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Ukrainische Truppen stehen offenbar an der Grenze zu Russland.
© Ukrainian Ministry of Defence/Reuters

Der Angriff zur Verteidigung: Was aus dem ukrainischen Vorstoß zur russischen Grenze folgt

Die umfangreiche Gegenoffensive der Ukraine hatte sich angedeutet. Russland versucht, diese gezielt abzuwehren – und will offenbar 2500 Reservisten schicken.

Es ist ein Video mit nicht zu unterschätzender Symbolkraft, das das ukrainische Verteidigungsministerium in der Nacht auf Montag veröffentlichte: Es zeigt Dutzende Soldaten an der Grenze zu Russland. Das Video ist schwer zu verifizieren, doch ist davon auszugehen, dass die Aufnahme real ist. Denn die Entwicklung hatte sich angedeutet.

Bereits in der vergangenen Woche hieß es, die ukrainischen Soldaten hätten sich bis auf zehn Kilometer an die Grenze herangearbeitet. Vorausgegangen waren Rückeroberungen von zahlreichen teils seit Ende Februar russisch besetzten Vororten der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw. Die Grenze liegt auf dem kürzesten Weg rund 40 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

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Die Ukrainer drängten die Russen um Charkiw bei ihrem Vorstoß offenbar weit zurück. Einem Lagebericht der Bundeswehr vom Donnerstag zufolge, aus dem „Business Insider“ zitiert, mussten die russischen Soldaten bis auf fünf bis zehn Kilometer an die ukrainisch-russische Grenze ausweichen. Die ukrainische Soldaten „nähern sich bzw. erreichen die ukrainisch-russische Grenze“, heißt es da bereits.

Unweit der Grenze liegt der wichtige russische Militärstützpunkt für die Offensive im Süden und Osten der Ukraine, die Operationsbasis Belgorod. Dort sammeln sich die Soldaten, die aus anderen Teilen des Landes abgezogen wurden, und werden wieder kampffähig gemacht. Derzeit trainieren dort auch 2500 Reservisten, um in den Kampf geschickt zu werden, wie das US-Thinktank „Institute for the Study of War“ berichtet.

Demnach habe sich der russische Kommandeur zudem dazu entschlossen, Streitkräfte aus dem Donbass in die Umgebung von Charkiw zu verlegen, um die Nachschubachse von Belgorod nach Isjum nicht zu verlieren.

Das Ziel sei „vermutlich nicht die grundlegende Sicherstellung der Offensive der Isjum-Achse, sondern russische Streitkräfte im Norden von Charkiw zu verstärken, um eine Ausweitung der seit Tagen erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive in Richtung ukrainisch-russische Grenze zu verhindern“, heißt im Lagebericht der Bundeswehr.

Das russische Dilemma, ob die Konzentration zunächst dem Norden Charkiws oder weiterhin der Offensive im Donbass gilt, scheint damit gelöst. Die Ukraine darf dies als großen Zwischenerfolg verbuchen. Der Plan, sich durch kleinere Angriffe auf größerem Terrain zu verteidigen, geht derzeit auf.

Denn: Ohne die Achse Belgorod-Isjum kann Russland die vermeintlich entscheidende Schlacht im Donbass nicht gewinnen, da sind sich Experten seit Wochen einig. Den ukrainischen Streitkräften gelingt es seit Wochen, für den Nachschub wichtige russische Konvois aufzuhalten oder sogar zu zerstören. Zunächst mit Luftangriffen aus weiter Entfernung, durch die Eroberungen können die Ukrainer den Radius immer weiter verkleinern.

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Dem „Institute for the Study of War“ zufolge reagieren die russischen Streitkräfte auf die ukrainische Gegenoffensive, indem sie die Soldaten dort beschießen, wo sie ihrer Achse am nächsten kommen. Im Nordosten Charkiws sollen die ukrainischen Soldaten die Russen bereits auf 60 Kilometer Entfernung zur Stadt zurückgedrängt haben und die Achse in der Nähe von Woltschansk in unmittelbarer Nähe zur Grenze bedrohen.

Können die Reservisten die russischen Verluste ausgleichen?

Ob die ukrainischen Soldaten dort die Grenze erreicht haben, ist nicht überliefert. Sicher ist nur, dass Russland alles daran setzen wird, die Gegenoffensive Richtung Belgorod und auf die Achse in den Donbass schnellstmöglich niederzuschlagen. Denn Soldaten, die umverteilt werden, fehlen folglich im Donbass.

Fraglich ist dem „Institute for the Study of War“ zufolge auch, ob die 2500 Reservisten, die aus Belgorod in den Süden und Osten der Ukraine geschickt werden sollen, die Verluste, die die Russen in den vergangenen Wochen erlitten haben, ausgleichen können. In einigen Gegenden sollen die Verluste bis zu 20 Prozent der ursprünglichen Truppenstärke umfassen.

Außerdem gibt es Zweifel daran, wie hilfreich die Reservisten sind. Der ukrainische Geheimdienst berichtet, dass Russland die Reservisten in den Kampf schicken dürfte, bevor sie ausreichend Training hinter sich haben, um effektiv kämpfen zu können. Schließlich drängt die Zeit – wie das ukrainische Video an der Grenze zu Russland zeigt.

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