• So denken Deutsche und Polen übereinander : Sympathie, aber nicht einig bei Trump und der gemeinsamen Geschichte

So denken Deutsche und Polen übereinander : Sympathie, aber nicht einig bei Trump und der gemeinsamen Geschichte

Trotz Regierungsstreit mögen sich Polen und Deutsche. Bei Zweitem Weltkrieg und Mauerfall aber fühlen sich Polen nicht ausreichend gewürdigt.

Gute Nachbarn: Ein polnischer und ein deutscher Fußballfan bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich.
Gute Nachbarn: Ein polnischer und ein deutscher Fußballfan bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich.Foto: picture alliance / dpa

Deutsche und Polen haben ein überwiegend positives Bild von ihren Beziehungen. 60 Prozent der Deutschen und 59 Prozent der Polen bewerten das Verhältnis laut dem neuesten "Deutsch-polnischen Barometer" als positiv. Dies steht in bemerkenswertem Kontrast zum Bild in den Medien, das vom Streit der Regierungen geprägt ist: Streit um die Zukunft der Europäischen Union, um Fragen der Rechtsstaatlichkeit in Polen und um ausstehende Kriegsreparationen.

Allerdings gibt es in der Tat auch große Unterschiede, zum Beispiel das Wahlverhalten der Bürger differiert stark: Bei der Europawahl war die nationalkonservative Regierungspartei PiS der Wahlsieger; in Deutschland verloren die Regierungsparteien, großer Gewinner waren die Grünen, die in Polen keine Rolle spielen.

Große Mehrheit für Kooperation, ein Drittel für nationale Interessen

Was nun das "Deutsch-polnische Barometer" betrifft, sprechen sich Deutsche und Polen mit großer Mehrheit für Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern aus. Nur ein Drittel der Befragten befürwortet eine harte Verteidigung der nationalen Interessen. Das "Barometer" ist ein gemeinsames Projekt der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und des Warschauer Instituts für Öffentliche Angelegenheiten. Es wird seit dem Jahr 2000 veröffentlicht. Die Ausgabe 2019 hat den Titel "Gemeinsame Richtung - verschiedene Perspektiven", umfasst 66 Seiten und untersucht Einstellungen zu den bilateralen Beziehungen, zu den jeweiligen Geschichtsbildern und zur Weltordnung.

Diese kooperative Grundstimmung von Polen und Deutschen stößt allerdings bei zwei Themenkomplexen an Grenzen: bei der Bewertung der Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Und beim Blick auf die Geschichte. Dies tritt im großen Gedenkjahr 2019 besonders augenscheinlich hervor. Am 1. September jährt sich zum 80. Mal der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen begann. Rund die Hälfte der Polen meint, dass das Leid, das sie erfahren haben, außerhalb ihres Landes nicht ausreichend bekannt ist und gewürdigt wird. In Deutschland sehen das nicht einmal halb so viele Befragte so (21 Prozent).

Polen sehen ihren Beitrag zum Mauerfall nicht gewürdigt

Unterschiedlich ist auch der Blick auf die Befreiung von der kommunistischen Diktatur in Ostmitteleiuropa vor 30 Jahren, die zum Fall der Mauer führte. Diese Bewegung hatte mit dem Aufbegehren der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc begonnen. In Warschau wurde bereits im Februar 1989 am Runden Tisch über den Machtwechsel verhandelt, als die kommunistischen Regime in den Nachbarstaaten noch fest im Sattel zu sitzen schienen. Anfang September 1989 hatte Polen den ersten frei gewählten Regierungschef im Ostblock, Tadeusz Mazowiecki, viele Wochen vor dem Mauerfall. Rund 40 der Polen meinen, dass ihre Schlüsselrolle als Vorreiter international zu wenig gewürdigt werde.

Die Deutschen würden sich schwer tun, Polens Beitrag zum Sturz des Kommunismus und zum demokratischen Wandel in Mittel- und Osteuropa anzuerkennen, schreibt die Autorin der Studie, Agnieszka Łada, Direktorin des Europa-Programms am Warschauer Institut für Öffentliche Angelegenheiten (ISP). Zwar meinen 40 Prozent der Deutschen, dass Polen einen Beitrag zur Wende geleistet habe. Nur 13 Prozent sehen aber einen starken polnischen Beitrag zur Wende. Deutsche tendieren dazu, dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow einen großen Anteil zuzugestehen.

Hohe Zustimmung zu Merkel, Trump, EU und Nato in Polen

Und auch was die Bewertung anderer Akteure auf internationaler Ebene betrifft, liegen Deutsche und Polen in ihren Bewertungen deutlich auseinander. Am weitesten liegen die Meinungen bei US-Präsident Donald Trump auseinander. 47 Prozent der Polen sehen Trump positiv, aber nur 15 Prozent der Deutschen. Die Deutschen bewerten den französischen Präsidenten Emmanuel Macron am positivsten (68 Prozent), gefolgt von Angela Merkel (61 Prozent). Die Polen beurteilen die Bundeskanzlerin (48 Prozent) besser als den französischen Präsidenten (39 Prozent). Wladimir Putin sehen lediglich 18 Prozent der Polen positiv. Bei den Deutschen sind es 29 Prozent.

Der Nato-Beitritt Polens und anderer Staaten Ostmitteleuropas hat nach Meinung großer Mehrheiten sowohl in Polen als auch in Deutschland einen Gewinn an Sicherheit in Europa mit sich gebracht. Das bekräftigen mehr Polen (75 Prozent) als Deutsche (63 Prozent). Ähnlich sind die Ansichten zur Öffnung der EU. 76 Prozent der Polen und 64 Prozent der Deutschen sagen, dies habe zu wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität beigetragen.

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