Türkei und Deutschland : Bitte nicht aufhören zu singen!

Ein trauriges Lied im U-Bahnhof erinnert mich daran: Es gab eine kurze Zeit der Freiheit in der Türkei. Und dann kamen die Mitarbeiter der BVG. Eine Kolumne.

Deniz Utlu
De Istiklal Straße in Istanbul. Istiklal heißt Unabhängigkeit auf deutsch.
De Istiklal Straße in Istanbul. Istiklal heißt Unabhängigkeit auf deutsch.Foto: AFP

Im U-Bahnhof am Halleschen Tor habe ich einen Mann singen hören. Ein kurdisches Klagelied, so traurig, dass die Stimme keine zusätzlichen Emotionen hineinlegen musste. Den Klang begleitete der Mann mit einem Saiteninstrument, auf das er mit Klöppeln schlug. Ich war in Eile, blieb aber stehen. Der Gesang erinnerte mich an etwas, an ein Gefühl, an eine Zeit. An Istanbuler Abende vor Jahren, als da noch die ganze Nacht lang Musik war in der Istiklal-Straße.

Ich bin lange nicht mehr dort gewesen und kann nicht beurteilen, wie die Abende in der Istiklal-Straße heute sind. Aber ich höre, dass die Stimmung hin ist; dass die Buchhandlungen und Theater geschlossen haben; dass die Straße der Unabhängigkeit – denn das heißt Istiklal auf Deutsch – eine Einkaufsmeile für reiche Touristen geworden ist. Dass dort auch kurdisch gesungen wurde, übertragen durch die Lautsprecher der Musikgeschäfte, live in einigen Bars und letztlich auf der Straße, so wie hier jetzt, in diesem U-Bahnhof, wurde ohnehin erst vor Kurzem möglich. Denn viele Jahre war das Kurdische in der Türkei verboten. Aber es gab ein Zeitfenster der Freiheit, wo die Vielheit des Landes plötzlich sein durfte, vielleicht nur eine kurze Zeit und nur in privilegierten Kreisen, aber da war das Gefühl von Aufbruch und Poesie. Für einige Jahre war spürbar, welche Kraft im Pluralismus steckt. Eine Kraft, die ihren fröhlichen Höhepunkt bei den Gezi-Protesten 2013 fand, wo Religiöse und Säkulare, Kurden und Türken, Linke und Kemalisten zusammen protestierten mit Gesang und Musik, mit Gedichten und Witzen, die sie auf die Straßen schrieben.

Merkel besuchte Erdogan im Wahlkampf - half ihm das?

Und dann verlor das autoritäre Regime jede Hemmung, die Masken fielen, und staatliche Gewalt entlud sich an diesen Menschen, die ihre Solidarität feierten; es gab Verletzte, es gab Tote. Das war das Ende der Fröhlichkeit. Fast zwei Jahre später, im Juni 2015, verlor die Regierungspartei zum ersten Mal die absolute Mehrheit und die Demokratische Partei der Völker (HDP) unter Selahattin Demirtas kam ins Parlament. Heute sitzt Demirtas hinter Gittern. Erdogan akzeptierte die Wahlniederlage – also den Verlust der absoluten Mehrheit – nicht. Die Neuwahlen fanden im November 2015 statt. Wenige Wochen vorher besuchte Bundeskanzlerin Merkel Erdogan mitten im Wahlkampf, den sie auf diese Weise – gewollt oder nicht – unterstützte.

Der Rest: Putschversuch 2016, Festnahme von Zehntausenden Menschen, Referendum zur Einrichtung eines Präsidialsystems unter Entmachtung des Parlaments 2017, Installation des Ein-Mann-Regimes unter Erdogan im Sommer 2018. Viele Akademikerinnen, Künstlerinnen und Journalisten zogen, einige flohen, nach Berlin. All das geht mir durch den Kopf, während ich dem Klagegesang dieses jungen Mannes und den Schlägen auf sein Saiteninstrument zuhöre, während die Zeit stehen bleibt und ich mir wünsche, dass er einfach nicht aufhört zu singen. Doch dann unterbrechen ihn zwei BVG-Mitarbeiter. Der Musiker legt die Klöppel zur Seite und zieht einen Zettel aus der Tasche, seine Genehmigung. Als ich mein Kleingeld in seine Schachtel werfe, höre ich, dass die BVGler türkisch mit ihm sprechen. Ich mische mich ein: „Dass ihr das Lied an der schönsten Stelle unterbrechen musstet“, schimpfe ich spaßend. Und dann geschieht etwas, was sowohl mich als auch den Musiker lachen lässt, der BVGler entschuldigt sich: „Ja“, sagt er, „das ist uns dann auch aufgefallen, aber da war es zu spät.“ Der Musiker grinst mich an, während er zu ihnen sagt: „Das nächste Mal lasse ich euch das nicht durchgehen.“

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