Und was ist mit Alkohol? : Die halbblinde Suche nach Gründen für den Stuttgart-Exzess

Die genannten Zutaten zur Krawallnacht von Stuttgart: Gruppendynamik, Testosteron, Herkunft. Und dass getrunken wurde, wird tolerant übergangen? Ein Zwischenruf.

Politprominenz am demolierten Polizeiauto: Am 22. Juni besichtigten Bundesinnenminister Seehofer (r.) und Landesinnenminister Thomas Strobl den Tatort in der Stuttgarter City.
Politprominenz am demolierten Polizeiauto: Am 22. Juni besichtigten Bundesinnenminister Seehofer (r.) und Landesinnenminister...Foto: Marijan Murat/dpa

Nach den Gewaltexzessen in der Stuttgarter Innenstadt wird nach Herleitungen gesucht. Warum passiert so etwas?

Konfliktforscher Andreas Zick verweist auf Prozesse, die im Angesicht einer gemeinsamen Herausforderung (für Stuttgart wäre das die auftretende Polizei) viele Einzelne plötzlich zusammenschweißen und gruppendynamisch handeln lassen. Thomas Mohr von der Gewerkschaft der Polizei aus Mannheim verweist auf Kollegenaussagen, nach denen die Krawallbeteiligten „überwiegend migrantische Jugendliche“ gewesen seien und auch Erwachsene, die unter Testosteroneinfluss stünden, und „sich grundsätzlich an keine Verhaltensregeln halten“.

Gruppendynamik, Herkunft und ein Hormon waren somit als Problemhumus benannt. Und wie war das mit Alkohol? Von den 25 Verdächtigen im Alter von 14 bis 23 Jahren, gegen die inzwischen ermittelt wird, habe ein Teil „erheblich“ unter Alkoholeinfluss gestanden. Einer hatte 2,23 Promille.

Dass Alkohol zu aggressivem Verhalten führt, ist völlig unbestritten. Bis zu einem Drittel der jährlich aufgeklärten Gewaltdelikte wurde unter Alkoholeinfluss verübt. Zwei konkrete Zahlen dazu: 2011 waren es 31,8 Prozent. 2016 dann 27,3 Prozent.

Wenn der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl als Reaktion auf die Krawalle, zu deren Bilanz immerhin 19 verletzte Polizeibeamte gehören, ein Alkoholverbot für die Stuttgarter Innenstadt ins Gespräch bringt, ist wird das dem Problem gerecht und ist lösungsorientiert, und es wirkt sogar konfliktbereit.

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Alkoholverbote stehen im Heimatland der notorischen Bier- und Weintrinker im Ruf von Kamikazeaktionen. Bloß Pils und Schoppen nicht antasten, lautet der übliche Problemumschiffungskurs. Auf dem ist denn auch GdP-Mann Mohr unterwegs, der es für „zu kurz gesprungen“ hält, den Konsum von Alkohol kausal für den Gewaltausbruch mitverantwortlich zu machen. Springt Herkunft wirklich weiter?

Alkohol ist eine potenziell brutale Droge. Das betrifft ihre spontanen wie auch ihre langfristigen Folgen.

Bierpulle in der Hand? Geht immer

Umso unverständlicher, dass es hierzulande bis heute keine zivilisierte Umgangs- und Genusskultur gibt. Zu jeder Tageszeit gilt die Bierpulle in der Hand als toleriertes Accessoire, und wer nicht in die Scherben gleichgültig fallengelassener Flaschen treten will, kann ja selbst aufpassen.

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Ein Alkoholverbot für Innenstädte allein ist natürlich noch kein Kulturzugewinn. Es macht aber klar, was nicht geht. Selten genug in diesem Promillebereich.

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