SPD-Plan zur Grundrente : Die Finanzierung verrät bereits den Kompromiss

Die SPD will ihre Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung. Aber das vorgelegte „Stoppel-Konzept“ deutet schon die Nachbesserungen an. Ein Kommentar.

Olaf Scholz und Hubertus Heil.
Olaf Scholz und Hubertus Heil.Foto: imago images / Christian Ditsch

Zu den ungeschriebenen Programmgrundsätzen der SPD gehört seit jeher die Maxime „Frechheit siegt“. Die Partei ist damit auch immer wieder gut gefahren. Koalitionspartner unter Druck setzen mit inszenierten Provokationen, mit Vorpreschen, mit Aufplustern – sie wissen schon noch, wie es geht.

Und in einer prekären Situation wie jetzt, da die Sozialdemokraten in der zum Schicksalsereignis hochstilisierten Europa- Wahl vielleicht nicht ganz so gut abschneiden, wie sie gehofft haben, wird eben die Maxime wieder ins Werk gesetzt mit einem Grundrentenplan, der die Koalitionsvereinbarung sprengt, die Union zum Aufheulen bringt und die Rentner zum Hinhören.

Die Grundrente ist per se keine schlechte Idee, sie wäre sonst nicht in den Koalitionsvertrag gekommen. Die Gründe, sie einzuführen, überwiegen die Gründe, sie abzulehnen. Was Hubertus Heil und Olaf Scholz nun vorgelegt haben, ist im Kern gar kein Streitthema in der Koalition. Sie gehen also kein hohes Risiko ein, auf diesem Projekt am Ende sitzenzubleiben.

Vereinbart ist allerdings, dass es eine Bedürftigkeitsprüfung geben soll. Die hat die Union zur Bedingung gemacht, also wird sie jetzt von den Sozialdemokraten profilierungshalber frech ignoriert. Aber wie weit kommt man damit bei einigermaßen informierten Wählern? Und wie ernst nehmen Heil, Scholz & Co. das eigene Vorgehen?

Plötzlich ist die „Mövenpicksteuer“ wieder da

Eine Antwort liefert das Finanzierungskonzept. Da muss man zwar nicht so jaulen, wie einige Unionspolitiker es am Mittwoch taten. Aber die Vorschläge wirken schon ein wenig zusammengestoppelt. Eine Erhöhung der Umsatzsteuer für Hotel- und Pensionsübernachtungen wird da aus dem Hut gezaubert, wohl weil das mal ein Aufreger war in schwarz-gelben Zeiten – die „Mövenpicksteuer“, man erinnert sich dunkel.

Sie hat freilich zwei Koalitionen unter SPD-Beteiligung überlebt, weshalb das Zurücknehmen dieser Steuerbegünstigung eher lau als schlau wirkt. Außerdem sollen die Einnahmen aus der Finanztransaktionssteuer zur Grundrentenfinanzierung dienen, also aus einer Steuer, die es noch nicht gibt. Guter Brauch ist das nicht.

Die Finanzierung über Arbeitsagentur sowie Kranken- und Rentenversicherung ist auf den ersten Blick auch nicht gerade verständlich, aber wohl näher an der Realität dessen, was am Ende im Gesetzblatt steht. Das wird mutmaßlich ein Kompromiss mit Bedürftigkeitsprüfung sein, und der kostet weniger als das SPD-Konzept. Das wissen der Arbeitsminister und der Finanzminister natürlich schon jetzt, weshalb sie halt mal gestoppelt haben nach dem bewährten Motto. Ob’s den Versuch wert war? Man wird’s am Sonntagabend sehen.

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