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Tote und Verletzte auf der London Bridge : Entlassene Terroristen werden Wahlkampf-Thema

Der 28-jährige Usman K. trug eine Fußfessel und war vor auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden. Labour und Torys diskutieren die politischen Folgen.

Primer Boris Johnson, (Mitte) Priti Patel (l.) und ein britischer Polizist
Primer Boris Johnson, (Mitte) Priti Patel (l.) und ein britischer PolizistFoto: AFP

Nach dem Anschlag mit zwei Toten in London ist in Großbritannien eine Debatte über die routinemäßige vorzeitige Entlassung von Häftlingen entbrannt. Zuvor war bekannt geworden, dass der Attentäter Usman Khan, der am Freitag eine Frau und einen Mann nahe der London Bridge tötete, ein verurteilter Terrorist war, der vorzeitig auf freien Fuß gekommen war.

Die Entlassung war Medienberichten zufolge routinemäßig erfolgt. Die zuständige Kommission (Parole Board) teilte am Samstag mit, sie sei nicht an der Entscheidung beteiligt gewesen. „Ich habe seit Langem argumentiert, dass es ein Fehler ist, Schwer- und Gewaltverbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis zu entlassen“, sagte Premierminister Boris Johnson (Konservative) am Freitagabend vor einer Sitzung des Nationalen Krisenstabs (Cobra).

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan von der oppositionellen Labour-Partei hinterfragte, ob die zuständigen Behörden ausreichend Mittel zur Verfügung hätten, um gefährliche Personen zu überwachen. Unklar ist, wie das Thema den laufenden Wahlkampf beeinflussen wird. Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Für Samstag wurden mehrere Wahlkampfveranstaltungen abgesagt.

Der 28 Jahre alte Usman Khan hatte der Tageszeitung „The Times“ zufolge einen Anschlag auf die Londoner Börse geplant, bevor er 2012 zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Außerdem wollte er demnach im pakistanischen Teil Kaschmirs ein Trainingscamp für Terroristen aufbauen. Er war bereits im Dezember 2018 unter Bewährungsauflagen auf freien Fuß gekommen, wie die Polizei mitteilte. Dem „Times“-Bericht zufolge trug er eine elektronische Fußfessel.

Die London Bridge wurde erneut zum Tatort eines terroristischen Anschlags.
Die London Bridge wurde erneut zum Tatort eines terroristischen Anschlags.Foto: Isabel Infantes/XinHua/dpa

Der 28-jährige Mann, der am Freitag auf der London Bridge zwei Menschen tötete und drei weitere verletzte, war 2012 wegen einer terroristischen Straftat verurteilt worden und vor einem Jahr unter Auflagen freigekommen. Das sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, Neil Basu, am frühen Samstagmorgen. Medienberichten zufolge trug der Angreifer Usman K. eine elektronische Fußfessel und war zu einer 16-jährigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er Mitglied einer Gruppe gewesen sei, die einen Bombenanschlag auf die Londoner Börse verüben wollte.

Laut „Times“ war der Attentäter aus der Haft entlassen worden, nachdem er zugestimmt hatte, eine elektronische Fußfessel zu seiner Überwachung zu tragen. Die Polizei rief die Öffentlichkeit auf, weiter wachsam zu sein.

Der Angreifer wurde von der Polizei erschossen, nachdem ihn zunächst Passanten festgehalten hatten. Usman K. habe eine Bombenattrappe am Körper getragen, hatte Basu am Freitagabend berichtet.

Täter besuchte Resozialisierungsprogramm für Ex-Häftlinge

Die Behörden gehen inzwischen von einem Einzeltäter aus. Sicherheitsminister Brandon Lewis sagte am Samstag dem TV-Sender Sky News zufolge, die Polizei fahnde nicht nach weiteren Verdächtigen.

Der Täter habe vor dem Angriff an der Veranstaltung „Zusammen lernen“ in der nahe der London Bridge gelegenen Fishmongers' Hall teilgenommen. Laut Medien handelt es sich dabei um ein Resozialisierungsprogramm für Ex-Häftlinge, organisiert von der Cambridge Universität. „Wir gehen davon aus, dass der Angriff innen begann, bevor er (der Täter) das Gebäude verließ und auf der London Bridge weitermachte, wo er festgehalten und schließlich von bewaffneten Polizisten gestellt und erschossen wurde“, sagte Basu.

Bewaffnete Polizisten auf der Cannon Street in der Nähe des Tatortes auf der London Bridge
Bewaffnete Polizisten auf der Cannon Street in der Nähe des Tatortes auf der London BridgeFoto: dpa/Kirsty O'Connor

Die „Times“ berichtete, Usman K. habe in der Halle gedroht, das denkmalgeschützte Gebäude in die Luft zu jagen.

Lob für Mut der Passanten

Auf einem Video war zu sehen, wie mehrere Menschen mit einer am Boden liegenden Person ringen, bevor sie von der Polizei weggeleitet werden. Kurz darauf fallen Schüsse. Einer der Passanten hatte dem Mann am Boden zuvor noch ein Messer entrissen. „Was bemerkenswert ist an den Bildern, die wir gesehen haben, ist die atemberaubende Heldenhaftigkeit von Passanten, die buchstäblich der Gefahr entgegengerannt sind“, sagte Londons Bürgermeister Sadiq Khan zu Journalisten.

Premierminister Boris Johnson teilte per Twitter mit, er werde über den Vorfall auf dem Laufenden gehalten, und dankte den Einsatzkräften für ihre „unverzügliche Reaktion“. Auch er lobte die „außerordentliche Tapferkeit“ der Passanten.

Oppositionschef Jeremy Corbyn von der Labour-Partei ließ per Twitter wissen, seine Gedanken seien bei den Betroffenen. Die Briten wählen am 12. Dezember ein neues Parlament.

Eine Solidaritätsbekundung kam auch aus Washington. US-Präsident Donald Trump sei über den Angriff an der London Bridge unterrichtet worden und verfolge die Situation. „Die Vereinigten Staaten verurteilen alle schrecklichen Gewalttaten gegen unschuldige Menschen scharf. Und wir sagen unserem Verbündeten, dem Vereinigten Königreich, unsere volle Unterstützung zu“, teilte ein Sprecher des Weißen Hauses mit.

Angriff erinnert an Attentat von 2017 auf der London Bridge

Die Brücke und ihre Umgebung wurden weiträumig abgesperrt. Das werde auch noch für einige Zeit so bleiben, sagte Chefermittler Basu. Die London Bridge ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit einem betriebsamen Bahnhof, sie verbindet den Finanzdistrikt City of London mit dem Bezirk Southwark südlich der Themse.

Polizei auf der London Bridge im Zentrum der britischen Hauptstadt.
Polizei auf der London Bridge im Zentrum der britischen Hauptstadt.Foto: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Im Juni 2017 starben in der britischen Hauptstadt acht Menschen, nachdem Terroristen mit einem Transporter erst drei Menschen auf der London Bridge umgefahren und anschließend fünf weitere am Borough Market erstochen hatten. Polizisten erschossen die drei Täter. Im März desselben Jahres fuhr ein Angreifer mit einem Auto auf der Westminster Bridge in mehrere Fußgänger, vier Passanten starben. Der Mann erstach zudem einen Polizisten, ehe er von der Polizei erschossen wurde. Im August 2018 fuhr erneut ein Angreifer mit einem Auto in eine Menschengruppe.

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Erst Anfang November dieses Jahres hatte Großbritannien die Terrorwarnstufe auf „beträchtlich“ gesenkt – die niedrigste Stufe seit 2014. (dpa/AFP/Reuters)

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