Schnell bestellt, schlecht bezahlt : Paket-Boten als Blitzableiter für gefrustete Kunden

Jedes Jahr müssen vor Weihnachten mehr und mehr Pakete ausgeliefert werden. Hart trifft es da die Zusteller – Verdi spricht von zum Teil „mafiösen Strukturen“.

Ein DHL-Paketbote in der Vorweihnachtszeit in Freiburg.
Ein DHL-Paketbote in der Vorweihnachtszeit in Freiburg.Foto: imago images/Winfried Rothermel

So kurz vor Weihnachten ist die Paketbranche am Limit – um sechs bis acht Prozent steigt das Paketvolumen in diesem Jahr. Die Boten, viele aus Osteuropa, werden zum Blitzableiter für den Frust der Kunden, wenn das online bestellte Paket zu spät kommt. Rund drei Milliarden Sendungen werden pro Jahr in Deutschland versandt. DHL transportiert im Schnitt rund fünf Millionen Päckchen und Pakete pro Tag – vor Heiligabend sind es bis zu elf Millionen. DHL hat rund 60 000 Zusteller im Einsatz, insgesamt sind es in Deutschland rund 240.000. In der Branche gibt es große Unterschiede, gerade bei der Bezahlung.

Wie sieht der Markt aktuell aus?
Derzeit teilen fünf Unternehmen den Paketmarkt weitestgehend unter sich auf: DHL, DPD, UPS, GLS und Hermes. Die Post-Tochter DHL ist mit 45 Prozent Marktanteil das führende Versandunternehmen in Deutschland. Bundesweit hat DHL derzeit 36 Paket- und Verteilzentren, zudem 13.000 Filialen, 11.200 Paketshops und 4200 Packstationen zum Verschicken und Abholen.

Allerdings verändert sich die Branche. Die Zahl kleiner Subunternehmer wächst enorm. Außerdem baut Amazon mehr und mehr eine eigene Lieferlogistik auf. Das Geschäft lohnt sich schließlich: Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts setzte die Branche im vergangenen Jahr 20 Milliarden Euro um. 2010 war es erst fast die Hälfte.

Was verdienen Paketboten?
Vollzeitbeschäftigte Paketboten bekamen im vergangenen Jahr durchschnittlich 2826 Euro im Monat – und damit gut 1000 Euro weniger als Durchschnittsbeschäftigte im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungsbereich, so das Statistische Bundesamt. Diese verdienen im Schnitt 3880 Euro monatlich. Der Verdienst der Beschäftigten bei Post-, Kurier- und Expressdiensten ist zwar von 2010 bis 2018 um 14,5 Prozent gestiegen; im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich kletterten die Löhne im gleichen Zeitraum jedoch um mehr als 22 Prozent.

Die Gewerkschaft Verdi sieht große Missstände: Es würden reale Stundenlöhne von 4,50 Euro oder sechs Euro gezahlt, weil die Arbeitszeiten oft bei zwölf oder 16 Stunden pro Tag lägen und nicht bei den gesetzlich festgeschriebenen acht Stunden. Verdi spricht von zum Teil „mafiösen Strukturen“. Maßgeblich dafür verantwortlich seien die vielen Subunternehmer, die für die großen Paketzulieferer tätig sind. Diese beauftragen wiederum Subunternehmer, deren Beschäftigte oft aus Osteuropa stammen, wie es bei Verdi heißt. Vor allem Hermes, DPD und GLS kooperieren fast nur mit Subunternehmern.

Wie groß sind die Lohnunterschiede?
Erheblich. Bei DHL werden laut eigenen Angaben rund 98 Prozent der Pakete durch eigene Paketboten ausgeliefert. „Die Paketzusteller erhalten regional differenzierte Stundenlöhne, die aktuell bei einem Einstiegsgehalt von mindestens 13,65 Euro pro Stunde liegen“, betont eine Sprecherin. Der Durchschnittslohn liege bei 17,70 Euro in der Stunde. Bei Hermes hingegen ist es deutlich weniger. „Wir statten unsere Servicepartner finanziell so aus, dass sie in der Lage sind, ihren Mitarbeitern einen Stundenlohn von mindestens 10,15 Euro zu bezahlen“, sagt ein Sprecher. Doch ob das immer klappt?

Hermes hat ein System etabliert, wo Hinweise auf Lohndumping vertraulich abgegeben werden können. Zudem gebe es für Zusteller aus anderen Ländern, die mit den deutschen Gesetzen nicht so vertraut sind, einen Info-Flyer in neun Sprachen. „Leider gibt es auch in der Paketbranche Unternehmen, die dazu beitragen, viele Hundert meist mittelständische Unternehmen zu Unrecht in Misskredit zu bringen“, betont der Sprecher. Hermes hat zur Bewältigung der Paketflut 6500 zusätzliche Boten im Einsatz, bei DHL sind sogar 10 000 Aushilfskräfte im Einsatz.

Was tut die Bundesregierung gegen „schwarze Schafe“?
Rund 3000 Zollbeamte der Finanzkontrolle Schwarzarbeit überprüften Anfang Februar bundesweit Subunternehmen von Paketdiensten. Bei der Razzia wurden 12 000 Fahrer in 356 Unternehmen kontrolliert. Die Beamten stellten bei über 2000 Zustellern größere Ungereimtheiten fest. Größtenteils ging es um Unterschreitungen des Mindestlohns. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Paketzusteller deswegen besser geschützt und die großen Paketdienste für die Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen in die Pflicht genommen werden.

Das Kabinett billigte im September einen Entwurf von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), mit dem die Nachunternehmerhaftung auf die Kurier-, Express- und Paketbranche ausgeweitet wird. Damit haften die Paketdienste dafür, wenn Subunternehmer Löhne schwarz zahlen oder Sozialbeiträge nicht korrekt abführen. So sollen Zusteller auch für Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Erwerbsunfähigkeit besser abgesichert werden. Das Gesetz gilt seit dem 23. November. Eine ähnliche Regelung gibt es schon seit Jahren für die Bau- und die Fleischbranche.

Ist es nach Weihnachten entspannter?
Kaum. Im Januar ist die Zeit der Retouren. Geschenke, die keinen Anklang fanden, werden dann zurückgeschickt. Insgesamt sind Zusteller weit häufiger krankgeschrieben als andere Beschäftigte. Das geht aus dem Gesundheitsreport der Barmer hervor. Demnach entfielen auf Mitarbeiter von Post- und Zustelldiensten im vergangenen Jahr 34,6 Krankheitstage je Person. Über alle Berufsgruppen hinweg waren es 19,8 Tage. Als Gründe nennt Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin-Brandenburg „Zeitdruck, Stress im Straßenverkehr und wechselnde Witterungsbedingungen“.

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