Schule und Parteien : Kritik an der AfD kann zum Pflichtstoff gehören

Dürfen Lehrer vor den Schülern sagen, was sie über die neue Rechtspartei denken? Es kommt darauf an. Neutralität ist jedenfalls das falsche Rezept. Ein Kommentar.

Teile der AfD stehen weit rechts. Manche werfen ihr deshalb eine Nähe zum Nationalsozialismus vor.
Teile der AfD stehen weit rechts. Manche werfen ihr deshalb eine Nähe zum Nationalsozialismus vor.Foto: Peter Gercke / ZB / dpa

Tabus brechen und Denkverbote beseitigen, frei aussprechen, was man wirklich meint: Die AfD besetzt hier eine bemerkenswert liberale Position. Soweit es jedoch andere sind, die sie in Anspruch nehmen, wird man empfindlich. Aktuell soll der Berliner Verfassungsgerichtshof dem Justizsenator das Wort verbieten. In Hamburg und Bremen werden Fälle publik, in denen Parteileute Lehrer unter anderem per Dienstaufsichtsbeschwerde anschwärzen, die sich im Klassenzimmer allzu kritisch zur AfD eingelassen haben sollen. Möglicherweise soll sogar eine Netz-Plattform aufgesetzt werden, um anonym Hinweise auf solche Lehrer zu sammeln.

Das Schulgesetz ist deutlich - es will Antifaschisten heranbilden

In Berlin ist Derartiges laut Auskunft der Schulverwaltung bisher noch nicht bekannt. Eigentlich ein Wunder, angesichts eines politisch aufgeladenen Schulgesetzes. Paragraf eins bestimmt unter anderem, dass die jungen Leute zu Persönlichkeiten herangebildet werden sollen, die der „Ideologie des Nationalsozialismus“ entgegentreten“ sollen.

Wirft man nicht zumindest den Extremisten in der Partei gerade die Nähe zu dieser Ideologie vor? Demnach würde AfD-Kritik in Berlin zum Pflichtstoff gehören. Oder wie soll man es einer Klasse erklären, wenn ein führender AfD-Politiker die Zeit, in der diese Ideologie herrschend war, als „Vogelschiss“ beschreibt?

Meinungen dürfen nicht aufgezwungen werden

Eine ganz gute Richtschnur bildet seit Jahrzehnten der „Beutelsbacher Konsens“ mit seinen Prinzipien. Erstens soll den Schülern keine Meinung aufgezwungen werden. Zweitens soll es bei kontroversen Themen kontrovers zugehen. Und drittens sollen Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie selbst es sind, die Dinge beurteilen und entscheiden.

Die wesentliche Frage, ob Lehrerinnen und Lehrer dabei bekennen dürfen, wie sie politisch denken, etwa über die AfD, ist damit aus guten Gründen nicht beantwortet. Eine Richtschnur ist keine Betriebsanleitung. Und die vielfach erhobene Forderung nach „Neutralität“ ist gerade in der Schule illusorisch. Schule ist das pralle Leben, und dies in einer Phase, in der Menschen nichts wichtiger ist, als Haltung und Identität zu finden. Nichts stört hier mehr als Neutralität. Sie ist langweilig und leer. Neutrale Lehrer, die sich ausschließlich neutral verhalten – wie können sie Vorbilder sein? Wie soll man mit ihnen diskutieren? Es wäre armselig.

Die AfD mag sich daran gewöhnen, dass sie im Unterricht nicht nur durch-, sondern auch rangenommen wird. Aus ihrem Beschwerdeton spricht nicht nur Misstrauen gegenüber dem Personal, sondern auch gegenüber Schülern. Doch die haben ein feines Gespür, wann Lehrer überziehen. Vor allem aber Misstrauen gegen sich selbst. Am liebsten sieht man sich dort bisher stets als Opfer – Opfer der „Altparteien“, Opfer der Fremden, Opfer der Medien und des Islam. Jetzt auch als Opfer der Lehrer? Ein Witz.

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