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Tag 100 im Ukraine-Krieg: Russland ist weit davon entfernt, den gesamten Donbass zu erobern

Wie Experten auf den russischen Vormarsch blicken, Bericht über Krebs-OP bei Putin und weitere wichtige Entwicklungen des Tages. Der Überblick am Abend.

Tag 100 der russischen Invasion. Wie unsere Karte oben zeigt, ist Russland immer noch weit davon entfernt, den ganzen Donbass einzunehmen. Allein für die kleinen Reste der Region Luhansk, die noch unter ukrainischer Kontrolle stehen, könnten die russischen Truppen weitere zwei Wochen brauchen. Das meldete heute der britische Geheimdienst. Moskau habe derzeit einige "taktische" Erfolge zu verbuchen, heißt es aus London. Die Verluste, die damit einhergehen, seien allerdings immens. 

Im Interview mit meinem Kollegen Georg Ismar erklärte der Münchner Militärexperte Carlo Masala zu den aktuellen Geländegewinnen: "Ich würde das, was die Russen momentan erzielen, nicht überbewerten – mit Blick auf das größere Bild und die Länge des Krieges, weil man sieht, sie haben erhebliche Probleme, sie haben auch große Verluste, genauso wie die Ukrainer. Und sie haben erhebliche Probleme, größere Städte einzunehmen." Und genau das müssten sie mit Kramatorsk und Slowjansk, wenn sie den ganzen Donbass erobern wollen.

Zwei Entwicklungen, die wir an den Pfingsttagen im Blick behalten: Aktuell gibt es erste Meldungen, wonach die ukrainischen Truppen in der heftig umkämpften Stadt Sjewjerodonezk ihre Präsenz verstärkt und die russische Armee teilweise zurückgedrängt haben. Ukrainische Medien berichten zudem am Abend, dass Putin seinen Befehlshaber für die Ukraine, Alexander Dwornikow, gefeuert hat. Das käme angesichts der jüngsten Erfolge - seien sie auch klein - überraschend.

Hier noch eine Lese-Empfehlung aus dem Guardian: Die britische Zeitung beschäftigt sich in einem ausführlichen Artikel mit der Frage, ob die Ukraine sich nicht besser auf die Invasion hätte vorbereiten können (als Russland angriff, war zum Beispiel Selenskyj zuhause bei seiner Familie, viele ranghohe Regierungsmitglieder schliefen). Das zumindest glauben einige  ukrainische Offizielle, mit denen der Reporter gesprochen hat. Die Regierung in Kiew hätte demnach die signifikanten Geländegewinne in den ersten Tagen des Krieges im Osten und Süden des Landes vielleicht teilweise verhindern können. Hier geht es zum Text.

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Die wichtigsten News des Tages:

  • Russlands Präsident Wladimir Putin weist eine Verantwortung seines Landes für Ausbleiben der ukrainischen Getreide-Exporte zurück. Berichte über ein russisches Exportverbot seien ein Bluff, sagt Putin im Fernsehen. Die westlichen Staaten versuchten ihre eigenen politischen Fehler zu überdecken, indem sie Russland für die Probleme auf dem Weltmarkt verantwortlich machten. Der einfachste Weg, das Problem zu lösen, sei die Ausfuhr über Belarus. „Aber dafür muss man die Sanktionen gegen Belarus aufheben.“ Mehr in unserem Newsblog hier. 
  • US-Geheimdienste sprechen von schwerer Erkrankung Putins: Erneut gibt es Berichte, wonach der 69-Jährige schwer krank sei. US-Geheimdienstmitarbeiter gehen von Krebs aus – und von einem vereitelten Attentat. Mehr hier. 
  • Deutschland müsse Macrons Angebot unterstützen, die nuklearen Kapazitäten Europas zu stärken, sagt Merz. So könne man europäische Interessen schützen. Die Hintergründe zur Debatte um die nukleare Aufrüstung Europas lesen Sie hier. 
  • Russland hat es mit seinem Krieg gegen die Ukraine nach Ansicht des Kiewer Kulturministers Olexandr Tkatschenko auf die Auslöschung der Identität des Landes angelegt. Während der ersten 100 Tage der Invasion habe Russland 370 kulturelle Stätten zerstört, sagte Tkatschenko am Freitag in Kiew. Es seien Kulturdenkmäler, vor allem Kirchen, aber auch Exponate zu Schaden gekommen.
  • Zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters sind in der Ostukraine leicht verletzt und ihr Fahrer getötet worden. Die Gruppe habe sich für eine Reportage auf dem Weg nach Sjewjerodonezk befunden, als sie unter Beschuss geraten seien, sagte ein Reuters-Sprecher am Freitag. 
  • Russland hat unter Anspielung auf die Nazi-Zeit eine "Wiederbewaffnung" Deutschlands angeprangert. Die Pläne der Bundesregierung für ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr "werten wir als eine weitere Bestätigung, dass Berlin auf dem Weg zu einer erneuten Wiederbewaffnung ist", sagte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Freitag in Moskau. "Wir wissen nur zu gut, wie das enden kann."
  • Der ukrainische Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk kann sich vorstellen, dass Staatschef Wolodymyr Selenskyj Deutschland besucht, wenn sich das Kriegsgeschehen positiv für die Ukraine entwickelt. „Wenn der Sieg naht, dann denke ich, wird er (Selenskyj) schon Besuche in verschiedenen Ländern machen und zu einem offiziellen Besuch nach Deutschland kommen“.

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