circa 28 Prozent. Das sind Millionen. Und nicht einmal 20 Prozent gehen zum Experten. Schon heute. Gesund ist, wer nicht infiziert ist?

Der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens – das ist Gesundheit. Wo aber alles gemessen wird, haben es Gefühle schwer. Frust und Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Existenzangst: Was davon ist objektivierbar, ist quantifizierbar?

Nicht zur Tagesordnung übergehen

Die Frage stellt sich, nur anders. Und zwar so: Infizierte, Genesende, Tote sind eine Kategorie der Coronakrise. Eine weitere ist die, die aus der Ohnmacht der Eltern, der Langeweile der Kinder, der Trauer der Pflegebedürftigen, dem Schmerz der Hinterbliebenen, der Überforderung der Pfleger, der Einsamkeit der Singles erwächst.

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„Sobald die Politik die Grundrechte wiederherstellt und die Wirtschaft in Schwung kommt, darf der Souverän zur Tagesordnung übergehen, in der Arbeit aufgehen und so tun, als ob das Ganze nur ein böser Traum war“, schreibt Lewitan.

Nur wird das nicht gelingen. Nicht so. Ohne Gefühle, Empfindungen und Moral ist der Mensch kein Mensch. Quarantäne ist kein seelisches Konzept.

Doch da ist eine Chance. Angesichts einer Krise, die epochal zu werden droht, muss über Grenzen und Stigmata hinweg gedacht werden. Interdisziplinär, in einem Team.

Als Therapie gegen eine verunsicherte Republik. Denn gerät die Bevölkerung aus der psychischen Balance, ist nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Demokratie gefährdet.

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