Schrumpfende Kirchen : Das Volk Gottes wird immer schneller kleiner

Erneut ist die Zahl der evangelischen und katholischen Christen gesunken. Ein Überblick über die Geschichte der Kirchenaustritte in Deutschland - und Gründe.

Leere Kirchenstühle - hier im Magdeburger Dom.
Leere Kirchenstühle - hier im Magdeburger Dom.Foto: Rolf Kremming/imago

Wie haben sich die Zahlen entwickelt?
Im vergangenen Jahr haben noch mehr Menschen die beiden großen Kirchen verlassen als bisher. Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sank von 44,8 Millionen im Jahr 2017 auf 44,14 Millionen. Das sind 53,2 Prozent der Gesamtbevölkerung, 2017 waren noch 54,2 Prozent. Rund 23 Millionen Bundesbürger waren katholisch, 21,14 Millionen evangelisch, wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mitteilten.
Der Trend ist sehr alt, die Zahl der eingetragenen Christinnen und Christen kennt seit mehr als hundert Jahren nur eine Richtung: bergab. Waren 1910 im Deutschland Kaiser Wilhelms noch praktisch alle Untertanen katholisch oder evangelisch, nämlich 98,3 Prozent, so sackte dieser Anteil in der Weimarer Republik bereits bis 1925 um zwei und bis 1933 um einen weiteren Prozentpunkt. Auf knapp 96 Prozent gingen die Kirchen auch aus dem Krieg hervor – allerdings in einem anderen Verhältnis der Konfessionen als heute. Im Kaiserreich waren etwa zwei Drittel der Deutschen evangelisch, ein Drittel katholisch, 1950 waren nur noch gut die Hälfte Protestanten und 44 Prozent katholisch. Über die Jahrzehnte pendelte sich das Verhältnis ein, mit mittlerweile wieder einem etwas größeren Anteil der katholischen Kirche. Der Schwund traf beide, in Westdeutschland nach den aufgewühlten 1968ern mit Wucht. Waren 1970 nur 6,4 Prozent der Bundesdeutschen nicht Mitglied in einer der großen Kirchen – das war in einem Jahrzehnt bereits eine deutliche Steigerung – so verdoppelte sich dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren. Tendenz seither ungebrochen steigend. Inzwischen liegt der Anteil derer, die in Deutschland keiner der beiden Kirchen angehören, bei 53,2 Prozent, erneut ein Rückgang gegenüber den 54,2 Prozent 2017. Das ist allerdings noch weit entfernt von den Zahlen der DDR. Dort gehörten 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall, zwei Drittel keiner Kirche an, ein knappes Drittel der Bevölkerung war evangelisch, katholisch 6,5 Prozent. Die Zukunft sieht für die Kirchen eher noch düsterer aus. In einer ersten gemeinsamen Prognose, die die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die EKD beim Freiburger „Zentrum Generationenverträge“ in Auftrag gaben, rechneten die Fachleute um den Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen im vergangenen Mai mit einer Halbierung des aktiven Kirchenvolks bis 2060.

Wie ist die Kassenlage der Kirche?
Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen werden sich auch die finanziellen Möglichkeiten der beiden Kirchen bis 2060 in etwa halbieren, prognostizierte das Team um Bernd Raffelhüschen. Im Augenblick aber profitieren beide noch von der guten Konjunktur, die ihnen trotz sinkender Mitgliedszahlen dank höheren Lohnsteueraufkommens die Kassen füllt. 2018 stieg das evangelische Kirchensteueraufkommen leicht auf 5,79 Milliarden Euro. Die katholischen Bischöfe schweigen zum aktuellen Stand. Zwei Jahrzehnte werden die Kirchen noch ausreichend Ressourcen haben, heißt es in der Freiburger Prognose. Danach werde der Mangel an Kirchensteuerzahlerinnen und -zahlern durchschlagen..

Was treibt Menschen aus den Kirchen?
Die Zahlen sprechen über all die Jahrzehnte hinweg eine klare Sprache: Wenn Kirchenmitgliedschaft keine soziale Pflicht mehr ist, verlassen viele mehr oder minder Gläubige die Institution. Das lässt sich an der Entwicklung in der ersten deutschen Republik 1919 bis 1933 ablesen, aber auch an den sprunghaft steigenden Austrittszahlen in den 1970er Jahren ablesen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm unterstrich am Freitag, dass man die christliche Botschaft besser vermitteln müsse in Zeiten, da Menschen anders als früher, aus Freiheit entschieden, ob sie der Kirche angehören wollten.
Konkrete Erfahrungen oder Verfehlungen der Hierarchie tun ihr Übriges, so das in den letzten Jahren bekannt gewordene Ausmaß sexueller Gewalt - und deren kirchenamtlicher Vertuschung - oder auch ein einzelner Skandal: Nach dem Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst, der aus dem Amt schied, nachdem bekannt geworden war, dass der luxuriöse Ausbau seines Amtssitzes Millionen verschlungen hatte, stieg die Zahl der Kirchenaustritte 2014 auf einen Höchststand - der von den aktuellen Zahlen nur knapp unterboten wird.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung von Parteien und Vereinen, dass die Kirchen auch unter einem allgemeinen Rückgang von Bindung an traditionelle soziale Institutionen leidet. Selbst im einst tiefkatholischen Oberbayern geht es rasant bergab: Im letzte Jahr verlor die Kirche dort erneut knapp acht Prozent ihrer Mitglieder.

Welche Rolle spielt die Demografie?
Knapp 177 000 Taufen, Wieder- und Neueintritte in die Kirche, aber 244 000 Beerdigungen von verstorbenen Gläubigen – das sind die katholischen Zahlen des letzten Jahrs. In der EKD stehen 340 000 tote Protestanten knapp 200 000 neuen Mitgliedern gegenüber. Es gibt also den demografischen Faktor, aber er ist nicht entscheidend. „Weniger als die Hälfte des Rückgangs“ der Kirchenmitglieder, so Forscher Raffelhüschen, lasse sich damit erklären. Taufen, Austritte und Aufnahmen hätten die größere Wirkung – also das, was sich beeinflussen lässt.

Wie reagieren die Kirchen?
Die Kirchen selbst anerkennen das. Der Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz nannte die Statistik am Freitag „besorgniserregend“. Man suche nach neuen Wegen. „Wir verstehen, wenn durch Entfremdungsprozesse oder einen großen Vertrauensverlust Misstrauen entstanden ist und Glaubwürdigkeit verspielt wurde." Initiativen wie "Maria 2.0" zeigten, dass die Menschen Veränderungen in der Kirche wollten. Der jetzt eingeleitete "synodale Weg" wolle das aufgreifen. Es gehe um einen Wandel, der Glaubwürdigkeit und Vertrauen wieder herstelle. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm sagte, jeder Austritt schmerze. Er setzt darauf, dass seine Kirche die christliche Botschaft besser vermittle.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

65 Kommentare

Neuester Kommentar