Rekordarbeitslosenzahlen in den USA : Die Gesundheitskrise wird zur sozialen Krise

Die Coronavirus-Epidemie schlägt voll auf den US-Arbeitsmarkt durch. In der vergangenen Woche haben sich landesweit 6,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet.

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Die USA sind derzeit das Epizentrum der Coronavirus-Epidemie. Besonders schwer betroffen ist New York.
Die USA sind derzeit das Epizentrum der Coronavirus-Epidemie. Besonders schwer betroffen ist New York.Foto: Brendan Mcdermid/REUTERS

Diese Zahlen übertreffen selbst die allerschlimmsten Befürchtungen: 6,65 Millionen Amerikaner haben sich in der vergangenen Woche arbeitslos gemeldet – das sind doppelt so viele als noch in der Vorwoche. Und da waren es bereits mehr als jemals zuvor. Damit haben in den vergangenen zwei Wochen aufgrund der Coronavirus-Krise fast zehn Millionen Menschen in den USA einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt.

Experten zufolge könnten die Zahlen sogar noch höher liegen, da besonders von der Epidemie betroffene Staaten wie New York große Probleme haben, ihre Daten korrekt zu erfassen. Der Druck auf die Regierung von US-Präsident Donald Trump, noch mehr Geld zur Verfügung zu stellen, wächst enorm. "Das ist eine Atombombe, die auf die US-Wirtschaft geworfen wird", kommentierte CNN.

Die neuen Zahlen des US-Arbeitsministeriums zeigen, wie verheerend sich die Ausgangsbeschränkungen auswirken, der bereits fast 90 Prozent der 330 Millionen Amerikaner unterliegen. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, Restaurants dürfen Essen nur noch außer Haus verkaufen, Hotels und Vergnügungsparks bleiben leer und Reisen finden kaum noch statt.

Viele Unternehmen wie die Hotel-Kette Marriott oder der Kaufhauskonzern Macy's haben Zigtausende Mitarbeiter entweder freigestellt oder gleich entlassen. Da es in den USA Instrumente wie das deutsche Kurzarbeitergeld nicht gibt, müssen entlassene Angestellte oder die, deren Unternehmen geschlossen wurden, sofort Arbeitslosenhilfe beantragen.

Ende Februar 2020, also vor Ausbruch der Coronavirus-Krise, galten offiziell 5,8 Millionen Amerikaner als arbeitslos, das waren 3,5 Prozent. Diese Zahl dürfte nun auf knapp 16 Millionen (rund zehn Prozent) ansteigen. Und das ist erst der Anfang. Experten wie die der Notenbank von St. Louis befürchten, dass die Arbeitslosigkeit auf mehr als 30 Prozent steigen könnte.

Am Freitag gibt es den nächsten Arbeitsmarktbericht. Hier sind aber nur die Entwicklung bis Mitte März enthalten, die Zahlen werden also wenig aussagekräftig sein. Während der Finanzkrise, also im Oktober 2009, waren 15,4 Millionen Menschen in den USA arbeitslos, das war der bisherige Höchststand.

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Immerhin: Durch ein Konjunkturpaket, mit dem der US-Kongress die Wirtschaft der größten Volkswirtschaft der Welt mit rund zwei Billionen Dollar stützen will, wurde die bislang sehr begrenzte Arbeitslosenhilfe vergangene Woche ausgeweitet.

Nun soll es Arbeitgebern auch möglich sein, Angestellte für bis zu vier Monate zu beurlauben, anstatt sie zu entlassen. In dieser Zeit würde der Staat für das Gehalt aufkommen. Allerdings wirkte sich diese Neuregelung auf die jüngsten Arbeitslosen-Erstanträge bis vergangenen Freitag wohl noch nicht groß aus.

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Besonders dramatisch ist in dieser Krise zudem, dass viele Arbeitslose auch den Zugang zum Gesundheitswesen verlieren werden: Denn in den USA hängt die Krankenversicherung häufig vom Arbeitgeber ab. Die oppositionellen Demokraten machen daher Druck auf Trump, Unversicherten die Möglichkeit zu geben, sich in der Krise eine bezahlbare Versicherung zuzulegen. Noch lehnt der Präsident das aber ab.

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden forderte Trump am Donnerstag auf, hier seine Haltung zu ändern und "Obamacare" wieder zu öffnen - selbst republikanische Gouverneure verlangten das von ihm, erklärte der ehemalige Vizepräsident von Barack Obama. Angesichts von Millionen unversicherten Amerikanern hatte der frühere Präsident das nach ihm benannte Reformgesetz 2010 gegen den Widerstand der Republikaner durchgesetzt.

Trump will das Gesetz wieder abschaffen, und zwischen 2018 und 2019 stieg die Zahl der nicht-krankenversicherten US-Bürger trotz guter Wirtschaftsdaten zum ersten Mal seit Jahren wieder. Schon vor der Coronavirus-Krise hatten daher fast 28 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung. Das wird jetzt zu einem großen Problem.

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Derweil verschärft sich die Coronavirus-Krise immer mehr. Am Donnerstagmorgen (Ortszeit) gab es es in den USA Forschern der Johns Hopkins University zufolge rund 220.000 bestätigte Infektionen. Mehr als 5000 Menschen sind infolge der vom Virus ausgelösten Erkrankung Covid-19 bereits gestorben.

Bis zu 240.000 Corona-Tote möglich

Die Regierung hatte am Dienstag erklärt, dass man davon ausgehe, dass durch das Virus 100.000 bis 240.000 Menschen sterben könnten, selbst wenn die Ausgangsbeschränkungen bis Ende Mai aufrechterhalten würden. Die Amerikaner müssten sich auf zwei sehr "schmerzhafte" Wochen einstellen.

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Bereits angekündigt hat die Regierung, bei Bedarf ihre Wirtschaftshilfen weiter hochzufahren. Präsident Trump habe klar gesagt, dass er alles Erforderliche tun werde, um Arbeitsplätze und Unternehmen in den USA zu schützen, sagte Finanzminister Steven Mnuchin am Mittwoch. "Wenn wir weitere Programme und mehr Geld benötigen, werden wir wieder zurück in den Kongress gehen." Das ist mit diesen Zahlen wahrscheinlicher geworden.

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