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Semperopernball zeichnet Ägyptens Machthaber aus : Eklat um Orden für einen Diktator

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer hält dem Semperopernball trotz der Kontroverse um al Sisi die Treue. Die Veranstalter geben ihren Fehler zu.

Ball-Organisator Hans-Joachim Frey (links) überreichte Ägyptens Diktator Abdel Fattah al Sisi am Wochenende den sogenannten St.-Georgs-Orden im Präsidentenpalast in Kairo.
Ball-Organisator Hans-Joachim Frey (links) überreichte Ägyptens Diktator Abdel Fattah al Sisi am Wochenende den sogenannten...Foto: Egyptian Presidency/dpa

Begeistert klingt anders, aber Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will dem Semperopernball seine Treue nicht aufkündigen. Obwohl es eine heftige Debatte gibt, weil der Organisator des Balls Hans-Joachim Frey am Wochenende eigens nach Kairo gereist ist, um Ägyptens Diktator Abdel Fattah al Sisi mit dem Orden des Balls zu ehren. Und damit den Machthaber eines Landes, über das der Tagesspiegel schrieb: „Befehl und Gehorsam, wer dieser Herrschaftsmaxime nicht Folge leistet, muss die Repressionsinstrumente eines Polizei- und Militärstaats fürchten. Ein Klima der Einschüchterung und Angst ist die Folge.“ Amnesty International prangert „eine seit mehr als 30 Jahren andauernde massive Unterdrückung und weit verbreitete Menschenrechtsverletzungen“ in Ägypten an.

Kretschmer, der beim Ball 2019 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Annett Hofmann den Eröffnungswalzer tanzte, formuliert deutlich diplomatischer. Die Ordensverleihung sei eine Angelegenheit des Balls, nicht der Oper und nicht des Freistaates, erklärt er. Und lässt über seinen Regierungssprecher Ralph Schreiber eine nach dessen Worten „klare Meinung“ verbreiten: „Al Sisi ist kein Demokrat, es gibt Rechtsverstöße, aber dieser Mann leistet eine wichtige stabilisierende Arbeit in der Region.“

Dass der ausrichtende Verein im Vorfeld der Veranstaltung die Preisverleihung vorgenommen hat, respektiere der Kretschmer, sagt Schreiber.

Auch Putin erhielt den Orden

Der Kulturmanager und Ball-Organisator Frey ist eine illustre Persönlichkeit. In den Nullerjahren war er unter anderem Betriebsdirektor der Semperoper und Intendant des Theaters Bremen - zumindest in letzterer Rolle galt er als „grandios gescheitert“, wie es nach seinem Abgang hieß. 2006 begründete er als Vorsitzender und Künstlerischer Gesamtleiter den Semperopernball aus Vorkriegszeiten neu. Bereits frühere Ehrungen mit dem St. Georgs Orden des Opernballs sorgten für Irritationen, etwa die für Russlands Staatschef Wladimir Putin und den saudischen Prinzen Salman bin Abdulaziz.

Die Menschenrechtslage in einem Land scheint für Frey bei der Vergabe des Semperopernball-Ordens keine Rolle zu spielen. Es sei kein politischer Orden, erläutert er. Der Kulturmanager, der zuletzt in Linz in Oberösterreich beim Anton-Bruckner-Haus tätig war, sagt: „Wir wollen Kulturbrücken bauen, um darüber eine vermittelnde Sprache zwischen Regionen zu schaffen.“ Man habe sich vorher abgesichert, auch mit der Sächsischen Staatskanzlei, zitiert ihn der MDR. „Die Preisverleihung an Herrn al Sisi wird als unproblematisch angesehen.“ Frey würdigte al Sisi in Kairo als „Friedensstifter“ und „Mutmacher“.

Die Linke spottet: Demnächst ein Orden für Kim Jong Un?

In Dresden sind in Politik und Gesellschaft viele in höchstem Maße verärgert, dass der ägyptische Diktator geehrt wird, die Bilder dazu vom ägyptischen Präsidentenpalast über Nachrichtenagenturen in die Welt verbreitet werden. Als einer der ersten meldete sich Martin Dulig zu Wort, Sachsens stellvertretender Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzender. Er schrieb am Freitag auf Twitter: „Der #Semperopernball nimmt sich seine Würde. Wer aus PR-Gründen einen Autokraten und Unterdrücker wie al Sisi auszeichnen will, handelt unverantwortlich. Es ist beschämend.“ Viele schlossen sich in ähnlich harten Worten der Kritik an - vom DGB bis zu den in Sachsen mitregierenden Grünen.

Das Online-Portal „Tag 24“ zitierte den Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert, er behalte sich eine Teilnahme am Ball vor. „Es besteht Klärungsbedarf“, sagte der FDP-Politiker. Der Linken-Politiker Rico Gebhardt spottete: „Wen werden die Semperopernball-Organisatoren wohl als Nächstes ehren - etwa Kim Jong Un mit der Begründung, dass er in Nordkorea für stabile Verhältnisse sorge?“ Auch die Semperoper selbst ging auf Distanz.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer tanzt seiner Lebensgefährtin Anett Hofmann beim Semperopernball 2019 den Eröffnungswalzer.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer tanzt seiner Lebensgefährtin Anett Hofmann beim Semperopernball 2019 den...Foto: Robert Michael/Imago

In eine missliche Rolle gerieten auch die Medienpartner des Balls. Die DDV-Mediengruppe, in der unter anderem die „Sächsische Zeitung“ und „Tag 24“ erscheinen, erklärte: „Missachtung von Menschenrechten einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung sind nicht vereinbar mit Haltung und Selbstverständnis von Verlag und Redaktionen.“ Dennoch posierte Katrin Koch, Society-Reporterin der ebenfalls in der Mediengruppe DDV erscheinenden „Dresdner Morgenpost“, am Wochenende bei der Ordensverleihung in Kairo neben al Sisi, wie der Blog Flurfunk Dresden berichtete.

Der MDR plant, den Ball zu übertragen, so wie in den Vorjahren. Die Preisverleihung an al Sisi aber halte man für falsch, erklärte eine Sprecherin des Senders. Sollte sich der Veranstalter entscheiden, diese Ehrung am 7. Februar zu thematisieren, würden diese Szenen nicht ausgestrahlt, heißt es. Die ARD-Journalistin Judith Rakers soll gemeinsam mit Roland Kaiser den Opernball moderieren, auch ein Auftritt des WDR-Kinderchors ist bei der „märchenhaft rauschenden“ Ballnacht geplant.

Rakers twitterte am Dienstag: „Mich irritiert diese Verleihung sehr und ich bin seitdem in Gesprächen über die Konsequenzen, die ich als Moderatorin des Balls ziehen möchte.“ Roland Kaiser schrieb auf Facebook, aus dem „rauschenden kulturellen Ereignis“ sei „ein politisches geworden. Und: Ich bin – ebenso wie Judith Rakers - irritiert über die Ordensvergabe und deshalb seit Bekanntwerden dieser Verleihung in Gesprächen über die Konsequenzen, die ich voraussichtlich ziehen werde.

Weiterer Preisträger wollte Afroamerikaner disziplinieren

Ablass für die Opernball-Veranstalter? Nicht wirklich in Sicht. Zumal es neben al Sisi mit dem Chemnitzer Unternehmer Hans Jürgen Naumann noch einen weiteren umstrittenen Opernball-Preisträger geben soll. Naumann hatte 2017 nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump mit einem Interview mit der „Freien Presse“ für einen Eklat gesorgt. Er sagte unter anderem, im Gegensatz zu vielen europäischen Politikern habe Trump erkannt, „dass die weiße Bevölkerung zusammenstehen muss“. Amerikaner, Europäer und Australier seien zusammen rund 1,5 Milliarden Menschen. „Aber die Asiaten kommen auf sechs Milliarden Menschen.“

Naumann forderte, die afroamerikanische Jugend, die „sich sehr stark aus der Verantwortung gezogen habe“, zu disziplinieren. „Das kann meines Erachtens aber nur dadurch erreicht werden, wenn man die jungen Afroamerikaner zum Militär einzieht, ihnen dort Disziplin beibringt und eine berufliche Ausbildung ermöglicht.“ Aus freien Stücken „werden Afroamerikaner sich keine Zwänge auferlegen“, sagte der Unternehmer, der 1991 den ehemaligen VEB-Großdrehmaschinenbau „8. Mai“ in die schwarzen Zahlen gebracht hatte.

Naumann „verkörpert mit seinem Wirken den Aufbau Ost im besten Sinne“, heißt es jetzt in der Begründung für die Preisverleihung. Die Veranstalter verteidigen Naumann als „Weltbürger“ sowie „wortgewaltigen und streitbaren Diskutanten“.

Viel spricht dafür, dass Frey den Bogen überspannt hat. Womöglich wird der Opernball in der bisherigen Form vom kommenden Jahr an nicht mehr stattfinden. Ministerpräsident Kretschmer aber will bei dem Luxus-Event, für das Kartenpreise von bis zu 2380 Euro gezahlt werden müssen, am Freitag kommender Woche noch einmal mittenmang sein. Sein Sprecher Ralph Schreiber sagt dem Tagesspiegel: „Für den 7. Februar wünscht sich der Ministerpräsident, dass aus und auch vor der Oper positive Bilder von Dresden in die Welt gehen und viele Menschen an der beliebten Veranstaltung teilhaben können.“

Derweil die Veranstalter des Opernballs eine weitere absurde Wendung vollzogen: Sie entschuldigten sich für Preisverleihung an al Sisi. Es sei ein Fehler gewesen, hieß es nun, man bedauere die Irritationen. Auf dem Ball solle die Preisverleihung nicht thematisiert werden.

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