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US-Experten gehen von mehr Todesfällen aus : „Wir wissen, dass die Zahlen höher sind“

Die Zahl der Covid-19-Toten steigt in den USA rasant an. Über die weitere Entwicklung sind sich Wissenschaftler Fauci und Präsident Trump jedoch uneins.

Ein Militärkrankenhaus in Seattle
Ein Militärkrankenhaus in SeattleFoto: Jason Redmond / REUTERS

Die Coronavirus-Task Force von Präsident Donald Trump hat die Menschen in den USA am Sonntag auf schwere Zeiten eingestimmt. Besonders die kommende Woche werde hart, so die Experten.

Anthony Fauci, einer der renommiertesten Experten für Infektionskrankheiten in den USA, warnte am Sonntag auf CBS angesichts der rasant steigenden Zahl der Infizierten, dass die Woche „eine schlechte Woche werden wird“. Zugleich appellierte er an die Amerikaner, Social Distancing weiter einzuhalten. Man kämpfe, um das Virus unter Kontrolle zu bringen.

Auch der Leiter des öffentlichen US-Gesundheitssystems, Jerome Adams sprach von der „härtesten und traurigsten Woche“, die den Amerikanern nun bevorstehe. Und zog einen historischen Vergleich: „Das wird unser Pearl-Harbor-Moment, unser 11. September, nur wird das nicht auf einen Ort begrenzt sein. Es wird im ganzen Land passieren. Und ich will, dass Amerika das versteht“, sagte er im Sender Fox News.

Die USA nähern sich der Marke von 10.000 Todesopfern an. Binnen 24 Stunden starben mehr als 1200 Menschen an der Lungenkrankheit. Laut der Übersicht der Johns-Hopkins-Universität liegt die Gesamtzahl der Toten bei 9653 (Montagmittag). Mehr als 337.000 Menschen haben sich mit dem Coronavirus infiziert.

Experten gehen von höheren Todeszahl in USA aus

Gesundheitsexperten und Regierungsbeamte gehen jedoch von einer höheren Todeszahl aus. Denn die US-Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten zählen nur diejenigen Todesfälle, bei denen das Coronavirus in einem Labortest nachgewiesen wurde. Das berichtet die "Washington Post". „Wir wissen, dass es eine Unterschätzung ist“, zitiert die Zeitung Sprecherin Kristen Nordlund.

Grund sei ein Mangel an Tests, vor allem zu Beginn des Ausbruchs in den USA. Dies habe dazu geführt, dass Menschen mit Atemwegserkrankungen starben, ohne als Opfer der Pandemie gezählt zu werden, sagen Epidemiologen.

Bestattungsunternehmen und medizinischen Prüfern zufolge würden auch jetzt Menschen, die zu Hause sterben, nicht getestet werden. Die Vorgehensweise ist in den Bundesstaaten sehr unterschiedlich. Denn einige Beamte sprechen sich dafür aus, die Tests für die Lebenden zu nutzen, um keine Ressourcen zu verschwenden.

Trump zeigt sich optimistischer als viele Experten

Präsident Trump schrieb angesichts der steigenden Todeszahlen auf Twitter ebenfalls von „zwei harten Wochen“, die den USA bevorstünden. Zur weiteren Entwicklung der Coronavirus-Pandemie äußerte sich der US-Präsident jedoch weit optimistischer als viele Experten. Zwar werde Amerika in den kommenden Tagen den „Höhepunkt dieser schrecklichen Pandemie“ ertragen. Aber man beginne „das Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, sagte Trump am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Washington.

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„Man kann aber nie glücklich sein, wenn so viele Menschen sterben.“ Er hoffe jedoch auf ein „Abflachen“ der Kurve in den Brennpunkten des Landes.

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Damit nahm Trump Bezug auf New York, den derzeit am schlimmsten betroffenen US-Bundesstaat. Am Sonntag meldeten die Behörden fast 600 Tote und mehr als 7300 neue bestätigte Coronavirus-Fälle. Allerdings ging die Zahl der Toten erstmals seit einer Woche leicht zurück. „Vielleicht ist das ein gutes Zeichen“, sagte Trump.

Trump (l) und Wissenschaftler Fauci sprechen am Sonntag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zur Coronavirus-Pandemie.
Trump (l) und Wissenschaftler Fauci sprechen am Sonntag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zur Coronavirus-Pandemie.Foto: AFP/Eric Baradat

Der US-Präsident erklärte zudem, dass die Regierung „riesige Mengen, 29 Millionen Dosen“ des Medikaments Hydroxychloroquin gekauft habe. Hydroxychloroquin ist ein Malariamedikament, das von der Trump-Administration für die Verwendung für klinische Proben in New York genehmigt wurde. Es besteht jedoch derzeit kein wissenschaftlicher Konsens, dass das Medikament geeignet ist.

Auch Fauci mahnte Präsident Trump zur Vorsicht. Nach dem Wissenschaftler gehe es darum, das Medikament begrenzt und kontrolliert einzusetzen, um Daten über dessen Wirksamkeit zu sammeln.

Zudem äußern Gesundheitsexperten Bedenken, da das Medikament zu Herzbeschwerden und Sehstörungen führen kann. Auf die Rückfrage eines NBC-Journalisten entgegnete Trump, dass er keine Bedenken für den Einsatz habe: „Wenn es funktioniert, großartig. Wenn es nicht funktioniert... tötet es keine Menschen.“

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Ein CNN-Journalist wollte in der Pressekonferenz weiter von Trump wissen, wieso er nicht warte, bis es wissenschaftliche Erkenntnisse zu dem Einsatz von Hydroxychloroquin gebe. Trump behauptete daraufhin, er habe das Medikament nicht explizit gepusht und griff den Reporter für die Fragestellung an. Ein weiterer Reporter bat Fauci um eine Stellungnahme hierzu, doch Trump intervenierte.

Unstimmigkeiten zwischen Trump und vielen Gouverneuren

Auch zwischen Trump und den Gouverneuren, insbesondere demokratischen Gouverneuren, zeigt sich, wie unterschiedlich die Einschätzungen der Lage sind. So stellte Trump in Frage, ob die von New Yorks Gouverneur Andrew M. Cuomo beauftragten 30.000 Beatmungsgeräte notwendig seien.

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Zudem griff Trump den Gouverneur von Illinois, J. B. Pritzker an. Dieser hatte erklärt, er habe die Hilfe der Regierung „aufgegeben“. Trump entgegnete, seine Regierung habe viel für Illinois getan und beispielsweise 600 Beatmungsgeräte geschickt. Doch Pritzker mache nicht das, was er als Gouverneur in der Krise machen müsste. „Er hat nicht gut gespielt“, sagte Trump.

Präsident Trump wehrt sich in den vergangen Tagen verstärkt gegen die Kritik, dass die US-Regierung nicht genug getan habe, um Beatmungsgeräte an die Bundesstaaten zu verteilen. Stattdessen kritisiert er die Gouverneure, die Trump zufolge mehr Geräte fordern, als sie brauchen werden. (Mit dpa)

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