Psychotherapie : Psychisch Kranke müssen monatelang auf Behandlung warten

Im Schnitt knapp 20 Wochen dauert es hierzulande, bis psychisch Kranke an eine Behandlung kommen. Experten bezeichnen eine solche Wartezeit als unzumutbar.

Warten auf den Therapeuten. In Deutschland müssen sich psychisch Kranke im Schnitt fünf Monate bis zu einer Behandlung gedulden.
Warten auf den Therapeuten. In Deutschland müssen sich psychisch Kranke im Schnitt fünf Monate bis zu einer Behandlung gedulden.Foto: Peter Steffen/dpa

Bis zu einer Behandlung bei einem Kassentherapeuten müssen sich psychisch Erkrankte hierzulande im Schnitt 20 Wochen gedulden. Das geht aus einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer hervor, die an diesem Mittwoch veröffentlicht werden soll. Die Grünen bezeichneten derart lange Wartezeiten für Patienten als „ein Unding“. Um glaubwürdig zu sein, müsse der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei der psychotherapeutischen Versorgung schleunigst aktiv werden, sagte ihre Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink.

In der Not zu Privattherapeuten

Die Wartezeit von der ersten Anfrage bis zum Beginn der eigentlichen Behandlung sei in den vergangenen sieben Jahren nur leicht zurückgegangen, berichtete der NDR vorab. Sie sei im Schnitt von 23,4 Wochen (Stand 2011) auf 19,9 Wochen gesunken. Um schneller an Hilfe zu kommen, konsultierten viele Patienten deshalb erst mal Privattherapeuten – und versuchten dann, die Kosten dafür von den Krankenkassen erstattet zu bekommen. Das ist aber nicht so einfach, wie eine ebenfalls noch unveröffentlichte Umfrage mehrerer Landespsychotherapeutenkammern belegt. Demnach wird inzwischen jeder zweite dieser Anträge auf Kostenerstattung abgelehnt. Im Jahr 2016 war es nur jeder Fünfte.

20 Wochen Wartezeit seien „unzumutbar“, sagte Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Als Ursache dafür sieht er eine veraltete Bedarfsplanung, die zuletzt 1999 aktualisiert worden sei. Um eine ausreichende Versorgung der Patienten zu gewährleisten, fehlten bundesweit 7000 Kassensitze. Der Gesetzgeber hat zwar einen überarbeiteten Bedarfsplan bis Anfang 2017 gefordert, doch der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss kam bislang nicht zu Potte. Man warte noch auf ein Gutachten, heißt es dort. Die neue Bedarfsplanung könne erst 2019 in Kraft treten.

Stattdessen trat zum April 2017 eine Strukturreform in Kraft, die Patienten den Zugang zur Behandlung erleichtern soll. Tatsächlich kommen Menschen in psychischen Krisen nun – auch durch Vermittlung über Terminservicestellen - schneller an ein Erstgespräch bei einem Therapeuten als früher. Bis allerdings eine ambulante Regeltherapie beginnt, vergehen nach wie vor Monate. Und aus der Sicht der Behandler ist die Neuregelung auch kontraproduktiv: Die Verpflichtung zu zeitnahen Erstgesprächen blockiere Termine, die sonst für Behandlung genutzt werden könnten.

Besonders hoch ist der Bedarf im Ruhrgebiet

Es könne nicht sein, dass man Menschen mit psychischen Erkrankungen monatelang auf einen Termin warten lasse oder dass sie die Kosten für die Behandlungen selber vorstrecken müssten, sagte Klein-Schmeink. Die Antwort auf eine Kleine Anfrage ihrer Fraktion habe deutlich gemacht, „dass die Bundesregierung keinerlei Initiative und Interesse zeigt, die akuten psychotherapeutischen Versorgungslücken zu schließen“.

Bei der Umsetzung einer bedarfsgerechten Planung würden „Fristen um Jahre überzogen“. Besonders dringend sei der Behandlungsbedarf im Ruhrgebiet, so die Grünen-Politikerin. Statt 547 empfohlenen neue psychotherapeutischen Sitzen seien vom Gemeinsamen Bundesausschuss dort gerade mal 85 zugelassen worden. „Damit werden im Ruhrgebiet 30 Prozent weniger Menschen psychotherapeutisch behandelt als in vergleichbaren Regionen.

Dass Krankenkassen die Erstattung von Privatbehandlungen häufiger ablehnen als früher, begründen sie der Befragung zufolge oft damit, dass dank der Vermittlung über Terminservicestellen nun doch alle Patienten bei Kassentherapeuten versorgt würden. In Ablehnungsschreiben werde fälschlicherweise sogar behauptet, eine Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt, berichtete der NDR. Die Kassen bestritten, Erstattungsanträge pauschal abzulehnen.

In Berlin geht es am schnellsten

Bei den Wartezeiten gibt es übrigens starke regionale Unterschiede. Am längsten warten Patienten in Thüringen und im Saarland, bis zur Behandlung vergehen bei ihnen im Schnitt fast 24 Wochen. Auch in Niedersachsen, Bremen, Schleswig- Holstein und Mecklenburg-Vorpommern dauert es überdurchschnittlich lange . Am schnellsten kommen psychisch Kranke in Berlin (13 Wochen), Hessen (17 Wochen) und Hamburg (18 Wochen) in eine psychotherapeutische Behandlung.

Psychische Erkrankungen verursachten im Jahr 2015 Kosten von knapp 45 Milliarden Euro. Bei den Ursachen für betriebliche Fehlzeiten stehen sie an zweiter Stelle. Für den Bezug von Erwerbsminderungsrenten sind sie die Hauptursache.

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