Terror in Christchurch : Sie wähnten sich weit weg

In Neuseeland lösen die Attacken von Christchurch Entsetzen aus. Die knapp fünf Millionen Einwohner des Landes kannten den Terror bisher nur aus der Ferne.

Verena Friederike Hasel
Polizist in Christchurch
Polizist in ChristchurchFoto: REUTERS/Edgar Su

Ein Kiwivogel, der weint. Dieses Bild posten gerade viele Neuseeländer bei Facebook. Der Kiwi, der nicht fliegen kann, ist das heimliche Nationaltier der Neuseeländer, es gibt ihn nirgendwo sonst, nur in diesem Land, das so weit entfernt weg erscheint vom Rest der Welt wie sonst kein anderer Staat.

Die Neuseeländer wissen um ihre Besonderheit, und sie geben sich Mühe, sie zu bewahren. Wer einreist, wird am Flughafen genauestens kontrolliert – auf eine Weise, die Auswärtigen fast neurotisch erscheint. Hunde beschnuppern jedes Gepäckstück und bellen schon, wenn sie einen angebissenen Apfel entdecken. Hat jemand dreckige Schuhe an, muss er sie reinigen, bevor er neuseeländischen Boden betreten darf.

Die Sorge, dass etwas eingeschleppt werden könnte, das einheimische Tiere und Pflanzen beeinträchtigt, ist groß. Der Kiwivogel ist schon fast ausgerottet, seit mit den Menschen auch Ratten, Dachse und Katzen ins Land kamen. Nun ist etwas viel Schlimmeres eingeschleppt worden. Der Terror.

Auf Halbmast. Neuseeland trauert um die Opfer des Terroranschlags.
Auf Halbmast. Neuseeland trauert um die Opfer des Terroranschlags.Foto: Marty Melville/AFP

Natürlich gibt es auch in Neuseeland Konflikte. Vor allem zwischen Weißen und Angehörigen der indigenen Bevölkerung, den Maori. Die zu entschärfen, haben die Neuseeländer in den vergangenen Jahrzehnten als ihre wichtigste Aufgabe gesehen.

So wurde in den 70er Jahren das Waitangi-Tribunal eingerichtet, eine Untersuchungskommission, vor der Maori Gebiete, die ihnen abgenommen wurden, zurückfordern können. Als Premierministerin Jacinda Ardern 2018 in London die Queen traf, trug Ardern einen Maori-Federmantel als Zeichen des Respekts für die Kultur der Ureinwohner.

Dankbar für die Distanz

Ressentiments richten sich inzwischen vor allem gegen reiche Asiaten, die in den zurückliegenden Jahren vermehrt ins Land gekommen sind und dadurch die Immobilienpreise in die Höhe getrieben haben.

Seit 2018 gibt es deshalb das Gesetz, dass Ausländer keine Häuser mehr kaufen können. Den Neuseeländern ist der Zusammenhalt im Land wichtig, ihr Ideal ist eine egalitäre Gesellschaft. Mancher, der früher damit haderte, dem Rest der Welt so fern zu sein, war zuletzt dankbar für diese Distanz – je verrückter sich die westlichen Länder gebärdeten.

Terror kannten die Neuseeländer bislang nicht, Naturkatastrophen hingegen schon. Christchurch erlebte 2011 ein verheerendes Erdbeben. Jedes Schulkind lernt den Spruch: „If it is long or strong, get gone“, wenn es lang oder stark ist, bring dich in Sicherheit, damit sie für einen möglichen Tsunami vorbereitet sind. Mit einem Anschlag gegen Muslime hat niemand gerechnet. „Kia Kaha Christchurch“, schreiben sie auf Facebook. Bleib stark, Christchurch. Viele posten das Schwarz-Weiß-Bild eines weinenden Kiwivogels.

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