Verbündete statt Gegner : Wie Grüne und Wirtschaft sich einander nähern

Ökologie gegen Ökonomie – das war einmal. Auf ihrem Weg in die politische Mitte setzten die Grünen neuerdings auf einen organisierten Dialog mit der Wirtschaft.

Ungewohnter Gast: Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, beim Parteitag der Grünen in Münster (2016).
Ungewohnter Gast: Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, beim Parteitag der Grünen in Münster (2016).Foto: Bernd Thissen/dpa

Es war eine kleine Sensation, als der Mann mit dem Schnäuzer beim Grünen-Parteitag auf die Bühne trat. Dieter Zetsche, Vorstandschef von Daimler, war im November 2016 nach Münster gekommen, um mit der Ökopartei über den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor zu streiten. Für die Grüne Jugend war der Auftritt eine Provokation, doch der damalige Parteichef Cem Özdemir versteckte seinen Stolz nicht: Es sei doch „ein Kompliment“, dass einer der wichtigsten Autokonzernlenker zu den Grünen komme und nicht zu anderen Parteien, wenn es um die Zukunft der Branche gehe, rief er den Delegierten zu.

Die Grünen und die Wirtschaft – das war nicht immer eine unkomplizierte Beziehung. Doch inzwischen besetzen die Grünen nicht nur in einigen Ländern das Wirtschaftsministerium (Tarek Al-Wazir in Hessen, Ramona Pop in Berlin, und bis Mai 2016 mit Eveline Lemke in Rheinland-Pfalz). Seit einer Weile steigt auch das Interesse von Unternehmern an der Ökopartei spürbar. Beide Seiten suchen den Dialog, es entstehen neue Initiativen, Grüne und Wirtschaft vernetzen sich.

Kerstin Andreae und Cem Özdemir beim Wahlkampfauftakt der baden-württembergischen Grünen 2017.
Kerstin Andreae und Cem Özdemir beim Wahlkampfauftakt der baden-württembergischen Grünen 2017.Foto: Patrick Seeger/dpa

Wirtschaftsrunde tagte im Verborgenen

Auch Cem Özdemir legte sich als Parteichef einen kleinen, informellen Kreis von rund 15 Unternehmern zu, die sich in unregelmäßigen Abständen mit ihm trafen. Für ihn zählte es zu den Erfolgen seiner Amtszeit, dass er einen guten Draht zur Wirtschaft etablierte. Im Bundestagswahlkampf 2017 posierte er auf einem Plakat im seriösen blauen Zweiteiler: „Zwischen Umwelt und Wirtschaft gehört kein Oder“, hieß der Slogan. Doch zugleich bedauerte Özdemir, dass so wenig Unternehmer bereit waren, sich zu den Grünen zu bekennen. Auch seine Wirtschaftsrunde tagte im Verborgenen.

Das hat sich geändert. Die Grünen im Bundestag haben einen Wirtschaftsbeirat ins Leben gerufen. Initiatorin ist die Wirtschaftspolitikerin Kerstin Andreae, der es gelang, auch Vertreter großer Konzerne zu verpflichten. Berührungsängste gibt es offenbar kaum noch: Fast alle der rund 50 Mitglieder gehen offen damit um. Zu der Runde gehören Martin Brudermüller, Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF und Hagen Pfundner, Vorstand von Roche Pharma. Premal Desai, Vorstand bei Thyssen Krupp Stahl, ist ebenso dabei wie Gerd Chrzanowski, der bei der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) für die zentralen Dienste zuständig ist. „Wir haben explizit nicht nur Unternehmer und Manager eingeladen, die den Grünen nahestehen“, sagt Andreae. Neben den Branchengrößen gehören Mittelständler, Start Ups, Berater und Verbandsleute dazu. Das Interesse ist groß, es gibt sogar eine Warteliste.

Berlins Wirtschafssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen) mit Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei einem Pressegespräch.
Berlins Wirtschafssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen) mit Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei einem Pressegespräch.Foto: Foto: Christoph Soeder/dpa

Andreae sieht die Unternehmer nicht als Gegner, sondern als Verbündete. „Es wird uns nur zusammen mit der Wirtschaft gelingen, den Klimawandel zu stoppen. Das Ziel, das uns eint, ist ein CO2-armes Wirtschaften“, sagt sie. „Auch Wirtschaftsvertreter denken darüber nach, wie die Welt in 50 Jahren für ihre Kinder aussieht.“ Ihr gehe es auch nicht darum, in der Runde grüne Botschaften zu verbreiten. „Wir wollen parlamentarische Initiativen offen zur Diskussion stellen, zuhören und neue Ideen sammeln“, sagt sie. Kontroversen will sie nicht aus dem Weg gehen. „Wir wollen auch hören, welche unserer Vorschläge von manchen Praktikern skeptischer gesehen werden.“

Und was versprechen sich die Wirtschaftsvertreter? Er wisse aus Erfahrung, dass ein konstruktiver Austausch helfen könne Berührungsängste abzubauen, sagt Pharma-Mann Pfundner. Das sei Voraussetzung, um politische Lösungen zu entwerfen, die den wirtschaftlichen Realitäten Rechnung trügen. BASF-Chef Brudermüller sagt, er habe die Einladung der Grünen gern angenommen. Um die Zukunft nachhaltig zu gestalten, brauche man eine innovationsoffenere Gesellschaft. Dabei gebe es unterschiedliche Auffassungen über den besten und effizientesten Weg dahin. Deshalb müsse man offene Diskussionen führen.

Spielregeln für manche ungewohnt

Die erste Runde fand im vergangenen Oktober statt, das zweite Treffen ist für Mitte Februar angesetzt, Thema ist Europa. Für manche Wirtschaftsvertreter sind die Spielregeln noch ungewohnt: Es gelten strikte Redezeitbegrenzungen, drei Minuten pro Person, egal ob Spitzenmanager, Fraktionschefin oder Gründer. Die erste Sitzung sei von großer Offenheit aller Beteiligten und durch eine Vielfalt von Perspektiven geprägt gewesen, lobt BASF-Mann Brudermüller. „Die Diskussion war sehr anregend“, lobt er – insbesondere da sie die Möglichkeit geboten habe, ganz unterschiedliche Positionen auszutauschen und zu beleuchten.

Fast zur gleichen Zeit wie der Wirtschaftsbeirat gründete sich der „Grüne Wirtschaftsdialog“, ein Verein, in dem Unternehmer ebenfalls den Austausch mit den Grünen suchen. Die Idee hatte Thomas Gambke, der selbst ein Hightech-Unternehmen gründete, bevor er 2009 für die Grünen in den Bundestag einzog. „Es gibt in den Unternehmen seit Längerem eine deutliche Bewegung Richtung grün“, sagt Gambke. Diese Erfahrung habe er zum ersten Mal vor 15 Jahren als Manager beim Glashersteller Schott gemacht. „Als ich mich damals als Grüner outete, haben mir etliche Managerkollegen gesagt, dass auch sie grüne Ziele unterstützen und auch die Grünen gewählt haben.“

Thomas Gambke gründete ein Hightech-Unternehmen, bevor er 2009 für die Grünen in den Bundestag einzog.
Thomas Gambke gründete ein Hightech-Unternehmen, bevor er 2009 für die Grünen in den Bundestag einzog.Foto: Tim Brakemeier/dpa

Bis 2017 kümmerte Gambke sich in der Bundestagsfraktion um Mittelstandspolitik. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament beschloss er, seine Kontakte zu nutzen und den Wirtschaftsdialog ins Leben zu rufen. Im Vorstand sind neben ihm unter anderem ING-DiBa-Vorstandsmitglied Bernd Geilen, Ophelia Nick aus dem Aufsichtsrat des Maschinenbauers Voith, sowie der Biobäcker Roland Schüren vertreten. 30 ordentliche Mitglieder gibt es bisher und über 200 Interessierte, Familienunternehmen wie der Autozulieferer Mahle, aber auch Konzerne wie die Telekom. „Wir haben enormen Zulauf“, sagt Gambke.

Vorteil Umfragewerte

Natürlich helfe es, dass die Grünen derzeit in den Umfragen bei Werten um 20 Prozent gehandelt würden. Aber viele Unternehmer teilten auch das Ziel der Grünen, eine ökologische Marktwirtschaft zu schaffen. Der Verein will regelmäßige Diskussionen zwischen Spitzenkräften aus der Wirtschaft mit Grünen-Politikern organisieren. Außerdem sollen sich Fachforen über zwei Jahre intensiv mit einem speziellen Thema auseinandersetzen, daraus sollen Positionspapiere oder Initiativen entstehen. „Wir wollen nicht nur ein Debattierclub sein, sondern konkrete Vorschläge erarbeiten, etwa zur Mobilität“, sagt Gambke.

Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, hat keine Berührungsängste vor den Grünen.
Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, hat keine Berührungsängste vor den Grünen.Foto: Uwe Anspach/dpa

Auch wenn Grüne und Wirtschaftsvertreter oft noch nicht einer Meinung sind, so hat sich in den letzten Jahren doch etwas in der Diskussion über ökologisches Wirtschaften verändert. „Viele Unternehmer wissen, dass wir unbequem sind“, sagt Gambke. „Aber sie schätzen unsere Kontinuität.“ Bei langfristigen Investitionsentscheidungen sei es wichtig, dass es „verlässliche politische Leitplanken“ gebe. Im Wirtschaftsbeirat der Fraktion kam beispielsweise die Grünen-Forderung nach einem C02-Preis zur Sprache. Vonseiten der Wirtschaft gebe es eine große Offenheit, über Regulierung zu reden, hat Unternehmensberaterin Julia Eckey in der Runde beobachtet. „Wenn diese klug durchdacht ist und auf europäischer Ebene ein ’level playing field’ schafft, also gleiche Regeln für alle, dann ist das auch im Sinne der Unternehmen“, sagt Eckey, die für die Firma Joschka Fischer & Company arbeitet.

„Das Vertrauen wächst“

Mitstreiter beim Thema CO2-Steuer sind grundsätzlich auch die Betriebe, die bei Unternehmens-Grün organisiert sind, dem Verband, der sich für eine nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzt. In den letzten Jahren sei auch ihr Verband stetig gewachsen, sagt Geschäftsführerin Katharina Reuter: Mittelständler wie Vaillant sind hier organisiert, aber zunehmend auch Start-ups, mittlerweile 306 Unternehmen. Seit einer Weile suchen die Öko-Pioniere gezielt auch den Austausch mit der vermeintlich anderen Seite wie der Mittelstandsvereinigung der CDU. Noch reiche die Gemeinsamkeit nicht, dass man gemeinsame Positionspapiere verfasse, sagt Reuter. Aber bei den jährlichen Treffen hätten beide Seiten gemerkt, dass man in vielen Fragen nicht so weit auseinander sei. „Das Vertrauen wächst.“ Zumindest würde dort wohl keiner mehr anzweifeln, dass Ökologie und Wirtschaftlichkeit zusammengehen. Im Jahr 1992 mussten die Gründer von Unternehmens-Grün sich noch ganz andere Sprüche anhören. Damals kommentierte ein FDP-Landtagsabgeordneter in Stuttgart: „Ein ökologischer Unternehmerverband – das gibt’s doch gar nicht!“

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