• Recherchen von ARD „Kontraste“ zu Fallpauschalen: Schwerkranke Kinder könnten wegen Personalmangels sterben

Recherchen von ARD „Kontraste“ zu Fallpauschalen : Schwerkranke Kinder könnten wegen Personalmangels sterben

In Deutschland werden Kinder mit schweren Krankheiten unzureichend betreut oder gar abgewiesen. Laut einem Medienbericht ist der Sparzwang der Grund.

Mitarbeiter des Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln (Symbolbild).
Mitarbeiter des Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln (Symbolbild).Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Schwerkranke und chronische kranke Kinder, die auf ein Bett in einer deutschen Kinderklinik warten, können häufiger dort nicht aufgenommen werden. Es fehlten zwar keine Plätze, allerdings gäbe es zu wenig Personal. Grund dafür soll der Sparzwang vieler Kliniken durch die Fallpauschalen sein, wie das ARD-Magazin „Kontraste“ aktuell berichtet.

Experten warnen davor, dass der jetzige Kurs in Sachen Fallpauschalen nicht nur zu einer Mangelversorgung schwerkranker Kinder führte – sondern dass sie auch sterben können, weil ihnen nicht rechtzeitig geholfen wird. „Ich fürchte, an immer mehr Kinderkliniken kommt es zu folgender Situation: Es kommen Anfragen von anderen Krankenhäusern: Wir haben hier ein Kind, es braucht eure Spezialisierung an Intensivstation. Und wir müssen sagen: Ruft morgen nochmal an. Und am nächsten Tag rufen wir dann an und dann heißt es: Das Kind hat leider die Nacht nicht geschafft“, sagte Alex Rosen, Vorstand von „Ärzte in sozialer Verantwortung“, der selbst Leiter einer großen Kindernotaufnahme ist.

Fallpauschalen legen fest, wie viel eine Behandlung kostet – unabhängig davon, was die tatsächliche Leistung kostet. Die Beiträge werden für die einzelnen medizinischen Leistungen werden gemeinsam vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV), dem Verband der privaten Krankenversicherung und der Deutschen Krankenhausgesellschaft in einem Fallpauschalen-Katalog festgelegt.

Reformierung der Fallpauschalen notwendig

SPD-Politiker Karl Lauterbach hatte das Fallpauschalensystem unter Rot-Grün mit eingeführt. Er sagte gegenüber „Kontraste“: „Die Situation spitzt sich zu. Wir müssen handeln und auch bereit sein, das Fallpauschalensystem in diesem Sektor aufzugeben.“ Gesundheitsminister Jens Spahn möchte eher das System selbst reformieren: „Das ist ein möglicher Weg. Ich schaue aber auch, ob es im Fallpauschalensystem entsprechende Wege gibt.“ Der Aufwand für schwerkranke Kinder sei höher – Spahn räumte ein, dass dies auch abgebildet werden müsse.

Eine aktuelle Studie der Universität Köln, aus der „Kontraste“ zitiert, belegt zudem, dass das Fallpauschalensystem und der Wettbewerbsdruck falsche Anreize setzen. In den Fokus rückten Bereiche, die lukrativ für die Kliniken seien, wie beispielsweise die Betreuung von Frühgeborenen unter 1500 Gramm Gewicht. Die Studie belegt hingegen bei chronisch kranken Kindern eine „eklatante Unterversorgung“. Bisweilen müssen die Kinder bis zu 100 oder 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt betreut werden.

Weniger Pflegekräfte, steigende Patientenzahlen

Ebenso sanken die Zahl der Kinderschwestern und -pfleger seit Einführung der Fallpauschale im Jahr 2004 von etwa 40.200 auf rund 37.500 im Jahr 2017. Die Zahl der Fälle von schwerkranken und chronisch kranken Kindern habe aber im selben Zeitraum zugenommen. Viele Pflegekräfte, so die Studie aus Köln, verließen den Pflegesektor auch deswegen, weil sie mit hoher ideeller Motivation anträten, doch diese Ansprüche sich nicht umsetzen ließen. Sie geben dann den Beruf auf, was den Mangel an qualifizierten Kräften noch verstärkt. (Tsp)

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