Update

Saudi-Arabien : Regierungsvertreter schildert neue Version im Fall Khashoggi

Jamal Khashoggi sei erwürgt worden - versehentlich, berichtet ein hochrangiger Regierungsvertreter. Merkel stellt nun Waffenexporte nach Saudi-Arabien in Frage.

Jamal Khashoggi ist im saudischen Konsulat in Istanbul gestorben. Das gibt auch Saudi Arabien inzwischen zu.
Jamal Khashoggi ist im saudischen Konsulat in Istanbul gestorben. Das gibt auch Saudi Arabien inzwischen zu.Foto: Jacquelyn Martin/dpa

Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Dschubeir hat die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi am Sonntag als "gewaltigen Fehler" bezeichnet. König Salman sei entschlossen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sagte al-Dschubeir am Sonntag dem US-Sender Fox News. Er dementierte erneut jegliche Verwicklung der Regierung und des Kronprinzen Mohammed bin Salman in das Verbrechen.

Das international unter Druck geratene Saudi-Arabien hatte im Fall des getöteten regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi zuvor weitere Details in Umlauf gebracht. Ein hochrangiger Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, der 59-Jährige sei durch einen Würgegriff gestorben.

Zunächst hatte Saudi-Arabien bestritten, für das Verschwinden Khashoggis verantwortlich zu sein, an diesem Wochenende aber bestätigt, dass er bei einem Faustkampf im saudischen Konsulat in Istanbul ums Leben gekommen ist. Der Regierungsvertreter sagte, es seien intern zunächst falsche Informationen verbreitet worden. Als dies klargeworden sei, habe es sofort eine interne Untersuchung gegeben.

Der neuen Version zufolge wollte die saudische Regierung Khashoggi überzeugen, in das Königreich zurückzukehren. Der "Washington Post"-Kolumnist war vor einem Jahr aus Sorge vor Vergeltungsmaßnahmen in die USA gezogen. Er wollte am 2. Oktober in dem Konsulat Dokumente für seine bevorstehende Hochzeit abholen.

Seither galt er als vermisst. Der Plan sei gewesen, Khashoggi notfalls in einem Versteck außerhalb Istanbuls festzuhalten, so der saudische Regierungsvertreter. Er sollte aber "nach einer gewissen Zeit" wieder freigelassen werden, sollte er nicht nach Saudi-Arabien zurückkehren wollen.

Das nach Istanbul gesendete Team habe seine Anweisungen überschritten und schnell Gewalt angewendet. Khashoggi habe sich widersetzt, er sei deswegen in einen Würgegriff genommen worden. "Sie haben versucht zu verhindern, dass er schreit." Dabei sei der Journalist gestorben. "Es war nicht die Absicht, ihn zu töten."

Die Leiche sei in einen Teppich eingewickelt und in einem Auto des Konsulats weggeschafft worden. Sie sei an einen lokalen Helfer übergeben worden. Es werde versucht herauszufinden, wo sie entsorgt worden sei. Die türkischen Behörden suchen unter anderem in einem Waldstück bei Istanbul nach den sterblichen Überresten.

Merkel will vorerst keine Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien

Saudi-Arabien hatte erst am Samstag zugegeben, dass der vermisste Journalist im Konsulat in Istanbul gestorben sei.

Die Bundesregierung verurteilte die Tötung Khashoggis „in aller Schärfe“. „Von Saudi-Arabien erwarten wir Transparenz im Hinblick auf die Todesumstände und die Hintergründe“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD). Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. „Die vorliegenden Angaben zu den Abläufen im Konsulat in Istanbul sind nicht ausreichend.“ Angela Merkel sprach sich zudem gegen weitere Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien aus. Dies könne "nicht stattfinden in dem Zustand, in dem wir momentan sind", sagte sie am Sonntag nach einer Sitzung der CDU-Parteigremien in Berlin. Grüne und Linke hatten zuvor bereits einen sofortigen Stopp an den zweitgrößten Empfänger deutscher Rüstungsexporte gefordert.

Trump: Unzufrieden mit Antworten

US-Präsident Donald Trump sagte am Samstag, er sei unzufrieden mit den Antworten aus Riad. Die EU-Außenbauftragte Federica Mogherini forderte "umfassende, glaubwürdige und transparente Ermittlungen". Aus Kanada hieß es, der Bericht aus Saudi-Arabien sei widersprüchlich und nicht glaubhaft.

US-Finanzminister Steven Mnuchin will einstweilen wegen des Falls Khashoggi nicht über Sanktionen spekulieren. Dafür sei die Zeit noch nicht reif, sagte Mnuchin am Sonntag in Jerusalem. Es müsse eine Untersuchung des Falls geben und mehr Klarheit, was wirklich passiert sei. Saudi-Arabien gehört zu den engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten. Mnuchin nannte - wie zuvor schon US-Präsident Donald Trump - die Mitteilung des Königreichs einen "guten ersten Schritt, aber nicht genug".

Großbritannien will an Beziehungen zu Saudi-Arabien festhalten

Großbritannien hält die Erklärung Saudi-Arabiens zum Tod des Journalisten Jamal Khashoggi für unglaubwürdig, will aber an den Beziehungen zum Land festhalten. Von Saudi-Arabien hingen Tausende von Arbeitsplätzen ab, sagte Brexit-Minister Dominic Raab am Sonntag in der Andrew-Marr-Show des Senders BBC. Außerdem sollten die Beziehungen nicht beendet werden, weil man dann keinen Einfluss mehr auf das Land nehmen könnte.

Trotzdem beteiligte sich Großbritannien an einer gemeinsamen Erklärung mit Deutschland und Frankreich, in der die drei Länder betonten, es bestehe weiterhin "dringender Klärungsbedarf".

Zuvor hatten die Oppositionsparteien in einem gemeinsamen Brief unter anderem Waffenlieferungen an Saudi-Arabien angeprangert.

In der Türkei gehen die Ermittlungen zu den genauen Todesumständen unterdessen weiter. Wie der türkische Sender NTV berichtete, seien 25 weitere Zeugen vorgeladen worden. Bereits am Freitag hatte die türkische Polizei dem Bericht zufolge 20 Zeugen verhört.

Der Vize-Vorsitzende der türkischen Regierungspartei AKP, Numan Kurtulmus, mahnte am Sonntag erneut zur Geduld. Sobald die Ermittlungen abgeschlossen seien, würden die Ergebnisse veröffentlicht, sagte er in einem Interview mit dem Sender CNN Türk. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat für kommenden Dienstag eine Erklärung zum Tod des saudiarabischen Journalisten Dschamal Chaschoggi angekündigt. Er werde auf einem Treffen seiner AK-Partei alles Notwendige darlegen, sagte Erdogan am Sonntag in Istanbul. (Reuters, AFP, dpa)

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

79 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben