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Müssen wirklich alle verzichten? Menschen kaufen in einem Tafelladen in Stuttgart Lebensmittel ein. Wohlfahrtsverbände fordern einen Sozialgipfel.
© Bernd Weißbrod/dpa

Klimaschutz und Klassenkampf: Sind die Opfer im Ahrtal selber schuld?

Die Historikerin Hedwig Richter wirft der SPD eine Klassenkampfrhetorik vor. Damit solle von den Folgen der Klimakrise abgelenkt werden. Eine Erwiderung.

Wenn es zu heiß wird auf dem Planeten, wird manchen das Herz kalt. Dabei ist es doch so: Wer hat, der kann auch geben. Konkret: Wer keine akuten existenziellen Sorgen hat – weder arm ist noch krank, weder im Krieg noch auf der Flucht -, kann es sich leisten, zur Bekämpfung der Klimakrise Verzicht zu fordern. Und zwar von allen, auch den Armen und Kranken.

„Da sich die Welt radikal ändern wird, müssen alle mitmachen, nicht nur die da oben“, schreibt Hedwig Richter, die an der Universität der Bundeswehr in München Neuere und Neueste Geschichte lehrt, in der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Autorin mahnt Zumutungen an, weil „die ökologische Wende nicht ohne Einschränkungen für die Bevölkerung zu machen“ sei. Wer sich angesichts der globalen Erderwärmung noch Sorgen um den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft mache, bediene sich einer „im hohen Ton der Empörung vorgetragenen Klassenkampfrhetorik“.

Das zielt in erster Linie auf die SPD, die sich offenbar außerstande sehe, „Menschen etwas abzuverlangen, die weniger besitzen als einen Privatjet“.

Wer arm ist, kann ruhig ärmer werden?

Etwas weniger ironisch formuliert Hedwig den Grundgedanken ihres Essays: „Wer im Namen der sozialen Gerechtigkeit die anstehenden Veränderungen ablehnt, hat den Schuss nicht gehört. Es gibt keine soziale Gerechtigkeit ohne einen bewohnbaren Planeten.“

Dankenswert klar und unmissverständlich wird hier eine Perpetuierung sozialer Ungleichheit im Namen der Klimakrisenbekämpfung propagiert. Wer arm ist, kann ruhig ärmer werden, wenn’s bloß keine Waldbrände und Überschwemmungen mehr gibt.

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Entsprechend kritisch wertet es die Autorin, dass etwa beim Gedenken an die Flut im Ahrtal nur Opfer gezeigt würden. Dabei sei es eine Tatsache, dass alle Menschen dort – wie eben alle anderen auch – mit ihrem ganz normalen Leben den Planeten zerstörten.

„Wer würde es wagen, die Wahrheit auszusprechen, dass die Reihen der zerstörten Häuser und der davongeschwommenen Autos für eben jenes Leben stehen, das die Flut hervorbringt?“ Kurz gesagt: selbst schuld.

Eine erbarmungslose Verzichtsideologie

Was wird ein Opfer der Flut im Ahrtal denken, wenn er das liest? Muss er nicht, von den Nöten der Gegenwart gefangen, eine derart kühle Beschäftigung mit den Kausalitäten einer zukünftigen Katastrophe als empathielos empfinden?

Der angeblichen „Klassenkampfrhetorik“ der SPD eine erbarmungslose Verzichtsideologie entgegenzusetzen, schadet der Klimakrisenbekämpfung. Wer das Soziale bewusst ausblendet, darf sich nicht wundern, wenn er als privilegiert oder gar snobistisch wahrgenommen wird.

Die Rentnerin Lieschen Müller bei 16 Grad im Winter in ihrer Mietwohnung frieren zu lassen, ist nicht dasselbe, wie selbst auf den Zweitwagen zu verzichten. Wenn Klimaschützer das nicht verstehen, bricht die Gesellschaft auseinander.

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