Tunesien : Erste Frau zur Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt gewählt

Die islamistische Unternehmerin Suad Abderrahim übernimmt die Stadtverwaltung von Tunis. Aktivisten feiern das als Meilenstein für Frauenrechte.  

Suad Abderrahim nach ihrer Wahl im tunesischen Stadtrat.
Suad Abderrahim nach ihrer Wahl im tunesischen Stadtrat.Foto: Fethi Belaid/AFP

Suad Abderrahim strahlt, streckt die Arme in die Höhe und macht mit beiden Händen das Siegeszeichen. Um sie herum feiern islamistische Abgeordnete im Stadtrat der tunesischen Hauptstadt Tunis eine historische Entscheidung: Abderrahim, eine 53-jährige Pharma-Managerin, ist erste gewählte Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt. Aktivisten feiern ihren Erfolg als weiteren Meilenstein für Frauenrechte in der arabischen Welt. Erst vor kurzem hatte Saudi-Arabien Frauen erstmals das Autofahren erlaubt.

Es gibt nach wie vor relativ wenige Frauen in politischen Spitzenämtern des Nahen Ostens. Einige Länder haben zwar Ministerinnen: Ägypten hat acht weibliche Kabinettsmitglieder, und Sheikha Lubna Al Qasimi, die Ministerin für Toleranz der Vereinigten Arabischen Emirate, wurde vom Magazin „Forbes“ zur mächtigsten Frau in der arabischen Welt gekürt. Doch kein einziger Nahost-Staat wird von einer Frau geführt.

Vor drei Jahren sorgte die Bauingenieurin Zekra Alusch für Schlagzeilen, als sie Bürgermeisterin der irakischen Hauptstadt Bagdad wurde – anders als Abderrahim in Tunis wurde Alusch allerdings nicht gewählt, sondern von der irakischen Regierung eingesetzt.

Linke und säkuläre Politiker blieben der Abstimmung fern

Abderrahim ist in ihrer Stadt nicht unumstritten. Die Managerin, die ihr Haar offen trägt, ist Mitglied des Politbüros der islamistischen Ennahda-Partei. Kritiker werfen ihr vor, sie werde von der Partei eingesetzt, um Modernität und Weltoffenheit vorzutäuschen.

Bei der Bürgermeisterwahl in dieser Woche blieben linke und säkuläre Politiker der Abstimmung aus Protest gegen die Ennahda fern, doch Abderrahim setzte sich mit den Stimmen der Islamisten-Partei und einiger Verbündeter durch. Als Verwaltungschefin will sie sich nun vor allem darum kümmern, die Hauptstadt sauberer und grüner zu machen. Eine Reform der Müllabfuhr steht ganz oben auf ihrer Liste. „Tunesien macht Geschichte“, sagte Abderrahim nach der Wahl.

In Tunesien begann der Arabische Frühling

Wieder einmal, hätte sie hinzufügen können. Ende 2010 begann in dem kleinen nordafrikanischen Land die Welle von Aufständen, die im Jahr darauf den ganzen Nahen Osten erfasste und als Arabischer Frühling bekannt wurde. In Tunesien sowie in Ägypten, Libyen und Jemen stürzten autokratische Herrscher, während in Syrien ein brutaler Bürgerkrieg begann, der bis heute andauert.

Von allen Ländern des Arabischen Frühlings steht Tunesien heute trotz wirtschaftlicher Probleme, schwacher demokratischer Institutionen und autokratischer Tendenzen am besten da. Beim Thema Frauenrechte ist Tunesien in der Region ebenfalls führend, auch wenn das Erreichte für Aktivistinnen längst nicht genug ist.

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