• US-Forscher warnen vor Folgen von Pandemien: Die Spanische Grippe begünstigte den Aufstieg der Nationalsozialisten

US-Forscher warnen vor Folgen von Pandemien : Die Spanische Grippe begünstigte den Aufstieg der Nationalsozialisten

Die langfristigen Auswirkungen von Pandemien sind immens. Einer US-Studie zufolge hat die Spanische Grippe die deutsche Bevölkerung „tiefgreifend geprägt“.

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen im Jahr 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses in Kansas (USA)
Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen im Jahr 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses in Kansas (USA)Foto: picture alliance / National Muse

Welche langfristigen Folgen hat das Coronavirus für die politische Weltordnung? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Menschen und die Wissenschaft weltweit. Eine Studie der New York Federal Reserve Bank, die am Montag veröffentlicht wurde, verdeutlicht nun anhand der Spanischen Grippe, wie Pandemien die politische Welt beeinflussen können. Die Influenza-Pandemie habe „die deutsche Gesellschaft tiefgreifend geprägt“, heißt es in dem Bericht.

Der Studie zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen der Pandemie von 1918 bis 1920 und dem Aufstieg der NSDAP zu Beginn der 1930er Jahre. Die Studienergebnisse zeigen, dass in den deutschen Städten mit den meisten Toten die Sozialausgaben zurückgingen. Die Kommunen hätten in den nachfolgenden Jahren weniger Geld pro Kopf für die Bewohner ausgegeben. Und die Menschen in diesen Städten waren der Studie zufolge eher geneigt, für die nationalsozialistische Partei zu wählen.

Der Autor der Studie, Ökonom Kristian Brickle, stellte eine Korrelation von Influenza-Todesfällen und dem Stimmzuwachs für die Nationalsozialisten fest. Diese gelte auch, wenn andere Faktoren wie etwa die ethnische und religiöse Zusammensetzung der Stadt und die regionale Arbeitslosigkeit berücksichtigt wurden. Brickle hatte hierfür die deutschen Wahlen von 1932 und 1933 untersucht.

„Influenza-Todesfälle selbst hatten einen starken Einfluss auf den Stimmenanteil von Extremisten, insbesondere der extremistischen nationalsozialistischen Partei“, heißt es in der Studie. Für andere politische Extreme, wie die Kommunisten, gebe es diese Effekte nicht.

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Die Untersuchung der Federal Reserve Bank of New York ergab zudem, dass die Spanische Grippe zu einem „Groll“ gegen Ausländer und Minderheiten geführt habe. „Die Korrelation zwischen der Influenza-Sterblichkeit und dem Stimmenanteil von Rechtsextremisten ist in Regionen stärker, in denen Minderheiten, insbesondere Juden, historisch für mittelalterliche Plagen verantwortlich gemacht wurden", heißt es in dem Bericht.

In einer Zeit, in der Staaten weltweit unter der Pandemie leiden und in der in westlichen Demokratien längst Populisten an der Regierung sind, kann die Studie als Alarmzeichen verstanden werden.

Ökonom Brickle gibt aber auch zu Bedenken, dass vor allem junge Menschen unter der Influenza-Pandemie von 1918 litten. Diese hätten womöglich andere „Präferenzen“ in den Gemeinden. Die demographische Betroffenheit unterscheidet sich in der Corona-Pandemie. Vor allem ältere Menschen sind von der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit betroffen.

„Wir sind vorsichtig bei der Interpretation unserer Ergebnisse", schreibt der Autor Kristian Brickle. „Dennoch bietet die Studie einen neuartigen Beitrag zur Diskussion um die Langzeiteffekte von Pandemien.“

Die Spanische Grippe war eine Influenza-Pandemie, die sich am Ende des Ersten Weltkrieges verbreitete. Zwischen 1918 und 1920 entwickelte sich die Pandemie in drei Wellen und kostete unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 27 und 50 Millionen Menschen das Leben. Sie gilt als die schlimmste Pandemie der Geschichte.

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