Studie der Humboldt-Universität Berlin : Steigende Mietkosten verstärken Ungleichheit

Im Verhältnis zu ihrem Einkommen zahlen Geringverdiener immer mehr für Wohnraum - Gutverdiener dagegen immer weniger.

Am Samstag demonstrierten rund 5000 Menschen gegen hohe Mieten und Wohnungsmangel in Frankfurt am Main. Unter steigenden Mieten leiden vor allem Geringverdiener.
Am Samstag demonstrierten rund 5000 Menschen gegen hohe Mieten und Wohnungsmangel in Frankfurt am Main. Unter steigenden Mieten...Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Die Schere zwischen Armen und Reichen geht durch die steigenden Miet- und Wohnkosten in Deutschland weiter auseinander. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie der Humboldt-Universität in Kooperation mit dem University College in London. Die Wissenschaftler haben dabei die Einkommens- und Verbraucherstichprobe der Amtlichen Statistik zwischen 1993 und 2013 beobachtet und Daten von mehr als 100.000 Menschen ausgewertet.

Demnach müssen Geringverdiener im Verhältnis zu ihrem Einkommen immer mehr fürs Wohnen bezahlen. Gleichzeitig sanken im Beobachtungszeitraum die Kosten für Mieten und Wohnen bei Personen mit den höchsten Einkommen. Mussten sie 1993 für Wohnraum noch 16 Prozent ihres Einkommens aufbringen, waren es 2013 noch 14 Prozent. Bei den 20 Prozent mit den geringsten Einkommen, stiegen die prozentualen Wohnkosten dagegen von 27 auf 39 Prozent.

Reallöhne für Arme sinken - für Reiche nicht

„Der Befund hat uns überrascht“, sagte Bernd Fitzenberger, Mitautor und Leiter des Ökonometrie-Instituts an der Humboldt-Universität, dem Tagesspiegel. Der überproportionale Anstieg der Wohnkosten verschärfe die Ungleichheit in Deutschland. „Die Schere geht an zwei Seiten auseinander“, sagte Fitzenberger und verwies auf die wachsende Lohnungleichheit.

Der Studie zufolge sanken die Reallöhne für die untersten 20 Prozent der Einkommen in dem Untersuchungszeitraum um acht Prozent. Bei mittleren Einkommen entwickelten sich die Reallöhne zwischen 1993 und 2013 konstant leicht positiv. Bei Personen mit den besten Einkommen stiegen die Reallöhne am stärksten um durchschnittlich sieben Prozent.

Für Gutverdiener zusätzlich positiv: Besitzen oder erwerben sie Immobilien, müssen sie im Vergleich zu den 90er Jahren relativ gesehen weniger dafür bezahlen. Die Forscher begründen das mit niedrigen Erwerbs-, Bestands- und Zinskosten – ein Trend der in den kommenden Jahren aber abnehmen dürfte. „Die niedrigeren Bestandskosten wurden aber nicht an die Mieter weitergegeben“, sagte Fitzenberger.

Gutverdiener hätten so in den vergangenen Jahren Vermögen anhäufen können, während sich die Vermögensbildung bei Geringverdienern – vor allem bei den Jüngeren – verringert habe. Weil man ohne Ersparnisse nur schwer an Hypothekenkredite kommt, erwartet Fitzenberger, „dass die steigende Ungleichheit in der Ersparnisbildung zu höherer Vermögensungleichheit in der Zukunft führt“.

Kosten bei Neuvermietung steigen stark

Separate Zahlen für Berlin haben die Forscher nicht erhoben, allerdings habe man beobachtet, dass überdurchschnittlich viele Geringverdiener in die Großstädte ziehen. Das verstärke den Druck auf den Wohnmarkt, vor allem im Segment der Einpersonenhaushalte. Gerade bei Neuvermietungen stiegen die Preise in den Städten zuletzt sehr stark.

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Diese Erkenntnis teilt auch der Immobilienverband Deutschland (IVD), der am Montag neue Zahlen zur Entwicklung der bundesweiten Wohnungsmieten vorstellte. Demnach stiegen die Mieten bei Neuvermietung um rund fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei sind nicht nur Großstädte wie Berlin betroffen, sondern auch in Klein- und Mittelstädten bis 50.000 Einwohner im Umland müssen Neumieter deutlich tiefer in die Tasche greifen. Einzig für Wohnungen aus dem ohnehin teuersten Preissegment mit luxuriöser Ausstattung steigen die Preise weniger stark.
Auch die Zahl der Wohnungslosen in Berlin hat sich seit 2015 mehr als verdoppelt. 37.000 Menschen sind offiziell in Not- und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, wie das rbb-Inforadio unter Berufung auf Zahlen des Senates berichtet. Hinzu kämen rund 13.000 Menschen, die bei Freunden und Verwandten wohnen. Experten befürchteten wegen steigender Mieten, dass die Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigt. mit leo/epd

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